Bundestagsrede von Kai Gehring 14.04.2011

Perspektiven für Jungen und Männer

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als ich vor fünf Jahren die Einführung des Boys' Day gefordert habe, bin ich von nicht wenigen in diesem Haus dafür belächelt worden.

(Michaela Noll [CDU/CSU]: Aber nicht von mir! Ich fand das immer gut!)

Heute gibt es endlich den ersten bundesweiten Boys' Day. Das begrüßen wir. Wir wünschen allen Beteiligten viel Erfolg.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Ab­geordneten der SPD)

Noch besser wäre, wenn der Girls' Day – übrigens herzlichen Glückwunsch zum heutigen zehnten Geburts­tag – und der Boys' Day an verschiedenen Tagen statt­finden würden. Damit würde man beiden Geschlechtern noch gerechter.

(Beifall der Abg. Katja Dörner [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])

Für eine nachhaltige Jungenpolitik reicht ein einzel­ner symbolischer Boys' Day aber nicht aus. Wir brau­chen einen grundlegenderen Ansatz.

(Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Deswegen ha­ben wir einen Antrag eingebracht!)

Geschlechtergerechtigkeit für Jungen und Mädchen kann nur dann Normalität werden, wenn sie jeden Tag gelebt wird.

(Michaela Noll [CDU/CSU]: Richtig!)

Von der Kindertagesstätte an sollte jeder und jede frei von tradierten Klischees verschiedene Rollenmuster und Angebote kennenlernen können –

(Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Ganz ohne Tradition ist auch nicht schön!)

ohne Bevormundung, dafür mit Wahlfreiheit und Freude an Vielfalt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Daher sollten neue Wege und Perspektiven für Jungs das ganze Jahr über aufgezeigt werden:

(Zuruf von der FDP: Ja, genau! – Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Dafür gibt es doch diesen hervorragenden Antrag!)

im Bildungssystem, in der Jugendhilfe und in der Be­rufswelt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP)

Es gibt durchaus Forderungen in Ihrem Antrag, die unterstützenswert sind, zumal wir seit langem etwa Pro­bleme von Jungen im Bildungssystem thematisieren. Manche Jungs stehen tatsächlich auf der Standspur. Viele Mädchen scheinen auf der Überholspur zu sein. Im Durchschnitt schneiden sie in der Schule besser ab, neh­men häufiger ein Studium auf, machen bessere Ab­schlüsse. Trotzdem sind Frauen in Führungspositionen immer noch eine Seltenheit. Trotzdem entscheidet die soziale Herkunft viel stärker über den Bildungserfolg als das Geschlecht. Deshalb müssen wir vor allem da anset­zen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Sönke Rix [SPD])

Besonders bei der Finanzierung von Jungenarbeit und der tatsächlichen Verankerung bleibt Ihr Antrag völlig nebulös. Jungenpolitik darf nicht auf Kosten der weiter­hin notwendigen Mädchenpolitik gehen.

(Zuruf von der FDP: Das will doch keiner!)

Das ist offensichtlich auf der rechten Seite des Hauses Konsens. Dies wäre ein schwerer Fehler. Dies würde von uns entschieden abgelehnt.

(Beifall der Abg. Katja Dörner [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN] und Jörn Wunderlich [DIE LINKE] – Michaela Noll [CDU/CSU]: Von mir auch!)

Wir wollen eine Jungenpolitik, die Jungen individuell fördert, ihnen bessere Teilhabe ermöglicht, neue Per­spektiven eröffnet und Mädchenpolitik sinnvoll ergänzt. Sie können sich ein gutes Beispiel etwa an Nordrhein-Westfalen nehmen, wo eine Mittelerhöhung des Kinder- und Jugendförderplans um 25 Prozent vorgesehen ist und die darin enthaltenen Gendermittel verdoppelt wer­den – sowohl für Jungenförderung als auch für Mäd­chenförderung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN – Ewa Klamt [CDU/CSU]: Nur das Geld ist nicht da! Die Frage ist, wer das bezahlt!)

– Sie wissen, Jugendförderung ist Zukunftsinvestition.

Wir wollen, dass sich das Spektrum bei der Ausbil­dungs- und Studienwahl von Jungen erweitert und sie sich für weitere Berufe begeistern. Mehr als die Hälfte der männlichen Auszubildenden entscheidet sich für ei­nen jungentypischen Ausbildungsberuf. Leider ist noch kein einziger aus dem sozialen, erzieherischen oder pfle­gerischen Bereich darunter. Hier sind Männer deutlich unterrepräsentiert. In Kitas stellen sie nur 3,5 Prozent des Personals, obwohl die EU seit Jahren einen Anteil von 20 Prozent anpeilt. Automechatroniker und Koch sind spannende Ausbildungsberufe. Wir wollen aber mehr Männer für Pflege- und Erzieherberufe gewinnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP)

Weil das so ist, müssen viel stärker als bisher in allen Schulen Geschlechterklischees, in der Berufsberatung und -orientierung geschlechterstereotypische Berufsinte­ressen hinterfragt werden.

(Zuruf von der FDP: Ganz genau!)

Der Bundesregierung und Ministerin Schröder fehlt aber offenbar der notwendige Gestaltungswille, um Ge­schlechtergerechtigkeit zu verwirklichen. Sie müssen endlich an geschlechtsspezifische Benachteiligungen im Berufsleben heran. Die müssen sie konkret angehen.

(Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Machen Sie einen Vorschlag!)

