Bundestagsrede von Harald Ebner 15.12.2011

Rettung einheimischer Rebsorten

Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Der anhaltende Verlust an Biodiversität ist nicht nur bei entfernten Ökosystemen wie den Regenwäldern zu beklagen, sondern auch in Landwirtschaft und Weinbau vor unserer Haustür. Vor 130 Jahren konnten deutsche Winzer noch aus einem Reichtum von über 400 Rebsorten wählen. Heute werden gerade noch 25 Sorten in nennenswertem Umfang angebaut; viele andere sind bereits unwiederbringlich verloren gegangen. Verantwortlich dafür ist auch eine falsche Politik, welche zur – prinzipiell richtigen – Förderung der Übermengenreduktion auch die Rodung alter Weingärten finanziell belohnt. Auch an solchen Details wird deutlich, wie dringend eine ökologische Reform der Agrarpolitik auf EU-, Bundes- und Länderebene angegangen werden muss. Ähnlich wie bei historischen Obst- und Gemüsesorten müssen wir auch unsere Anstrengungen deutlich verstärken, noch existierende alte Rebsorten vor dem Verschwinden zu bewahren.

Es geht bei diesem Thema zum einen um die Erhaltung wertvollen Kulturerbes. Zum Zweiten geht es auch um aktive Zukunftssicherung durch Bewahrung einer breiten genetischen Basis für künftige Sortenentwicklungen. Denn eine große Vielfalt an Sorten und Wildarten ist unverzichtbare Grundlage erfolgreicher Züchtung und Voraussetzung für die Bewältigung von Herausforderungen wie neuen Schädlingsplagen, Krankheiten und Auswirkungen des Klimawandels, zum Beispiel stärkere Trockenheit oder steigende Gefahr von Frostschäden. Zwei Beispiele belegen diese Bedeutung der Agrobiodiversität auch im Weinbau. Die Reblaus hätte den europäischen Weinbau im 19. Jahrhundert zum Erliegen gebracht, wenn es keine resistenten amerikanischen Sorten als Rebenunterlage gegeben hätte. Heutzutage werden mit dem Klimawandel und den damit verbundenen steigenden Temperaturen Sorten aus der Warmphase während des Mittelalters wieder interessant, die spät ausreifen. Dazu zählen zum Beispiel die fränkische Sorte Bouquetrebe und die Sorte Gelber Orleans.

Fachexperten und Privatpersonen haben in den vergangenen Jahren mit großem Engagement diese und viele andere alte Sorten aufgespürt, identifiziert und dokumentiert. Ein wesentlicher Beitrag dazu wurde durch das Projekt „Erfassung rebengenetischer Ressourcen in Deutschland“ geleistet, in dessen Rahmen 242 historische Sorten wiedergefunden wurden. Es ist sachlich nicht nachvollziehbar, warum die Veröffentlichung des bereits im Herbst 2010 fertiggestellten umfangreichen Abschlussberichts dieses Projektes sowie ein ergänzendes 35-seitiges Strategiepapier zu diesem sehr erfolgreichen Vorhaben bis heute vom Auftraggeber, dem BMELV, und der ihm unterstellten Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, verweigert wird. Auch die Datenbank mit den zugehörigen Analysen, Ergebnissen und Schlussfolgerungen ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich, nur ein sehr knapper Kurzbericht liegt bislang vor. Wir sollten uns unseren Schweizer Nachbarn als Vorbild nehmen, wo Abschlussberichte im Internet veröffentlicht werden, wenn das Projekt mit Steuergeldern finanziert wurde.

Der große Erfolg des Projekts mit der Entdeckung bislang als ausgestorben geglaubter Sorten und sowie die Richtigstellung von 130 Falschbenennungen in deutschen Rebsortenlisten wirft aber auch die Frage auf, ob die in diesem Bereich tätigen öffentlichen Institutionen mit den bisherigen Strukturen wirklich effektiv und nachhaltig die Rettung alter Sorten betreiben. Der Endbericht des Projektes muss auch deswegen veröffentlicht werden, um Defizite in diesem Bereich analysieren und beheben zu können.

