Bundestagsrede von Claudia Roth 01.12.2011

Barrierefreies Filmangebot

Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Vor wenigen Monaten hatte ich die große Ehre, der Jury des Deutschen Hörfilmpreises anzugehören. Dort habe ich in tief beeindruckender Weise erfahren, welche Bedeutung der barrierefreie Zugang zu Filmen für blinde und sehbehinderte Menschen hat. Die Hörfassungen der 2011 mit Preisen ausgezeichneten Filme „Die Päpstin“, „Lippels Traum“ und „Ganz nah bei Dir“ zeigen beispielhaft, was möglich ist.

Meine erste Reaktion auf diese Juryarbeit war die Frage, warum das Angebot an barrierefreien Filmen in Deutschland immer noch so gering ist – auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Denn Hörfilmfassungen können mit einem relativ geringen Aufwand, mit circa 55 Euro pro Filmminute, erstellt werden. Damit lassen sich Zugangsbarrieren für über eine Million blinde und sehbehinderte Menschen absenken und ihre Möglichkeiten der kulturellen Teilhabe deutlich erweitern. Bei der Untertitelung für hörbehinderte Menschen fallen die Kosten sogar noch geringer aus.

Weil das Angebot so unzureichend ist, habe ich mich im März 2011 mit schriftlichen Fragen an die Bundesregierung gewandt und wollte unter anderem wissen, ob die Erleichterung der Förderbedingungen für Filme mit Audiodeskriptionen für blinde und sehbehinderte Menschen und für Filme mit ausführlicher Untertitelung für Hörbehinderte, die die letzte Novelle des Filmfördergesetzes ja vorsieht, zu einer Zunahme des Anteils von barrierefreien Filmen bei den durch Bundesmitteln geförderten Filmen geführt hat. Die Bundesregierung konnte keine Auskunft geben mit dem Hinweis, dass die in den Jahren 2009 und 2010 geförderten Filmen zum überwiegenden Teil noch nicht fertiggestellt seien.

Diese Antwort halte ich für unzureichend. Die Bundesregierung hätte ja bei der FFA oder auch bei Firmen und Institutionen, die mit der Herstellung von barrierefreien Filmen beschäftigt sind, nachfragen können, ob zumindest eine Tendenz abzusehen ist, was die Wirksamkeit der Neuregelungen im FFG angeht.

Wir haben uns deshalb selbst auf die Suche gemacht – mit einem negativen Resultat. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband, der einen guten Überblick in der Sache hat, signalisierte uns, dass so gut wie keine positiven Tendenzen abzusehen seien. Die wichtigsten Produzenten von Audiodeskriptionen – DHG, Bayerischer Rundfunk, Hörfilm e. V. – konnten keinen Auftrag für Audiodeskriptionen und Hörfilmproduktionen auf die Novellierung des FFG und die Einführung des Förderkriteriums 6 h – Herstellung einer deutschen Audiodeskription und deutschen Untertitelung – zurückführen. Bei den FFA-Anträgen wird dieses Kriterium wohl auch nur in ganz wenigen Fällen angekreuzt.

Mit dieser Erkenntnis wandten wir uns dann im Juni an Herrn Staatsminister Neumann und auch an Herrn Börnsen von der Unionsfraktion – mit einer deutlichen Problemanzeige und auch dem Angebot, hier gemeinsam nach einer schnellen und sachgerechten Lösung zu suchen. Ich freue mich, dass die Regierungskoalition mit ihrem Antrag, den sie nun einbringt, zumindest andeutet, dass auch sie hier inzwischen eine Aufgabe sieht und sich damit – zumindest in der Problemanzeige – in unsere Richtung bewegt. Enttäuschend ist aber, dass der Antrag sich an vielen Stellen nur mit Prüfaufträgen begnügt. Statt klare Handlungsaufträge zu erteilen, regiert über weite Strecken der Konjunktiv. Das ist nicht ausreichend.

Gut wäre es auch gewesen, zwischen den Fraktionen koordinierter vorzugehen und einen interfraktionellen Antrag auszuarbeiten – so wie wir das vorgeschlagen hatten. Wenn es nun Hinweise aus der Koalition gibt, dass wir in der weiteren Beratung eine gemeinsame Beschlussempfehlung erarbeiten können, in die dann auch weitere Anträge und Überlegungen einfließen, dann ist das ein gutes Signal und wäre auch für uns ein gangbarer Weg. Bedingung wäre allerdings, dass wir bei den konkreten Handlungsaufträgen weiterkommen.

Wir Grüne wollen rasch mehr barrierefreie Filme – und das nicht um Jahre aufschieben, bis Regelungen in einer kommenden FFG-Novelle greifen. Angesichts der überschaubaren Kosten und nicht zuletzt auch der Marktchancen für barrierefreie Filme müsste eine solche rasche Ausweitung des Angebots doch möglich sein! Deshalb von unserer Seite nochmals ein klares Gesprächsangebot und der Wunsch, gemeinsam nach schnell wirksamen Lösungen zu suchen.

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