Bundestagsrede von Kai Gehring 27.01.2011

Homosexuelle Jugendliche

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wir wollen schwule, lesbische und transsexuelle Jugendliche stärken und unterstützen. Ich wünsche mir von dieser Bundestagsdebatte das starke Signal, dass Anderssein nicht verkehrt ist und gleichgeschlechtliche Liebe die­selbe Wertschätzung wie heterosexuelle verdient. Wir haben die Vision einer Gesellschaft, in der schwule und lesbische Jugendliche ohne Sorge vor Homophobie und Diskriminierung verschieden sein können. Sie müssen endlich als selbstverständlicher Teil unserer vielfältigen Gesellschaft anerkannt werden. In ihrem Alltag und Le­bensumfeld – in Familie, Schule, Beruf und Freizeit so­wie bei rechtlichen Regelungen – sind Lesben, Schwule und Transsexuelle noch immer nicht allerorts akzeptiert und vollständig gleichgestellt. Diese Benachteiligung hat besonders negative Auswirkungen auf die junge Ge­neration; und das muss sich endlich ändern. Jeder und jede Jugendliche hat unabhängig von der sexuellen Iden­tität ein Recht auf beste Bedingungen des Aufwachsens und zur Persönlichkeitsentwicklung. Gerade für junge Lesben und Schwule sind gleiche Teilhabe sowie die Sichtbarkeit und der Respekt vielfältiger Lebensformen unerlässlich. Schwule und lesbische Jugendliche müssen überall selbstbestimmt sowie angst- und diskriminie­rungsfrei leben können.

Vieles hat sich in den vergangenen Jahren und Jahr­zehnten zum Positiven entwickelt; die Situation hierzu­lande wird besser. Bei meinem Coming-out Mitte der 90er-Jahre habe ich von der zunehmenden gesellschaftli­chen Liberalisierung und den Erfolgen der schwul-lesbi­schen Emanzipations- und Bürgerrechtsbewegung profi­tieren können. Und trotzdem war das Coming-out auch für mich kein leichter, sondern ein bisweilen belastender und krisenhafter Prozess. Das hat sich für die junge Ge­neration auch im Jahr 2011 kaum geändert. Trotz gesell­schaftlicher und politischer Fortschritte bestehen in Tei­len der Gesellschaft weiter Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlichen Jugendlichen: Sie werden kon­frontiert mit Unverständnis, Unwissenheit bis hin zu Ablehnung und Ausgrenzung. Nach wie vor sind viele Eltern ebenso überfordert wie die Schule oder Jugend­einrichtung. "Schwule Sau" darf nicht länger Schimpf­wort Nummer eins auf den Schulhöfen bleiben. Zwar gibt es in vielen Städten schwul-lesbische Einrichtungen oder sogar Jugendzentren. Vielerorts, besonders in länd­lichen Räumen, fehlen Jugendlichen aber noch immer kompetente Anlaufstellen, die sie bei ihrem Coming-out unterstützen, oder Freizeitangebote, bei denen sie Gleichaltrige treffen und kennenlernen können.

Alarmierend ist, dass Suizidversuche bei homo­sexuellen Jugendlichen siebenmal häufiger auftreten als bei heterosexuellen. Skandalös ist, dass angesichts dieser von ihr selbst bestätigten Daten schon die Vorgänger­regierung bei Antworten auf grüne Anfragen "keinen Handlungsbedarf" sah und dem derzeitigen Jugend­ministerium diese Daten nicht einmal mehr bekannt sind, wie die Antwort auf unsere letzte Kleine Anfrage zu diesem Thema belegt. Wie würde sich wohl Frau Schröder als Mutter einer 15-jährigen lesbischen Tochter oder eines 17-jährigen schwulen Sohns bei einer solch empörenden Ignoranz einer Bundesregierung gegenüber dem Wohlergehen ihres Kindes fühlen? Sie sollte einen Moment darüber nachdenken und als Jugendministerin mit uns gemeinsam klare politische Konsequenzen da­raus ziehen. Es geht um immerhin fünf bis zehn Prozent der Jugendlichen, die lesbisch oder schwul sind, deren Familien und Freundeskreise. Deren Belange dürfen nicht länger unbeachtet bleiben, Handeln ist überfällig.