Züchter und Winzer, die mit historischen Sorten arbeiten wollen, werden durch Bürokratie und hohe Kosten in ihrer Arbeit behindert und abgeschreckt. Die Rettung der Weinbergschätze vergangener Jahrhunderte wird dadurch gefährdet oder sogar verunmöglicht. Viele historische Rebsorten sind nicht in den entsprechenden Listen für die zum Anbau zugelassenen Sorten aufgeführt oder erfüllen nicht starre Vorgaben wie die Mindestzahl von 300 Stöcken. Für die Neuregistrierung fallen hohe Gebühren an, zum Beispiel 1 500 Euro für die Sortenkontrolle und 600 Euro für die jährliche Kontrollgebühr. 5 000 Euro werden sogar für die vergleichende Sortenprüfung und Neuregistrierung im Bundessortenregister verlangt, obwohl die Sorte bereits seit Jahrhunderten angebaut wird und daher auch kein Sortenschutz als Gegenwert besteht. Diese hohen Kosten stehen also in keinem angemessenen Verhältnis zum wirtschaftlichen Nutzen durch die Neuvermarktung und den Anbau alter Sorten, die nur Nischenmärkte besetzen können. Der Anbau ist und bleibt aber der beste Weg, eine Sorte langfristig zu erhalten, weil sie nur so dank stetiger Interaktion mit der Umwelt an die regionalen Standortbedingungen angepasst bleibt. Eine Erhaltung in Genbanken mit nur drei Stöcken ist auf Dauer nicht ausreichend, um die Praxistauglichkeit und Vielfalt der Klone der Mehrheit der autochthonen, bislang nicht klassifizierten Rebsorten zu bewahren. Wenn insgesamt sehr wenige Exemplare an nur einem Standort existieren, besteht zudem immer die Gefahr der Vernichtung durch Krankheiten, Unwetter oder andere Kalamitäten.

In der Fachwelt ist unumstritten, dass die Rahmenbedingungen für den Erhaltungsanbau den spezifischen Anforderungen der alten Sorten Rechnung tragen und daher neu konzipiert werden müssen. Das Konzept der Sortenreinheit passt nicht zu manchen alten Sorten, die traditionell in gemischten Rebsätzen und in Klonen mit Genvariationen angebaut wurden und auf Fremdbestäubung angewiesen sind. In Bezug auf die Problematik, dass von einigen historischen Sorten nur noch viruskranke Exemplare erhalten sind, muss für solche Fälle eine praxistaugliche Lösung für eine Sortenprüfung außerhalb des Rebenverkehrsgesetzes gefunden werden. Es ist zu prüfen, ob eine gesonderte Liste für Erhaltungssorten und autochthone Sorten außerhalb der „Beschreibenden Sortenliste“ des Bundessortenamtes den alten Sorten besser gerecht wird.

Die Länder sind aufgefordert, ihren Gestaltungsspielraum beim Weinbaugesetz aufgrund einer fehlenden EU-Regelung für diesen Bereich zugunsten des Sortenerhalts zu nutzen. Alte Sorten müssen aus öffentlichem Interesse an ihrer Erhaltung in die klassifizierten Anbaulisten unbürokratisch und kostenfrei aufgenommen werden. Der Bund muss ebenfalls seine Hausaufgaben machen und entsprechend das Bundessortenamt anweisen, Erhaltungssorten von Gebühren für Registrierung und Sortenprüfung zu befreien. Da auch unsere Nachbarn vom Aussterben alter Rebsorten betroffen sind, begrüßen wir die im Antrag enthaltene Aufforderung an die Bundesregierung, bei der EU-Kommission die Ergänzung der EU-Erhaltungsrichtlinie für alte Rebsorten einzufordern.

Wir dürfen bei der Rettung alter Sorten keine Zeit mehr verlieren, sonst werden klingende Namen wie Tauberschwarz, Blaue Seidentraube und Putzscheere bald nur noch in der historischen Erinnerung existieren. Von der Hälfte der alten Sorten, die im Rahmen des Erhebungsprojektes gefunden wurde, existieren nur fünf oder noch weniger Exemplare. Der Antrag „Rettung einheimischer Rebsorten durch Erhaltungsanbau“ greift dieses wichtige Problem auf und enthält viele wichtige Ansatzpunkte und Forderungen, die meine Fraktion im Wesentlichen teilt. Wir werden daher zustimmen, obwohl wir bei einzelnen Punkten Änderungsbedarf sehen. So ist zum Beispiel die Grenze von fünf Hektar Anbaufläche für die Klassifizierung als Erhaltungssorte viel zu hoch; 0,1 bis 0,5 Hektar reichen vollkommen aus.

Neben politischem Handeln können wir alle auch als Privatmenschen direkt etwas für den Erhalt der biologischen Vielfalt beim Wein tun. Es gibt einige Projekte und Winzer, die sich der Rettung historischer Rebsorten widmen und unsere Unterstützung verdienen. Diese kann auch darin bestehen, Wein aus alten Rebsorten gezielt nachzufragen nach dem Motto „Erhalten durch Genießen“.

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