Bundestagsrede 27.01.2011

Agrarwissenschaften in Deutschland

Ulrike Höfken (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Noch nie standen die Agrarwissenschaften vor so großen He­rausforderungen wie heute. Klimawandel, Raubbau an Wäldern und Ausbeutung der Meere, Rückgang der Ar­tenvielfalt, Bienensterben, Verseuchung von Böden und Wasser durch Pestizide und Bodenerosion gefährden die elementaren Lebensgrundlagen und ihre Nutzung. Welt­weit steigt die Zahl der Hungernden, heute bereits auf über eine Milliarde Menschen. Gleichzeitig leiden bei uns immer mehr Menschen, besonders Kinder und Ju­gendliche, unter Fehlernährung und ernährungsbeding­ten Krankheiten wie Diabetes, Adipositas, Allergien oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Weltgesund­heitsorganisation, WHO, spricht in diesem Kontext öf­fentlich von einer "Epidemie".

Für diese Herausforderungen muss die Agrarfor­schung moderne, multisystemare Antworten entwickeln: zum Beispiel innovative Fruchtfolgekonzepte im Rah­men einer Eiweißstrategie oder Erhöhung der Wasser­speicherungs- und -rückhaltekapazität der Böden durch nachhaltigen Humusaufbau und intelligente Bewei­dungssysteme. Wir brauchen gute Forschung in der Tier- und Pflanzenzucht, um nachhaltige und artgerechte Tier­haltung und Pflanzenbau ohne Unmengen an Dünger und Pestiziden betreiben zu können, Forschung in der Tierseuchenbekämpfung oder umweltgerechten und ökologischen Pflanzenschutz, Nahrungsmittelverarbei­tung ohne Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker, Ver­packungen ohne hormonell wirksame Bestandteile wie Bisphenyl A. Überall mangelt es an Forschung, die den modernen Interessen der Verbraucher, der Umwelt und dem Tierschutz gerecht wird.

Die Bundesregierung setzt dagegen ihre Forschungs­schwerpunkte einseitig auf Konzepte des vorigen Jahr­hunderts wie Produktionssteigerungen im Fleisch- oder Milchsektor oder den Ausbau der Agro-Gentechnik. Für die nationale Bioökonomiestrategie sind 2,4 Milliarden Euro vorgesehen, der Großteil für die Gentechnikfor­schung – eine völlig einseitige Ausrichtung an den Inte­ressen einiger Konzerne. Diese unverantwortliche und überhaupt nicht "wissenschaftsbasierte" Schwerpunkt­setzung blendet die Frage von Nutzen und Risiken der Gentechnikforschung völlig aus. Im letzten Sommer ver­ließen die Umweltverbände unter Protest den "Runden Tisch Pflanzengenetik", weil das BMBF ihre konkreten Anforderungen an eine wissenschaftlich seriöse Risiko­forschung, zum Beispiel zur Verbreitung von Transge­nen über Bestäuberinsekten oder zu Test- und Bewer­tungsmethoden für die Beurteilung der Sicherheit von Genpflanzen, mit unwissenschaftlichen Behauptungen beiseiteschob.

Nicht akzeptabel ist die Einflussnahme des Bioöko­nomierates auf die politischen Entscheidungen. Dieses mit 2 Millionen Euro aus Steuermitteln finanzierte Gre­mium ist de facto eine staatlich bezahlte Lobbyplattform für Agro-Gentechnikproduzenten wie BASF oder KWS. Bereits 2008 haben wir mit einer Studie auf die höchst bedenkliche Verflechtung zwischen öffentlichen For­schungseinrichtungen und der Gentechnikindustrie auf­merksam gemacht. In einem aktuellen Dokumentarfilm – "Verkaufte Wahrheit" – werden die Abhängigkeit der Forschung und die Diskriminierung unabhängiger For­schung weiter belegt.

Trotz Milliardeninvestitionen in Exzellenzinitiativen geht der Personalabbau in der Ressortagrarforschung weiter. Seit 1996 wurde die Zahl der Stellen in der Res­sortforschung des BMELV fast halbiert: von 3 600 auf unter 2 000. Dabei wäre ein Ausbau dieser Agrarfor­schung gerade jetzt von entscheidender Bedeutung.

Statt dass weiter Milliarden in der riskanten und nutz­losen Agro-Gentechnikforschung verpulvert werden, fordern wir den Stopp der Entwicklungsforschung für die Agro-Gentechnik. Die dadurch eingesparten Mittel müssen für die Unterstützung der Agrarressortforschung in den Zukunftsbereichen Ökolandbau, Ernährungs- und Verbraucherforschung und für den Ausbau der unterfi­nanzierten Bereiche wie zum Beispiel der Gartenbaufor­schung eingesetzt werden.

Eine moderne Agrarforschung muss in nationalen und internationalen Netzwerken arbeiten. Deshalb begrüßen wir die Gründung der Deutschen Agrarforschungsalli­anz, DAFA, und fordern die Bundesregierung auf, diese neue Initiative beim Aufbau von Netzwerken weiter zu fördern. Das von den Linken vorgeschlagene For­schungsvernetzungsamt ist ein zu bürokratischer Ansatz, um diesem Anliegen gerecht zu werden.
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