Bundestagsrede von 15.12.2011

Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Das Wort hat nun Krista Sager für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Hier wurde festgestellt, dass der Anteil der Frauen mit Hochschulabschluss bei über 50 Prozent und unter den Promovierenden bei über 44 Prozent liegt. Trotzdem liegt der Anteil der Frauen bei den W-3- und C-4-Professuren nur bei 13,6 Prozent, bei den Rektoren und Präsidenten der Hochschuleinrichtungen bei nur 11,3 Prozent, und bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen liegt der Frauenanteil beim Führungspersonal auch nur bei 11,4 Prozent. Daraus folgt doch zwingend, dass die Spitzenpositionen im Wissenschaftsbereich immer noch vorrangig aus einer Geschlechtergruppe rekrutiert werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

 Wenn das so ist, dass es eine einseitige Rekrutierung der Spitzenleute aus einer Gruppe gibt, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie dem gleichen Geschlecht angehört, dann folgt daraus schon rein logisch, dass das eines nicht sein kann: eine Bestenauslese.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Herr Neumann, Sie haben völlig recht: Wir haben im Wissenschaftsbereich nicht nur offenkundig ein massives Gerechtigkeitsproblem, sondern auch ein Innovations- und Qualitätsproblem. Bei mangelndem Erfolg in der Gleichstellungspolitik im Wissenschaftsbereich stellt sich die Frage nach der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems. Der demografische Wandel macht die Frage umso dringlicher: Wie können wir die besten weiblichen Kräfte für die Wissenschaft gewinnen, sie dann aber auch dort halten?

(Dr. Martin Neumann [Lausitz] [FDP]: Da haben Sie recht!)

Es hat niemand behauptet: Da findet nichts statt. Oder: Es passiert nichts. Aber Frau Sitte hat doch vollkommen recht: Es geht viel zu langsam.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Wer von uns will bis zum Ende des Jahrhunderts warten, bis wir Parität erreicht haben? Daraus folgt logisch: Wir müssen mehr Schwung hineinbringen.

Die Wissenschaftsorganisationen haben das Thema Gleichstellung glücklicherweise zunehmend in den Fokus gerückt. Die Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft zeigen im universitären Bereich Wirkung. Das bestreitet hier ja auch niemand. Nur, Teile des Wissenschaftsbereichs und der Hochschulen verharren in gleichstellungspolitischer Rhetorik und lassen dem wenige Taten folgen. Auch das ist leider eine Tatsache.

Herr Neumann, niemand bestreitet, dass es in den verschiedenen Fachdisziplinen unterschiedliche Voraussetzungen gibt. Nur, wenn ich feststelle, dass die Fraunhofer-Gesellschaft es in 20 Jahren gerade einmal geschafft hat, ihren Frauenanteil beim Führungspersonal von 2 Prozent auf 2,8 Prozent zu steigern,

(Ulla Burchardt [SPD]: Tolle Leistung!)

möchte ich sagen: Ich erwarte von einer leistungsstarken Forschungsorganisation auch mehr Leistung bei frauenpolitischen Zielen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Meine Schlussfolgerung ist: Wir brauchen mehr Verbindlichkeit. Wir brauchen Zielquoten, die sich am Kaskadenmodell orientieren, eine Überprüfung der Zielerreichung, und wir brauchen Anreize, Sanktionsmechanismen und gezielte Rekrutierungsmaßnahmen.

Es ist in der Tat bedenklich, dass viele junge Leute nach der Promotion den Wissenschaftsbereich verlassen, nicht weil sie für diesen ungeeignet sind, sondern weil ihnen die Perspektiven für den Nachwuchs zu unsicher und die Beschäftigungsverhältnisse zu schlecht sind. Aber wenn junge Frauen noch stärker die Tendenz haben, den Wissenschaftsbereich zu verlassen, weil sie in höherem Maße teilzeitbeschäftigt sind und prekäre befristete Verträge bzw. befristete Teilzeitverträge haben, dann müssen wir feststellen, dass unser Wissenschaftssystem für die besten weiblichen Köpfe nicht attraktiv genug ist. Das muss sich dringend ändern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Herr Braun, Sie haben gesagt, wir sollen Sie an Ihren Taten messen. Ich finde es gut, dass Sie heute gesagt haben, dass das Professorinnen-Programm weitergeht. Aber die Frage, warum Sie Ihre eigene Projektforschungsförderung nicht mit den Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft verbinden, haben Sie nicht beantwortet.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Warum verbinden Sie die Ressortforschung des Bundes nicht mit verbindlichen Gleichstellungsstandards? Warum haben Sie beim Pakt für Forschung und Innovation nicht für eine verbindliche Gleichstellungspolitik gesorgt? Erklärungsbedürftig ist auch, warum Sie es nicht einmal bei den eigenen wissenschaftlichen Gremien schaffen, auch nur annähernd so etwas wie eine Parität zu erreichen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Alle diese Fragen haben Sie nicht beantwortet. Deswegen können Sie dankbar sein, dass sich die wissenschaftspolitisch engagierten Frauen der Opposition untergehakt haben,

(Lachen bei der FDP)

um deutlich zu machen: Hier brauchen wir mehr frischen Wind und Schwung für die Gleichstellungspolitik in der Wissenschaft. Dabei müssen wir dem Bund ein bisschen auf die Sprünge helfen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

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