Wir brauchen dringend einen gemeinsamen und um­fassenden Handlungs- und Aktionsplan von Bund und Ländern, um homosexuelle Jugendliche zu stärken:

Wir fordern die Regierung auf, endlich den Bundestags­beschluss von 2005 umzusetzen und eine breit angelegte bundesweite wissenschaftliche Studie zur Lebenssituation lesbischer und schwuler Jugendlicher durchzuführen. Diese Studie muss nicht nur ein fundiertes aktuelles Ge­samtbild, sondern unter anderem auch Handlungsemp­fehlungen zur Überwindung homosexuellenfeindlicher Einstellungen beinhalten. Wenigstens darauf müssten wir uns doch fraktionsübergreifend verständigen kön­nen.

Wir fordern das Bundesjugendministerium auf, ein umfangreiches Paket an Präventionsmaßnahmen zu ent­wickeln, um die dramatisch hohen Zahlen von Mobbing, Gewalt und Suizidversuchen homosexueller sowie trans­sexueller Jugendlicher zu senken und damit ihr Recht auf Gesundheit und Wohlergehen zu garantieren. Wir fordern eine stärkere Förderung schwul-lesbischer Ju­gendarbeit, eine feste Verankerung im Kinder- und Ju­gendplan des Bundes sowie den systematischen Ausbau zielgruppengerechter Angebote.

Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie ge­meinsam mit den Ländern ein Maßnahmenpaket zur Stärkung lesbischer, schwuler und transsexueller Ju­gendlicher in Bildungs- und Jugendeinrichtungen auf den Weg bringt. Dabei muss sie bei den Ländern unter anderem darauf hinwirken, Schulmaterialien für die positive Darstellung von Vielfalt der Familien, Partner­schaften und Lebensweisen zu öffnen.

Daneben sollte das Bundesfamilienministerium ge­meinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung so­wie schwul-lesbischen Jugend- und Bürgerrechtsverbän­den weitere Informationsmaterialien für Jugendliche und Erwachsene initiieren.

Die Jugend- und die Bildungsministerin sollten bei den Bundesländern dafür eintreten, dass Lehrpläne in den Schulen um Themen wie die Vielfalt sexueller Iden­titäten und Lebensweisen, die Geschichte und Men­schenrechtslage Homosexueller erweitert werden. Da­rüber hinaus braucht es flächendeckend Handreichungen für Lehrerinnen und Lehrer mit pädagogisch-didakti­schen Unterrichtsmaterialien, Aus- und Weiterbildungs­programme für Lehrkräfte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe zu Themen wie sexuelle Vielfalt – Diversity – und Identität, Coming-out und Prävention von Homo- und Transphobie.

Auch der nationale Integrationsplan ist um interkultu­relle Angebote zu den Themen sexuelle Vielfalt und Selbstbestimmung sowie Homo- und Transphobie zu er­weitern, um gezielte Angebote für homosexuelle Ju­gendliche mit Einwanderungsgeschichte und ihre Eltern zu initiieren. Hilfreich wären zudem ein "Jugendwettbe­werb gegen Homophobie und für Vielfalt" und eine bun­desweite Informations- und Akzeptanzkampagne, um eine breitere Öffentlichkeit für das Thema zu sensibili­sieren.

Das alles sind wirksame Maßnahmen, die wir der Re­gierung und allen Fraktionen vorschlagen und wofür wir um Ihre Unterstützung werben. Um die Situation homo­sexueller Jugendlicher zu verbessern und ihnen gleiche Entfaltungsmöglichkeiten zu eröffnen, braucht es end­lich beherztes Handeln statt Tabuisierung oder Desinte­resse!
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