Bundestagsrede von 07.07.2011

Präimplantationsdiagnostik

Präsident Dr. Norbert Lammert:

Das Wort erhält nun der Kollege Jerzy Montag.

Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Je länger ich mich mit der PID in all ihren Facetten beschäftigt habe, umso klarer ist für mich gewor-den: Wir können und wir dürfen unsere Entschei-dung nicht über die Köpfe derjenigen hinweg tref-fen, die an erster Stelle Verantwortung für ein möglicherweise schwerkrankes oder todgeweih-tes Kind zu tragen haben. Es sind die Eltern und ganz besonders die Mütter, deren Wunsch und Urteil wir nicht übergehen dürfen, was aber im Ergebnis der Gesetzentwurf des Kollegen Sing-hammer und anderer tut.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜND-NIS-SES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bei der be-grenzten Zulassung der PID nach unserem Ge-setzentwurf geht es nicht um ein vermeintliches Recht auf ein durch und durch gesundes Kind. Ein solches Recht, einen solchen Anspruch gibt es nicht, und wir versprechen ihn auch nicht in unserem Gesetzentwurf.

Herr Kollege Meinhardt, ich gebe Ihnen recht: Es geht nicht um ein Werturteil gegen sogenann-tes lebensunwertes Leben, und es geht auch nicht um eine sogenannte Selektion, nicht nur in Ihrem Gesetzentwurf nicht, sondern auch in un-serem Gesetzentwurf nicht.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Herr Kollege Thierse, ich widerspreche Ihnen ve-hement, wenn Sie diese Begriffe im Zusammen-hang mit unserer Debatte verwenden.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Alleine schon wegen der Assoziationen mit die-sen Begriffen, die in die dunkelste Vergangenheit Deutschlands führen, finde ich, verbietet es sich,

(Beifall bei Abgeordneten der FDP)

den Frauen zu unterstellen, ihnen gehe es um Selektion oder um die Ablehnung lebensunwerten Lebens.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Es geht auch nicht um die Hybris, Gott oder dem Schicksal in die Parade fahren und ein per-fektes Kind züchten zu wollen. Der Landesbi-schof der evangelischen Kirche in Bayern – so las ich es in der Presse – hat den Betroffenen in einer Predigt vorgeworfen, sie würden die PID beanspruchen, um sich „am Leid vorbeizumo-geln“. Den betroffenen Vätern und Müttern einen solchen Vorwurf zu machen, finde ich nicht rich-tig.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

All diese Debatten haben ihre Berechtigung. Aber sie haben nichts mit den Frauen zu tun, die nach meh-reren Tot- oder Fehlgeburten in Verzweiflung leben, weil sie Angst vor weiteren Schwangerschaften haben, sich aber eigene Kinder wünschen. Sie haben nichts mit den Eltern zu tun, die in sich die Veranlagung zu schweren, unheilbaren Erbkrankheiten tragen, die Kinder schon qualvoll haben sterben sehen oder die liebevoll Verantwortung für erkrankte Kinder tragen und so erschöpft sind, dass sie ein solches Leid nicht noch einmal erleben können. Die Eltern, die Väter und die Mütter, die wir bei unserer heutigen Entscheidung nicht übergehen dürfen, sind solche, die zum Beispiel die Anlage zur Erbkrankheit Morbus Krabbe in sich tragen, welche sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ihre Kinder übertragen. Wenn diese Krankheit bei Ba-bys ausbricht, werden sie nach wenigen Monaten blind, taub und steif und sterben unausweichlich.

Die moderne Medizin hat die In-vitro-Fertilisation ermöglicht; so sind inzwischen Hunderttausende von Kindern geboren worden. Damit ist auch die Pflicht der Gesellschaft und des Parlaments entstanden, ex-trakorporale Embryonen als beginnendes menschli-ches Leben zu schützen. Aber dieser Schutz ist in jeder nur denkbaren Variante nur mit den Frauen, den zukünftigen Schwangeren und Müttern, gemeinsam möglich.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Bei der In-vitro-Fertilisation ist eine Einpflanzung der extrakorporal erzeugten Embryos gegen den Willen der Frauen nicht möglich. Eine etwaige zwangsbewehrte Verpflichtung hierzu wäre krass verfassungswidrig und unmenschlich.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir machen es den Betroffenen auch mit unserem Vorschlag nicht leicht. Schon die In-vitro-Fertilisation ist langwierig, schmerzhaft und ungewiss; die Erlan-gung von weiblichen Eizellen ist kein Spazier-gang. Danach verlangen wir eine Pflichtberatung über alle psychosozialen und medizinischen As-pekte. Die Frauen haben eine Bringschuld, die besondere Situation, in der sie sich befinden, darzulegen und glaubhaft zu machen. Es findet eine Begutachtung durch eine Ethikkommission statt. All das führt nicht mit Garantie zum Erfolg. Es erhöht nur die Chance auf ein lebensfähiges und gesundes Kind.

Wir finden, dass die betroffenen Frauen diese Chance verdienen und dass sie in Selbstbestim-mung einen Anspruch auf die medizinische Dienstleistung einer PID haben. Deshalb bitte ich Sie, unserem Gesetzentwurf nach Abwägung aller Argumente Ihre Zustimmung zu geben.

Danke schön.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

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