Bundestagsrede von Markus Tressel 24.02.2011

Mitgliedschaft OITS

Markus Tressel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

In der alltäglichen Debatte der Tourismuspolitik gibt es einen Bereich, der in Deutschland nur selten explizit Beachtung findet. Das ist der Sozialtourismus, über den wir heute beraten, wenn auch leider nur am Rande in¬haltlich. Ich finde es aber außerordentlich wichtig, dass wir das Thema heute überhaupt auf der Agenda des Ho¬hen Hauses haben. Ich möchte das Thema Sozialtouris¬mus mal etwas von der abstrakten, institutionellen Ebene runterbrechen. Denn der Beitritt zur OITS kann nur ein erster Schritt sein. Vielmehr muss es darum ge¬hen, politische Ansätze und sogar eine neue Kultur für das Thema Sozialtourismus zu finden. Die OITS wird mit seinen zahlreichen Experten sicher viele Impulse geben können. Genau diese sind vonnöten. Was jedoch muss das Ziel sein? Ich möchte auf die Stellungnahme des Eu¬ropäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum „Sozialtourismus in Europa“, die am 13./14. September 2006 beschlossen worden ist, verweisen. Hier finden sich einige äußerst interessante Ansätze. Zwei davon möchte ich in diesem Zusammenhang hervorheben:

Erstens. Unter Punkt 4.2.1 wird die Agence nationale pour les chèques-vacances, ANCV, mit einem Geschäfts¬volumen von circa einer Milliarde Euro be-schrieben. Dieses Beispiel sollte uns ein Vorbild sein. Weiter heißt es – daraus möchte ich direkt zitieren –:

Sozial und wirtschaftlich ist das Programm eindeu¬tig rentabel, denn einerseits konnten dadurch viele ältere Menschen erstmals in Ur-laub fahren, andere Städte und Gegebenhei-ten kennen lernen, gleichbe¬rechtigte soziale Kontakte knüpfen und ihren kör¬perlichen Zu-stand verbessern, wobei eine vernünf¬tige Qualität und die Akzeptanz durch die Nutzer gewährleistet ist; und andererseits werden für je¬den in das Programm investierten Euro 1,70 EUR wieder eingenommen.

Zweitens. Es heißt in den Empfehlungen unter Punkt 9.3:

Den Touristikunternehmen sei empfohlen, sich ent¬schlossen an den Sozialtourismusaktivitä-ten zu be¬teiligen, Der Sozialtourismus vertritt Werte, die mit einer korrekten Unternehmens-führung, Wettbe¬werbsfähigkeit und Rentabili-tät vereinbar sind …

Etwas anderes, was mich in diesem Zusammenhang besonders bewegt: Am heutigen Tag findet der Kinder- und Jugendreisegipfel statt. Gerade für diese Zielgrup-pe ist es von außerordentlichem Interesse, Ansätze zu fin¬den, wissen wir doch alle um die außerordentlich positi¬ven Effekte des Reisens in jungem Alter. Nicht um-sonst heißt es: Reisen bildet. Was ist jedoch das Prob-lem? Ei¬ner Statistik der Bundesagentur für Arbeit zufolge be¬steht für circa 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland die Gefahr, nicht an Kinder- und Jugend¬tourismus teilnehmen zu können. Betroffen von Armut sind oft junge Menschen, die in Familien leben, in denen die Eltern arbeitslos sind oder sehr wenig verdienen, welche einen Migrationshintergrund haben, welche kin¬derreich sind oder die Alleinerziehende sind.

Die Teilhabe am Reisen unterstützt eine gesunde Ent¬wicklung von Kindern und Jugendlichen. Während die Urlaubsintensität der Deutschen ab 14 Jahren zunimmt, ergaben Urlaubsreisen mit Kindern bis zu 13 Jahren im Jahr 2008 mit lediglich 17 Prozent den niedrigsten Wert seit seiner Erfassung im Jahr 1996, als der Wert noch bei 22 Prozent lag. Diese Zahlen stammen übrigens aus einem Papier des Wirtschaftsministeriums mit dem Titel „Kinder- und Jugendreisen 2009“. Wie uns die Studie „Deutsche Kinder- und Jugendreisen 2008“ verrät, gibt es in Deutschland zwar mit 82,2 Prozent eine auch im internationalen Vergleich hohe Urlaubsreiseintensität bei Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren. Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien (70,4 Prozent) nehmen allerdings deutlich weniger am Tourismus teil.

Öffentlich geförderte Kinder- und Jugendreisen sind dabei sowohl im Kontext von Kinder- und Jugenderho-lung als auch bezogen auf die internationale Jugend-arbeit seit den 90er-Jahren rückläufig. Laut Experten sind staatliche Förderungen im Kinder- und Jugendrei-sebereich um 30 Prozent und somit auch Zuschüsse an die Träger gesunken. So besteht nicht nur die Gefahr, dass Kinder- und Jugendreisen teurer werden. Auch wird dieses Arbeitsfeld nach einer dynamischen Ent-wicklung in den 80er- und 90er-Jahren weiterhin von er¬heblichem Ressourcenabbau und Einsparungen be-trof¬fen sein. Während die Zahl der außerschulischen Bildungsmaßnahmen in den Jahren 2000 und 2004 wei¬testgehend konstant geblieben ist, hat sich die Zahl der Kinder- und Jugenderholungen um 23 Prozent reduziert. Kinder von Hartz-IV-Empfängern bekommen zwar die Kosten für mehrtägige Klassenfahrten von den Jobcen¬tern erstattet – siehe § 23 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 SGB II –. Familien, die über geringes Einkommen verfügen, je¬doch keine Leistungen nach dem SGB II beziehen, wer¬den nicht unterstützt.

Wir sehen in allen Punkten: Der politische Weg kann nur ein integrativer sein. Wir brauchen auch die Reise¬veranstalter. Die OITS bietet da mit seinen 140 Mitglie¬dern, von denen einige Unternehmen sind, ein geeigne¬tes Forum.

Mein Fazit: Ich denke, nach all dem ist es sinnvoll, dass wir uns an der International Organisation of Social Tourism beteiligen. Allerdings reicht eine Betei-ligung an einer internationalen Organisation nicht aus, um die an¬gestrebten Ziele zu erreichen. Dazu muss auch ein poli¬tischer Wille in einer wenig sozialpolitisch orientierten Regierung, wie wir sie momentan haben, erkennbar sein. Wir müssen in Deutschland eine Kultur des Sozial¬tourismus entwickeln, die es in dieser Form bisher noch nicht gegeben hat.

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