Bundestagsrede von Monika Lazar 07.04.2011

Entgeltgleichheit

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Monika Lazar hat jetzt das Wort für Bündnis 90/Die Grünen.

Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Forderung "Gleicher Lohn für gleiche und gleich­wertige Arbeit" begleitet uns schon lange. Wir finden sie in den Römischen Verträgen von 1957, und Art. 3 Abs. 2 des Grundgesetzes haben Sie gerade angesprochen, zu Recht. Sie haben ja das Zitat gebracht, in dem steht, dass sich der Staat dafür einsetzen soll. Er hat also eine ent­sprechende Verpflichtung. Von daher gebe ich den Hin­weis, dass wir nicht allein auf Freiwilligkeit setzen soll­ten. Wir als Gesetzgeber, im Parlament, haben durchaus die Aufgabe, entsprechende Rahmenbedingungen zu set­zen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE])

Es gibt ferner das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Wir könnten also der Meinung sein, wir hätten genug Gesetze. Aber wir kennen die Zahlen: Seit Jahren beträgt der durchschnittliche Lohnunterschied 23 Prozent. Da­mit sind wir im EU-Vergleich auf einem hinteren Platz. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass wir uns von dort weg­bewegen.

Wir wissen – das wurde schon ausgeführt –: Es handelt sich hierbei um eine komplexe Materie. Beim Gender Pay Gap kommt einiges zusammen: die hohe Teilzeitquote bei Frauen, die häufigeren und längeren Erwerbsunter­brechungen wegen der Erziehung der Kinder oder der Pflege von Angehörigen, die geringere räumliche Mobi­lität von Frauen. Dazu gehört aber auch die sogenannte vertikale Polarisation auf dem Arbeitsmarkt. Das bedeu­tet nichts anderes, als dass Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert sind und selbst dort dramatisch weni­ger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Natürlich ist es immer noch so, dass junge Frauen und Mädchen schlecht bezahlte Berufe wählen und sich auf deutlich weniger Berufe und Branchen als Männer kon­zentrieren. Nun könnten wir, wie es Ministerin Schröder gerne macht, sagen: Selber schuld! Die jungen Frauen können ja Maschinenbau studieren und den Beruf in den Vordergrund stellen. – Aber so einfach ist das nicht. Wir brauchen durchaus vieles: bessere Kinderbetreuung, mehr Männer, die ihre Vaterrolle auch zeitlich stärker ausfüllen,

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-SES 90/DIE GRÜNEN)

flexible Arbeitszeiten gerade für Eltern und selbstver­ständlich eine andere Arbeitskultur. Ich denke, darin sind wir uns im ganzen Hause einig.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Aber das ist nicht alles. Der verschieden hohe Lohn­unterschied in Ost- und Westdeutschland wurde schon angesprochen. In Westdeutschland beträgt er 25 Prozent, in Ostdeutschland 6 Prozent. Das liegt unter anderem da­ran, dass die ostdeutschen Männer weniger verdienen. Es gibt sicherlich auch einige westdeutsche Männer, die weniger verdienen würden. Der geringere Unterschied im Osten ist aber nicht nur der besseren Kinderbetreuung geschuldet. Es ist nämlich auch so, dass die große Mehr­heit der ostdeutschen Frauen wirtschaftlich für sich selbst verantwortlich ist; das ist für sie eine Selbstver­ständlichkeit. Die Hausfrauenehe spielt keine Rolle mehr; es gibt sie nur zu einem geringen Prozentsatz. Bei knapp drei Vierteln aller Paare in Ostdeutschland sind beide Partner erwerbstätig. Auch der Anteil der Teilzeit­arbeit ist wesentlich geringer als in Westdeutschland. Die Frauen im Osten sind also aufgrund ihrer Ausbil­dung hochqualifiziert, und sie wollen mehr und auch eher Vollzeit arbeiten.

Interessant ist auch, dass es einen Unterschied zwi­schen Stadt und Land gibt. In ländlichen Regionen ist die Lohnlücke um fast 10 Prozent größer als in der Stadt. Auch wenn die Ursachen noch nicht ausreichend er­forscht sind – entsprechende Forschungen laufen –, gibt es einige Auffälligkeiten: Die Frauen auf dem Land neh­men noch häufiger Minijobs an, sind häufiger Hinzuver­dienerinnen, und die Vereinbarkeit von Familie und Be­ruf ist wegen der größeren räumlichen Entfernungen meistens noch schwieriger zu bewerkstelligen.

Zu den Führungspositionen – das habe ich vorhin schon angesprochen – gibt es eine aktuelle Studie vom WSI, nach der der Lohnunterschied 18 bis 24 Prozent beträgt. Er ist also kein bisschen geringer, obwohl die Frauen sicherlich genauso qualifiziert sind.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD, wir sind uns in vielem einig, was Ihren Antrag und auch die Eckpunkte betrifft, die Sie jetzt für ein Entgeltgleich­heitsgesetz vorlegen. Viele dieser Forderungen finden Sie auch in unserem Antrag "Frauen verdienen mehr", den wir im März hier im Plenum diskutiert haben. Auch wir wollen den Ausbau der Verbandsklage. Ich denke, das ist wirklich ganz wichtig. Wir wollen die Tarifpar­teien zu einer diskriminierungsfreien Arbeitsbewertung verpflichten. Wir brauchen endlich Transparenz bei den Entgelten. Wir möchten auch erreichen, dass sich die Beschäftigten über ihr Arbeitsentgelt und dessen Zusam­mensetzung austauschen dürfen. Ich denke, das ist sehr wichtig. Klauseln in Arbeitsverträgen, die das verbieten, sind nicht rechtmäßig.

Notwendig ist in diesem Zusammenhang selbstver­ständlich auch ein flächendeckender Mindestlohn. Dass Frauen einen Anteil von knapp 70 Prozent an den Nied­riglohnbeschäftigten haben, hat die Kollegin bereits aus­geführt.

Neben den gesetzlichen Regelungen für die Entgelt­gleichheit brauchen wir dringend ein Gleichstellungsge­setz für die Privatwirtschaft. Ich denke, da sind wir auch sehr nahe beieinander.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Der Equal Pay Day war in diesem Jahr der 25. März. Ich würde mich sehr freuen, wenn es an diesem Tag mehr als nur warme Worte geben würde, warme Worte, wie sie unter anderem in der lauen Pressemitteilung der Ministerin Schröder standen. Ich würde mich freuen, wenn wir da gemeinsam vorankommen, damit es mehr gibt als nur warme Worte oder Selbstverpflichtungen. Ich denke, wir sollten auch unserem Anspruch als Ge­setzgeber gerecht werden und die Rahmenbedingungen vorgeben. Deshalb lade ich die Koalitionsfraktionen herzlich dazu ein, mit uns gemeinsam den Weg zu ge­hen, nicht nur auf Freiwilligkeit zu setzen, sondern den Rahmen selber vorzugeben.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

 

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