Frauen werden in ihren beruflichen Karrierewegen aus­gebremst. Die Chefsessel bleiben männlich besetzt.

Hier betreiben Sie, Frau Schröder, im Kabinett Blo­ckadepolitik und werden Ihrem Amt nicht gerecht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sie sind die erste Bundesfrauenministerin, die eine Frau­enquote in den Aufsichtsräten und in den Vorständen ak­tiv hintertreibt. Es geht hierbei konkret um Geschlech­terpolitik und Geschlechtergerechtigkeit.

(Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Machen Sie doch mal einen Vorschlag!)

Da muss ich Ihnen sagen: Folgenlose Appelle und Flexi-Selbstverpflichtungen bringen bei diesem Thema genauso wenig wie bei der skandalösen Lohndiskrimi­nierung, die es in diesem Land immer noch gibt. Glei­cher Lohn für gleichwertige Arbeit – nur das ist fair. Das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen. Daher müs­sen Sie endlich aktiv werden.

Wir werden bei der heutigen Debatte das Gefühl nicht los, dass diese Initiative von Ihrem frauenpolitischen Nichtstun ablenken soll. Frau Schröder, wir wollen end­lich Taten sehen. Wir kritisieren auch Ihre unsachliche Feminismuskritik, mit der Sie nur von eigenen Versäum­nissen ablenken wollen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Sie erklären den Geschlechterkampf für beendet. In Gastbeiträgen in der FAS führen sie ihn aber munter wei­ter, indem Sie sozusagen Feminismus-Bashing betrei­ben. Sie bauen einen Popanz auf, indem Sie dort behaup­ten, es gebe eine verbreitete Ablehnung der Jungen-politik. Das sehe ich so nicht. Das Gegenteil ist doch der Fall.

(Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Stimmen Sie doch einfach unserem Antrag zu, Herr Gehring!)

Das beweist der heutige erfolgreiche Boys' Day ein­drucksvoll. Feminismus-Bashing ersetzt keine ge­schlechtergerechte Politik für Frauen und Männer, son­dern schadet nur.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Das Ausspielen von Mädchenförderung gegen Jun­genpolitik ist ebenso falsch wie Ihr Versuch, die untaug­liche Familienpflegezeit als neue Männerpolitik zu ver­kaufen. Es ist genauso falsch, die Ausweitung der Partner- und Vätermonate beim Elterngeld einfach zu beerdigen. Denn hiermit wären große Schritte in Rich­tung Gleichstellung möglich. Es ist ebenso falsch, am antiquierten Ehegattensplitting und der Zuhausebleib­prämie Betreuungsgeld festzuhalten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Diana Golze [DIE LINKE])

Sie bedienen mit solchen Scheindebatten gegen den vermeintlich alten Feminismus letztlich abgestandene Klischees. Moderne Gleichstellungspolitik lässt sich nur mit Frauen und Männern gemeinsam gestalten. Denn Männer sind Partner für die Gleichstellungspolitik. Das sage ich auch als männlicher Feminist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Auch Männer wollen eine neue Arbeitszeitpolitik. Auch Männer profitieren von mehr Kita- und Ganztags­schulplätzen. Auch sie wollen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Moderne Väter sind keine Fata Morgana. Sie wollen weder von Kollegen noch Vorge­setzten schief angeguckt werden,

(Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Macht doch niemand! Was für Leute kennen Sie denn? Das ist ja schrecklich!)

wenn sie Teilzeitarbeit einfordern, Vätermonate bean­spruchen oder sagen: Ich muss heute auch einmal um 14 Uhr gehen, weil ich Vater geworden bin. – Da ist es völlig egal, ob diese Väter Automechatroniker, Grund­schullehrer, Spitzenmanager oder Staatssekretär sind.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Männer brauchen eine bessere gesundheitliche Prä­vention. Wir brauchen keine blöden und dumpfen Sprü­che wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" mehr. Dies führt nur dazu, dass sie bezüglich der eigenen Ge­sundheit oder Ungesundheit Warnsignale überhören. Männer wollen wertvolle Zeit. Sie wollen auch eine Ent­schleunigung im Beruf. Moderne Männer wollen Verant­wortung teilen und vorgegebene Geschlechterrollen ver­lassen. Sie wollen Neues ausprobieren.

Männer und Frauen wollen egalitäre Partnerschafts­modelle leben. Weil das so ist, muss eine geschlechter­gerechte Politik schon heute kluge und flexible Rahmen­bedingungen dafür schaffen. Genau das tun Sie nicht. Genau das leistet auch Ihr Antrag nicht. Ein gemeinsa­mer Ansatz, der beiden Geschlechtern nutzt, bedeutet nicht, gesellschaftlichen Konflikten aus dem Weg zu ge­hen. Das aber tut die Ministerin. Statt warmer Worte wollen wir eine mutige Gleichstellungspolitik. Das heißt: Ausweitung der Partnermonate beim Elterngeld.

Vizepräsidentin Petra Pau:

Kollege Gehring, bitte achten Sie auf die Zeit.

Kai Gehring(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Das heißt: Frauenquote für die Aufsichtsräte und Vor­stände. Das heißt: eine emanzipierte Jugendpolitik, die geschlechtersensibel ist und für Jungen und Mädchen die besten Voraussetzungen für die Zukunft schafft.

Herzlichen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie des Abg. Peter Wichtel [CDU/CSU] – Paul Lehrieder [CDU/CSU]: Der Anfang war gut, Herr Gehring!)

 

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