Bundestagsrede von Britta Haßelmann 15.12.2011

Verstetigung der Freiwilligendienste

Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das Ende des Programms der Freiwilligendienste aller Generationen ist symptomatisch für eine Politik der Bundesregierung, die wenig Zukunftsweisendes für die Förderung bürgerschaftlich engagierter Menschen vorweisen kann. Trotz des großen Erfolgs des Programms – die Zahl der erstmalig Engagierten liegt bei 44 Prozent; mehr als 7 000 Freiwillige haben während der drei Jahre einen Freiwilligendienst aller Generationen geleistet – ist die Bundesregierung nicht bereit, das Programm in angemessener Form fortzuführen. Der Bundesfreiwilligendienst und die Mehrgenerationenhäuser sind doch nicht dazu geeignet, die Besonderheiten des Freiwilligendienstes aller Generationen fortzuführen. Ich will Ihnen gerne kurz erläutern, warum.

Die überwiegende Mehrheit der Menschen im Freiwilligendienst aller Generationen engagiert sich zwischen 8 und 16 Stunden. Eine Fortführung im Bundesfreiwilligendienst, der mindestens 20 Wochenstunden verlangt, ist unrealistisch und entspricht nicht den Bedürfnissen derer, die sich engagieren. Ebenso wenig kann man davon ausgehen, dass Mehrgenerationenhäuser ein zusätzliches Angebot bereitstellen können; sie haben häufig andere Schwerpunkte und sind räumlich woanders angesiedelt.

Gerade die zeitliche und örtliche Flexibilität, die Möglichkeit der Qualifizierung, die besondere Betreuungsleistung und direkte Ansprache machen den Freiwilligendienst aller Generationen attraktiv. Besonders engagementfernere Menschen und Ältere fühlten sich vom Freiwilligendienst aller Generationen angesprochen. 64 Prozent der Freiwilligen sind älter als 50 Jahre. Mehrgenerationenhäuser dagegen sind häufig ausschließlich in ihrem Stadtteil präsent und können weniger aktive Ansprache und individuelle Begleitung leisten; und an einen Bundesfreiwilligendienst ist der Einzelne noch stärker gebunden.

Der Freiwilligendienst aller Generationen war ein Programm, das endlich weniger homogen war, sondern heterogen auch Nischen zulässt und besetzt hat. Im Anschluss an bereits bestehende lokale Projekte konnten viele Organisationen das Programm für sich nutzen. Mobile Teams leisteten direkte Beratung vor Ort, die sehr wirkungsvoll war. Dadurch hatte das Programm besondere Multiplikatorwirkung, und es entwickelte sich Engagementbewusstsein und -kultur, so die zahlreichen Rückmeldungen aus der Praxis.

Wenn der Freiwilligendienst aller Generationen endet bzw. der Bundesfreiwilligendienst durch sehr starre Programme fortgeführt werden soll, dann können weder zivilgesellschaftliche Organisationen noch engagementbereite Menschen davon wirklich profitieren.

Mir ist unverständlich, wie die Bundesregierung angesichts des Programmendes den Erfolg des Freiwilligendienstes aller Generationen feiert, wie vergangene Woche in Erfurt. Mir ist ebenso unverständlich, warum die Bundesregierung in öffentlichkeitswirksamen Kongressen und Konferenzen über Altersbilder sich bemüht zeigt, ältere Menschen zu integrieren und zu aktivieren und gleichzeitig Chancen, Ältere erfolgreich an Engagement heranzuführen, nicht ergreift.

Wir finden den Antrag der SPD absolut unterstützenswert! Wir finden es richtig, eine passgenauere Unterstützung für ältere bürgerschaftlich engagierte Menschen zu fordern und das Trägerprinzip vor die staatliche Organisation von Freiwilligendiensten zu stellen.

Wir schließen uns der Forderung nach der Vorlage eines Freiwilligendienstestatusgesetzes ausdrücklich an. Die vielen verschiedenen Freiwilligendienste und -programme brauchen eine gemeinsame Basis. Seit die Bundesregierung 2009 in ihrem Koalitionsvertrag ein Freiwilligendienstestatusgesetz angekündigt hat, warten wir auf dessen Vorlage. Aber auch hier wurde wie in vielen anderen Politikfeldern nicht geliefert.

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