Bundestagsrede von 07.07.2011

Einrichtung eines Zentrums für Alevitische Studien

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich begrüße und unterstütze ausdrücklich die Initiative der SPD-Kolleginnen und -Kollegen, ein Zentrum für alevitische Studien zu fördern. In Deutschland leben inzwischen rund eine halbe Million Aleviten. Sie sind überwiegend türkischer Herkunft und als Arbeitsmigrantinnen und -migranten nach Deutschland gekommen oder sind deren Nachkommen. In der Türkei leben zwischen 13 und 22 Millionen Aleviten. Bis heute werden die Aleviten vom türkischen Staat nicht als religiöse Minderheit anerkannt, sondern immer noch diskriminiert und marginalisiert. Das hat zum Beispiel zur Folge, dass alevitische Kinder am sunnitisch geprägten Religionsunterricht teilnehmen müssen. Im Gegensatz zur sunnitischen Glaubensrichtung erhalten sie auch keine staatliche Unterstützung für die Ausübung ihrer Religion, und ihre Versammlungshäuser sind nicht geschützt. Die Europäische Union hat die Diskriminierung der Aleviten im Rahmen der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei mehrfach kritisiert.

Von orthodoxen sunnitischen Muslimen werden Aleviten als Häretiker und Ungläubige bezeichnet. Böswillige Vorurteile gegen Aleviten sind bei türkischen Sunniten noch heute verbreitet. In osmanischer Zeit wurde das Alevitentum verfolgt, und bis in die jüngste Zeit gab und gibt es in der Türkei Übergriffe und Pogrome gegen Aleviten vonseiten türkischer Nationalisten und sunnitischer Fundamentalisten. 1993 zündete in Sivas ein aufgebrachter Mob ein Hotel an, in dem sich zahlreiche alevitische Künstler und Intellektuelle aufhielten. 37 Menschen starben in den Flammen.

Deutschland und die EU sollten die Beendigung der Diskriminierung des Alevitentums von der Türkei unmissverständlich einfordern. Der deutsche Staat sollte aber auch dazu beitragen, dass sich die Marginalisierung der Aleviten nicht auch noch in Deutschland fortsetzt. Deshalb ist es richtig, bei der Gestaltung des Religionsunterrichts und der Einrichtung von Zentren für islamische Studien den alevitischen Glauben nicht einfach unter einem sunnitisch verengten Islam zu subsumieren, sondern seine Selbstbestimmung und Eigenständigkeit zu betonen.

Die Alevitische Gemeinde in Deutschland fordert seit langem die Möglichkeit für alevitischen Religionsunterricht in deutscher Sprache an deutschen Schulen. Einige Städte haben bereits damit angefangen. Dies setzt aber die Ausbildung von geeignetem Lehrpersonal an deutschen Universitäten voraus.

Einige Aleviten sehen sich als Muslime, andere nicht. Welcher Glaube zur muslimischen Religion gehört und welcher nicht, kann und darf nicht die Politik entscheiden. Es muss den alevitischen Gemeinden und Verbänden überlassen bleiben, sich innerhalb des Kontexts des Islam oder außerhalb zu verorten. Die Verortung können die Gläubigen nur selbst vornehmen.

Diesem Spannungsverhältnis des Alevitentums im Verhältnis zum Islam müssen auch die Institutionen gerecht werden, die die Politik für die Herausbildung theologischer Studien fördert. Deshalb ist es richtig, einerseits bei den Zentren für islamische Studien grundsätzlich keine Richtung islamischer Glaubenstradition und Gelehrsamkeit auszuschließen, andererseits aber auch parallel dazu ein Zentrum für alevitische Studien einzurichten. Es geht dabei nicht nur um die Ausbildung von Lehrpersonal für einen alevitischen Religionsunterricht. Das Alevitentum ist auch aus Forschungssicht ein spannendes Feld mit seinen tiefen mystischen Wurzeln, der herausragenden Bedeutung von Tänzen, Musik, Gedichten und Liedern, den vielen integrierten Elementen des Sufismus bis hin zu besonderen Ausprägungen wie den Derwischbruderschaften der Bektaschi. Die Aleviten in Deutschland haben aber auch aus politischer Sicht Unterstützung nicht nur nötig, sondern auch verdient. Es handelt sich um eine tolerante Religion, in der der Mensch und sein individuelles Verhältnis zu Gott im Mittelpunkt stehen. Dogmatische Regeln wie Ritualgebete, Bedeckung oder Verschleierung von Frauen und andere als oberflächliche Äußerlichkeiten bewertete Vorschriften haben im Alevitentum keinen Platz. Die Scharia wird abgelehnt. Männer und Frauen sind gleichgestellt. Das Alevitentum ist eine humanistische und universelle Religion, die zu liberalen und modernen Gesellschaftsvorstellungen passt. Kein Wunder, dass die Aleviten in Deutschland in der Regel gut integriert sind und viele die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben. Ein Zentrum für alevitische Studien wäre für die gesamte deutsche Gesellschaft und nicht nur für die Aleviten ein Gewinn und könnte den Dialog der Weltreligionen um eine besondere Facette bereichern.

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