Bundestagsrede von Katrin Göring-Eckardt 14.04.2011

Präimplantationsdiagnostik

Präsident Dr. Norbert Lammert:

Die Kollegin Katrin Göring-Eckardt erhält nun das Wort.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der SPD)

Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Die Mutter eines behinderten Kindes fragt in Christ & Welt: Was empfinden Menschen wie mein Sohn ange­sichts solcher Debatten – sie, die sich besonders mühen müssen, in dieser Welt zurechtzukommen, gerade weil sie etwas anders ticken, als es die Norm erfordert, die sich enorm anstrengen, dazuzugehören, und dabei doch immer wissen, dass sie Sonderfälle sind, gnädigerweise alimentiert von der Gesellschaft? Mein Sohn muss zur Kenntnis nehmen, dass er als Risiko definiert wird, dass es als Fortschritt gilt, wenn möglichst wenige seiner Art geboren werden. – Und gleichzeitig der Satz eines Paa­res, das schon zwei Kinder mit einer schweren Behinde­rung hat: Ein weiteres, das schaffen wir einfach nicht, gerade weil wir die beiden so lieb haben.

Wer wollte heute schon entscheiden, was schwerer wiegt? Kann das irgendjemand von uns denn wirklich? Suchen wir also nach Objektivem.

Vielleicht hilft ein Blick auf die Zahlen. Noch geht es, jedenfalls bis heute, um wenige Fälle. Auch dies kann für beides sprechen. Als Argument für eine Zulassung könnte man anführen: Die paar Fälle führen nicht zu ei­nem Dammbruch; die PID hilft den wenigen Betroffe­nen, die es schwer haben. – Man könnte aber auch die Frage stellen: Sollten wir für die wenigen Betroffenen in unserer Gesellschaft so viel riskieren? Ich sage "so viel riskieren", weil es, lieber Frank-Walter Steinmeier, nicht um einige wenige Grenzfälle geht, sondern um das, was wir in der Mitte der Gesellschaft wollen bzw. zulassen wollen.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Es geht auch nicht um die Frage, was öffentlich zu ver­mitteln wäre.Ich glaube, diese Frage wird hier keiner diskutieren wollen. Warum also bin ich für ein Verbot? Ja, ich bin überzeugt, hier möchte niemand ein Designer­baby, hier möchte keiner eine auseinanderfallende Ge­sellschaft oder eine diskriminierende. Also suchen wir nach Anhaltspunkten!

Nein, die PID garantiert eben kein gesundes Kind. Sie garantiert noch nicht einmal eine Schwangerschaft. Nein, die PID ist nicht eine einfache Untersuchung, die man halt über sich ergehen lassen muss, im Gegenteil: Sie ist für Frauen extrem belastend. Sie bedeutet immer wieder einen Eingriff, immer mehr Hormonbehandlung. Und sie bedeutet natürlich auch dann, wenn aussortiert wird, eine schwere seelische Belastung. Das, was scheinbar unsichtbar in der Petrischale ist, ist eben für die Seele des Menschen im Zweifelsfall doch nicht we­niger als das, was bei einer Schwangerschaft geschieht.

Nein, Behinderung oder Krankheit werden nicht aus­geschlossen. Es kann auf einige wenige monogenetische Erkrankungen und Chromosomenanomalien untersucht werden. Allerdings weiß kein Mensch, ob sie jemals aus­brechen werden und, wenn ja, wie schwer sich die Krankheit dann wirklich zeigt. Nein, PID wendet nicht Leid von Eltern und Kind ab; PID wendet das Kind selbst ab. Es wird aussortiert, weil es nicht der Norm entspricht.

Und wichtig: Nein, die PID verhindert eben keine Spätabbrüche. Natürlich habe ich Verständnis für die Paare – sie begegnen uns zumindest in Berichten ganz häufig –, die sagen: In dieses Risiko will ich mich nicht begeben. – Aber gleichzeitig muss man sagen: Die aller­meisten werden sich später einer Pränataldiagnostik un­terziehen. Das ist übrigens eine Untersuchung, von der wir, als sie eingeführt wurde, gesagt haben: Das ist nur für ganz, ganz wenige Ausnahmefälle. – Heute ist das eine Standarduntersuchung. Ich fürchte, dass es sich mit der PID ganz ähnlich entwickelt.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Es gibt keine Garantie, dass nicht andere schwere, auch erbliche Erkrankungen, eintreten. Und es gibt übrigens auch keine Garantie, dass Schädigungen am Embryo durch die PID selbst ausgeschlossen sind.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, nein, es wird nicht bei wenigen Fällen bleiben – übrigens auch deswegen nicht, weil wir diesen Unterschied gar nicht machen können. Warum sollen die einen dann eigentlich das Recht auf PID haben, und den anderen sprechen wir es ab?

Und nein, ich halte auch die Grenzziehung bei der Le­benserwartung von einem Jahr nicht für möglich – übri­gens auch deswegen nicht, weil ich es zu schwierig finde, zu entscheiden: Ist denn ein Tag Leben, sind fünf Tage Leben oder neun Monate Leben weniger wert als eineinhalb Jahre oder 2 Jahre oder 20 Jahre oder 40 Jahre?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es muss darüber ge­sprochen werden, worum es tatsächlich geht, wie belas­tend die Untersuchungen sind, wie belastend die Ent­scheidung ist. Es darf nicht darüber geschwiegen werden, was alles tatsächlich im Zweifelsfall untersucht werden kann – eben auch die Krebserkrankung. Warum soll man eigentlich dann das nicht wissen wollen?

Und zuletzt, ja, natürlich wird es Druck geben – so wie es bei der PND Druck auf Frauen bzw. auf Paare gibt, diese Untersuchung durchführen zu lassen. Mit die­sem Druck wird ein Heilsversprechen verbunden, bei dem wir abzuwägen haben. Wir haben abzuwägen, was wir damit auf der anderen Seite belasten, zerstören, ge­fährden.

Verbieten wir die PID, die letztlich alles verspricht, aber höchstens die Möglichkeit bietet, ein wenig die Chancen auf ein Kind zu erhöhen! Verbieten wir die PID und machen wir sehr deutlich, worum es eigentlich in unserer Gesellschaft geht: die zu integrieren und dabei­haben zu wollen, die anders sind, oft glücklich sind, oft ein gelingendes Leben haben und uns übrigens wissen lassen, dass auch wir nicht vollkommen sind, sondern darauf angewiesen sind, dass ein anderer uns anschaut und sagt: Ja, du bist ein Mensch, und es ist gut, dass du da bist.

Vielen Dank.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

 

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