Bundestagsrede von 07.04.2011

Gesundheitsforschung

Präsident Dr. Norbert Lammert:

Das Wort erhält nun die Kollegin Krista Sager vom Bündnis 90/Die Grünen.

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Bun­desregierung hat in ihrem nationalen Rahmenprogramm zur Gesundheitsforschung die Präventionsforschung, die Versorgungsforschung und auch die globale Herausfor­derung mit einem Schwerpunkt auf vernachlässigte und armutsbedingte Krankheiten aufgegriffen und zu eige­nen Aktionsfeldern gemacht. Das bewerten wir erst ein­mal durchaus positiv. Ich sage aber auch: Wenn man sich die finanzielle Gewichtung anschaut, kann man in der Tat nur von allerersten Schritten sprechen. Da müssen mit Sicherheit weitere Schritte folgen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Die Bedeutung der Präventionsforschung wird beson­ders durch den demografischen Wandel unterstrichen. Wir müssen junge Menschen vor Erkrankung schützen, wir müssen ältere Menschen länger gesund und aktiv er­halten. Ein wichtiges Thema für die Präventionsfor­schung ist aber auch die soziale Spaltung im Präven­tionsbereich. Prävention darf nicht nur die gebildete Mittelschicht erreichen, sondern sie muss auch Kinder aus armen Familien und Menschen, für die gesunde Er­nährung nicht alltäglich ist, erreichen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Deswegen muss die interdisziplinäre und kooperative Präventionsforschung ganz besonders verstärkt werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

In einer alternden Gesellschaft gibt es aber auch immer mehr Menschen mit chronischen Erkrankungen, deren Leid gemildert und deren Lebensqualität erhalten werden muss. Gesundheitsforschung muss deswegen auf die Er­forschung chronischer Erkrankungen einen Schwerpunkt legen. Auch die Schmerz- und die Pflegeforschung müs­sen verstärkt werden. Frau Schavan, ich finde, dass in einem nationalen Gesundheitsforschungsprogramm die Pflegewissenschaften einen sehr viel stärkeren Stellen­wert brauchen, als das in Ihrem Programm der Fall ist,

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

und zwar nicht nur hinsichtlich der wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern auch, was die akademische Pro­fessionalisierung des Fachkräftepotenzials angeht.

Die Stärkung der Versorgungsforschung war – gerade vor dem Hintergrund begrenzter finanzieller Möglichkei­ten – für uns immer ein besonders wichtiges Anliegen. Der medizinische Fortschritt muss auch bei denen an­kommen, die es am nötigsten haben und bei denen er am meisten bewirkt – nicht nur bei denen, die es sich leisten können. Deswegen ist gerade die Stärkung der Versor­gungsforschung unter dem Gesichtspunkt von Gerechtig­keit, aber auch unter dem Gesichtspunkt von Qualität und Effizienz für uns Grüne ein ganz besonderes Anliegen.

Männer und Frauen werden in unserem System unter­schiedlich unterversorgt und überversorgt. Man muss sich da nur die Herzkrankheiten und die psychischen Krankheiten anschauen. Zum Teil kommen Medika­mente auf den Markt, die nur an männlichen Probanden getestet worden sind. Deswegen muss die Bundesregie­rung dafür sorgen, dass genderspezifische Aspekte in die Gesundheitsforschung systematischer integriert werden, als das in der Vergangenheit der Fall war.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Wir begrüßen – auch Frau Sitte hat das angespro-chen –, dass die Bundesregierung jetzt mehr gegen ar­mutsbedingte Krankheiten tun will. Das ist in der Tat nicht nur ein Thema, das Solidarität und globale Verant­wortung betrifft, es hat auch etwas mit Selbstschutz zu tun. Resistente Formen der Tuberkulose können auch ganz schnell bei uns ankommen.

Bei den geförderten Produktentwicklungspartnerschaf­ten muss jetzt dafür gesorgt werden, dass die Kriterien für Lizenzierung und Erfolg transparent entwickelt werden. Unsere Entwicklungspolitiker werden ganz besonders darauf achten, dass dabei in Zukunft in Zusammenarbeit mit den NGOs Fortschritte erzielt werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Der größte Teil der Mittel aus diesem Rahmenpro­gramm geht in die Deutschen Zentren der Gesundheits­forschung. Ich sage ausdrücklich: Fokussierung auf die großen Volkskrankheiten und Bündelung von Kräften und Ressourcen zur Erforschung der großen Volkskrank­heiten finden wir im Prinzip richtig. Zur Erreichung des Ziels der schnelleren Translation, also der schnelleren Überführung der medizinischen Forschungsergebnisse in die klinische Praxis bzw. in die Patientenbehandlung, müssen aber eigentlich die Universitätskliniken ins Zen­trum gerückt werden. Warum? Die medizinische For­schung braucht unbedingt die Nähe zu den Patientinnen und Patienten. Sie braucht die Nähe zur klinischen Er­fahrung.Sie braucht die Überprüfung ihrer eigenen Er­wartung in der klinischen Praxis. Sie braucht aber auch die Nähe zum ärztlichen Nachwuchs; denn wir müssen gerade die jungen Ärzte auch für die medizinische For­schung und für die Kooperation mit der medizinischen Forschung interessieren und gewinnen. Das heißt, wenn man Translation als Ziel ernst nimmt, dann müssen Herzstück und Schnittstelle der Deutschen Zentren ei­gentlich die Universitätskliniken sein.

 


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Was ist aber passiert? Wir sind wieder von den Be­sonderheiten der föderalen Forschungsförderung einge­holt worden. 90 Prozent der Mittel sollen vom Bund kommen. Also wurden, um die Länder im Boot zu hal­ten, die Helmholtz-Zentren in die Mitte gerückt; sie wur­den als Partner gesetzt. Sie mussten sich im Gegensatz zu den Universitäten dazu keinem qualitativen Wettbe­werb stellen. Sie sind von vornherein privilegiert, weil sie Geförderte und Förderer zugleich sind. Es ist kein Wunder, dass der Verband der Universitätskliniken, der Medizinische Fakultätentag und die Hochschulrektoren­konferenz protestiert haben. Durch ihren Protest und durch ihren Druck gibt es jetzt verschiedene Zentrenmo­delle und eine Entwicklung in Richtung einer Netzwerk­struktur.

Damit sind aber nicht alle Probleme und Ängste be­seitigt. Werden die Helmholtz-Zentren forschende junge Ärzte, Publikationen und Drittmitteleinwerbung aus den Universitätskliniken und aus den Unis zu sich herüber­ziehen? Werden die Länder Komplementärmittel, die sie jetzt brauchen, bei der Grundfinanzierung der Uniklini­ken abziehen? Das alles sind offene Fragen. Die Frage "Wird es Kooperation auf Augenhöhe geben?" ist bisher nicht beantwortet.

Ich finde es nicht unproblematisch, so viel Geld auf Dauer in eine Struktur hineinzustecken, die bisher noch so wenig erprobt ist. Wir brauchen ganz dringend nicht nur eine Evaluation der Ergebnisse, sondern beizeiten auch eine Evaluation der Strukturen sowie der Folgen und Risiken dieser Strukturen, bevor wir auf Dauer so viel Geld in diese stecken. Das ist eine Sache, zu der ich von Ihnen, Frau Schavan, eine Zusage erwarte, und das erwarten auch die Universitätskliniken von Ihnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Michael Kretschmer [CDU/CSU])

 

 

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