Bundestagsrede von 20.01.2011

Wissenschaftlicher Nachwuchs

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Beschäftigungsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs haben sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Die Hochschulkarriere erweist sich für immer mehr hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftler als Sackgasse. Befristete Arbeitsverhältnisse sind inzwischen der Normalfall an unseren Hochschulen. 2008 waren bereits 62 Prozent der hauptberuflichen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur noch befristet beschäftigt. Das ist ein Zuwachs von 23 Prozent innerhalb von nur fünf Jahren. Genauso rasant breiten sich Teilzeitbezahlung und nebenberufliche Beschäftigungsverhältnisse aus. Die Zahl der nebenberuflichen Lehrbeauftragten stieg seit der Jahrtausendwende um satte 50 Prozent. Die Zahl der Professuren stagniert dagegen seit Jahren.

Wir sprechen hier keineswegs von einer kleinen Gruppe von Berufseinsteigern. Die Rede ist vielmehr von der Mehrheit und dem Kernbestand der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an den Hochschulen Daueraufgaben in Forschung und Lehre übernehmen und die bis weit ins fünfte Lebensjahrzehnt mit diesen prekären und befristeten Beschäftigungsbedingungen konfrontiert sind. Solche Personalstrukturen und solche unsicheren Karriereperspektiven werden auf Dauer nicht ohne Folgen für das gesamte deutsche Wissenschaftssystem bleiben. Der Trend, an den Hochschulen möglichst viel Personal zu möglichst kostengünstigen Bedingungen einzustellen, kommt nicht von ungefähr. Auch dass die Zahl der Professuren seit Jahren stagniert, ist kein Naturgesetz. Wenn die Aufgaben in Forschung und Lehre wachsen, aber zugleich an der Grundfinanzierung der Hochschulen gespart wird, darf man sich nicht wundern, wenn die Lücken mit kostengünstigen Nachwuchskräften und prekären Verträgen gestopft werden. Wer ein leistungsfähiges Hochschulsystem will, muss für die auskömmliche Finanzierung gerade auch der grundständigen Aufgaben der Hochschulen in Lehre und Forschung sorgen.

Als Ergänzung haben wettbewerblich vergebene Drittmittel eine wichtige Funktion für Innovation und Qualität gerade in der Forschung. Drittmittel müssen aber keineswegs automatisch zu befristeter Beschäftigung führen. Mit der Herausforderung schwankender Auftragslagen sind nicht nur Hochschulen konfrontiert. Statt die Risiken einseitig auf die Beschäftigten abzuschieben, kommt es vielmehr auf die Steuerungsleistung und das Personalmanagement der Hochschulleitungen an. Öffentliche Drittmittelgeber wie das BMBF und die DFG sollten diese Steuerungsleistung durch gezielte Anreize unterstützen.

Allein in der Unterfinanzierung der Hochschulen darf die Ursache für die prekäre Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses nicht gesucht werden. Auch die verkrusteten Personalstrukturen und Qualifizierungswege haben ihren Anteil. Aus internationaler Perspektive leistet sich das deutsche Hochschulsystem eine exotische Besonderheit: Unterhalb der Professur existieren hierzulande keine dauerhaften Beschäftigungsmöglichkeiten für bewährte Kräfte. An deutschen Hochschulen gibt es kaum eine Möglichkeit, jenseits der Vollprofessur Wissenschaft als Beruf selbstständig in Forschung und Lehre auszuüben. Das ist auch ein wesentlicher Grund für die extreme Verengung der Karrierewege für den wissenschaftlichen Nachwuchs und damit für die ungewissen Perspektiven. Die verstärkten Bemühungen im Rahmen der Exzellenzinitiative, des Pakts für Forschung und Innovation und die Internationalisierungsstrategie werden durch diesen Karriereflaschenhals konterkariert; denn nach den Graduiertenschulen und Graduiertenkollegs gibt es an den Hochschulen selbst für hervorragende wissenschaftliche Postdocs kaum realistische Anschlussperspektiven. Auch für hervorragende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler droht an den Hochschulen die Karrieresackgasse.

Der Beruf Wissenschaft verliert durch diese Karriererisiken und Unsicherheiten gefährlich an Attraktivität. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist zwar hoch motiviert, begeistert sich für die Forschung und das wissenschaftliche Arbeiten. Aber er findet an den deutschen Hochschulen keine attraktiven Bedingungen und verlässlichen Perspektiven, und das oft in einem Alter, wo auch das Thema Familienplanung ansteht. Als Arbeitgeber verlieren die deutschen Hochschulen gegenüber privaten Arbeitgebern und den Hochschulen und Forschungseinrichtungen im Ausland im Ringen um die besten Köpfe dadurch an Boden. Je stärker die demografische Entwicklung durchschlägt und je weiter sich die Arbeitsmärkte für Hochqualifizierte internationalisieren, desto härter wird die Konkurrenz noch werden und desto mehr werden die deutschen Hochschulen das Nachsehen haben, wenn sich nichts ändert. Schon heute sind Sonderprogramme nötig, um hervorragende Nachwuchskräfte für die Rückkehr nach Deutschland zu gewinnen. Aber die Programme laufen ins Leere, wenn sich die Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht verbessern und wenn Personalstrukturen nicht neu geordnet werden.

Es ist höchste Zeit, dass die Bundesregierung endlich zu handeln beginnt und damit ihrer Verantwortung für das gesamte Wissenschafts- und Hochschulsystem gerecht wird. Es reicht nicht, auf die Länder zu zeigen und ansonsten den Kopf in den Sand zu stecken. Die Personalstrukturen an den Hochschulen gefährden die Qualität und die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Wissenschafts-, Forschungs- und Innovationssystems, das auf die Ausbildungsleistung der Hochschulen und den hervorragenden wissenschaftlichen Nachwuchs angewiesen ist.

Wir fordern die Bundesregierung auf, mit den Ländern einen Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs und zukunftsfähige Personalstrukturen zu schließen. Ziel muss es sein, die Professuren/Studierenden-Quote auf einen international wettbewerbsfähigen Standard zu heben, Daueraufgaben in Forschung und Lehre durch Dauerstellen erledigen zu lassen und mit der Tenure-Track-Juniorprofessur die Karrierewege in der Postdocphase zu verstetigen und zu entkrusten. Die Tarifsperre im Wissenschaftszeitvertragsgesetz ist schleunigst aufzuheben, da die Intention des Gesetzes, Befristungen zu begrenzen, unübersehbar gescheitert ist. Besonders steht der Bund schließlich beim wachsenden Anteil der öffentlichen Drittmittelfinanzierung in der Verantwortung. Mehr als zwei Drittel der Drittmittel, die an die Hochschulen fließen, stammen direkt vom Bund oder von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Hier müssen effektive Anreize für mehr unbefristete Beschäftigungsverhältnisse gesetzt werden, zum Beispiel durch einen Risikoaufschlag.

Die Fakten sind sattsam bekannt. Jetzt gilt es, zu handeln und mit den Ländern einen Pakt zu schließen, um dem wissenschaftlichen Nachwuchs verlässliche Perspektiven zu geben. Morgen findet in Berlin die Follow-up-Konferenz der GEW zum Templiner Manifest statt. Es stünde dem Bundestag gut an, heute das Signal zu geben, dass sich nicht nur die Opposition um die Nöte der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler kümmern will.
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