Bundestagsrede von 07.07.2011

Präimplantationsdiagnostik

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Birgitt Bender hat das Wort.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Kollege Schweickert, Sie sprechen von der Verweigerung von Hilfe, wenn man die PID nicht zulasse. Der Kollege Hintze hat heute Morgen gefragt, ob „wir nicht zur Hilfe aufgefordert“ seien und deshalb die PID ermöglichen sollten.

Auch ich will Ihnen dazu eine Geschichte er-zählen. In meiner Stuttgarter Heimat gibt es eine Beratungsstelle, die Paaren im Schwanger-schaftskonflikt nach Pränataldiagnostik beisteht. Die Beraterin hat von einem Paar berichtet, dem aufgrund einer erblichen Belastung geraten wur-de, im Ausland eine PID vorzunehmen. Das hat es getan. Es hat kein Kind. Aufgrund der Hor-monstimulation hat die Frau einen Eierstock ver-loren. Der zweite ist schwer beschädigt, sodass die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, auf beinahe null gesunken ist. Die Frau ist völlig fertig und bereut, dass sie sich diesem Verfahren ausgesetzt hat.

 Deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen, Herr Hintze, ist das Hilfeversprechen, mit dem man suggeriert, man könne Paaren ein gesundes Kind sozusagen liefern, nichts anderes als der Wunschtraum von Technokraten. Die Lebens-wirklichkeit sieht anders aus.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Es ist doch so: Ein Paar, dem gesagt wird, dass es mit einer 25-prozentigen Wahrschein-lichkeit ein behindertes Kind bekommt, hat eine immerhin 75-prozentige Chance, ein gesundes Kind zu bekommen. Mit der PID sinkt die Wahr-scheinlichkeit, überhaupt ein Kind zu bekommen, auf unter 20 Prozent.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜND-NIS-SES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der SPD)

Hinzu kommen das Risiko schwerwiegender Gesundheitsschäden – bis hin zum Tod – und das Trauma, wenn es dann doch wieder nicht geklappt hat; oder das Kind, das geboren wird, ist aus anderem Grund krank.

Herr Hintze, Sie haben gesagt, die Emanzipa-tion von der Natur sei angesagt. Als Mitglied ei-ner ökologischen Partei finde ich das ohnehin befremdlich. Ich möchte Sie aber auch daran erinnern, dass die Emanzipation von der Natur ein alter sozialistischer Wunschtraum ist.

(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sehr richtig!)

Ich wundere mich, dass große Teile der Union auf diesem Weg unterwegs sind.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Dr. Günter Krings [CDU/CSU]: Ein klei-ner Teil!)

Vielleicht wollen Sie das einmal überprüfen.

Nicht jedes Argument, das in den letzten Wo-chen in den Debatten gefallen ist, ist reif für das philosophische Kolloquium. Ich finde aber, auch solche Argumente gehören hierher. Mir ist in den letzten Wochen mehrmals die Frage gestellt wor-den, wie ich in folgendem Fall handeln würde: Das Krankenhaus brennt, und ich kann nur einen Menschen retten. Entscheide ich mich für die Petrischale oder für ein lebendiges Kind? Damit soll wohl gesagt werden, es könne eine Verant-wortung für die 16-Zeller in der Petrischale nicht geben. Das sehe ich anders. Ich will Ihnen sagen, warum: weil diese Embryonen nicht durch Sex in die Petrischale gekommen sind und weil sie da auch nicht aus irgendeinem großen Teich hingeschwommen sind, wie man Kindern früher den Akt der Zeugung zu erklären versucht hat, sondern weil diese Embryonen in einer Arztpraxis nach Hormonstimulation und operativer Eient-nahme erzeugt worden sind, und zwar in größerer Zahl.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Man braucht nämlich mindestens acht dafür. Die-se Embryonen sind zu einem einzigen Zweck er-zeugt worden, nämlich um ein Auswahlangebot zu schaffen,

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

damit man die Auswahl zwischen gesunden und solchen, die wahrscheinlich krank oder behindert sein werden, hat.

Frau Flach, nach Ihrem Gesetzentwurf soll es sogar möglich sein, dass ein Embryo aussortiert wird, der nur eine Anlage für eine Behinderung in sich trägt, aber selber die Chance hätte, zu einem gesunden Kind zu werden. Dazu muss ich Ihnen sagen: Eine solche Auswahl unterscheidet sich grundsätzlich von einer Abtreibung; denn da findet eine Abwägung statt.

(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sehr richtig!)

Bei der PID wird nur aussortiert,

(Beifall bei Abgeordneten des BÜND-NIS-SES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

und das ist ein Verfahren, mit dem ich mich nicht abfinden kann. Da sehe ich die gesellschaftliche Verantwortung, das nicht zu ermöglichen.

Frau Flach, Herr Hintze und all die anderen, die diesen Gesetzentwurf unterstützen, wenn man genau hinschaut, merkt man, dass Sie ein bestimmtes Unbehagen treibt. Sie reden zwar von der Freiheit der Paare und sagen, dass man ihnen diese Möglichkeit nicht nehmen sollte. Sie trauen dieser Freiheit aber nicht; denn Sie schal-ten eine Ethikkommission dazwischen. Sie wer-den Ihre Gründe dafür haben.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜND-NIS-SES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der SPD – Ulrike Flach [FDP]: Sie haben den Gesetzentwurf nicht richtig gelesen!)

Sie trauen sich auch nicht, zu sagen, dass dieses Verfahren die Auswahl zwischen mindestens acht Embryonen bedeutet, dass man die Dreierregel des Embryonenschutzgesetzes ändern muss. Diese Dreierregel haben wir geschaffen, um die Entstehung überzähliger Embryonen, die man dann vernichten würde, zu verhindern.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Warum schreiben Sie das nicht ins Gesetz? Weil Sie wissen, dass da viele Fragen entstehen. Eine Frage lautet: Was passiert mit überschüssigen Embryonen? Die sollen offenbar vernichtet wer-den. Man mag das für richtig halten.

Ich will aber noch eine andere Frage aufwerfen. Frau Flach, Sie waren einmal forschungspo-litische Sprecherin Ihrer Fraktion und kennen doch die Community. Glauben Sie wirklich, dass es, wenn es Embryonen gibt, die den Stempel „Du bist doch sowieso krank und wirst deswegen nicht implantiert“ tragen, nicht ein Interesse der Forscher geben wird? Glauben Sie nicht, dass die dann sagen werden: „Oh, da könnten wir doch mit embryonalem Material wunderbar for-schen; denn die Embryonen werden sowieso nie gebraucht“? Welche Art von Debatten werden wir dann hier führen?

(Katherina Reiche [Potsdam] [CDU/CSU]: Genau so ist es!)

Falls Ihr Gesetzentwurf – was ich nicht hoffe – die Mehrheit bekommt, dann, glaube ich, werden wir Debatten haben, die wir alle nicht wollen. Deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte ich Sie, für ein Verbot der PID zu stimmen.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

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