Bundestagsrede von Maria Klein-Schmeink 01.07.2011

Prävention und Gesundheitsförderung

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Das Wort hat nun Maria Klein-Schmeink für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Maria Klein-Schmeink (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen hier im Hause! Ich habe heute Morgen die Beratungen zu dem vorherigen Tagesordnungspunkt, dem Bundeskinder-schutzgesetz, gehört. Da habe ich erstmalig eine sehr konstruktive Debatte erlebt, bei der ich das Gefühl hatte: Alle hier im Saal wollen tatsächlich zu neuen Lösungen kommen.

(Beifall der Abg. Stefanie Vogelsang [CDU/ CSU])

Das würde ich mir für die Prävention in gleicher Weise wünschen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abge-ordneten der LINKEN und der Abg. Ste-fanie Vogelsang [CDU/CSU])

Entsprechende Äußerungen habe ich heute bis-lang vonseiten der Regierungskoalition leider noch nicht gehört. Das finde ich schade.

Man sieht anhand der drei Anträge, die wir hier in den Bundestag eingebracht haben, dass sehr konstruktive Vorschläge auf den Tisch gelegt worden sind. Sie sind in Teilen unterschiedlich – man muss auch nicht alle Ansichten teilen –, aber die Richtung ist im Grunde klar: Wir müssen mehr für die Prävention tun. Wir müssen mehr für die Gesundheitsförderung tun. Das dürfen wir nicht einfach nur dem Wettbewerb der Krankenkassen überlassen oder aber daraus nur eine Sonntagsrede machen. So ist es aber bislang. So dürfen wir nicht weitermachen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Wir haben heute relativ wenig Fakten und Zah-len bemüht. Ich habe mir einmal angesehen, wie viel wir für die Gesundheit ausgeben, und zwar über alle Sozialleistungsträger gesehen. Das sind ungefähr 270 Milliarden Euro. Wir geben gerade einmal 2,3 Prozent dieser Summe für Prävention und Gesundheitsförderung aus.

(Dr. Gerd Müller [CDU/CSU]: Das ist unge-heuerlich!)

Genau das zeigt, wo derzeit die Schieflage ist. In dieser Art und Weise können wir nicht weiterma-chen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Herr Singhammer und Herr Lotter, zu diesem Thema hätte ich mir ein paar konkretere Hinweise gewünscht. Sie haben gesagt: Im Grunde ge-nommen ist alles, so wie es ist, gut. Wir müssen noch ein bisschen mehr Kampagnen machen und mehr guten Willen zeigen. Wir müssen mehr Fantasie aufbringen und sehen, dass wir das eine oder andere besser bündeln. Dann haben wir genug getan. – Dazu kann ich nur sagen: Das reicht nicht.

Viele von Ihnen dürften auch in den Kommu-nen aktiv sein und vielleicht auch Kommunalpoli-tik gemacht haben. In den Kommunen sehen Sie, dass die Realität eine vollständig andere ist. Die Menschen, die über die geringsten Chancen auf Gesundheit und über wenig Bildung verfügen, werden von den Präventionsmaßnahmen bislang nicht erreicht. Da, wo in sozialen Brennpunkten für diese Gruppen Projekte entwickelt und müh-selig finanziert werden, stellt sich nach zwei Jah-ren die Frage: Wie wird dieses Projekt weiterfi-nanziert? Das ist heute, zwölf Jahre nachdem wir Gesundheitsförderung und Prävention ins Gesetz geschrieben haben, immer noch die Realität. Das müssen wir ändern. Da sind wir alle gefragt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abge-ordneten der LINKEN)

 Wenn jetzt festgestellt wird, dass ein Rich-tungs- und Prioritätenwechsel notwendig ist, dann muss er auch tatsächlich angegangen wer-den. Wir werden nicht darum herumkommen, entsprechende gesetzliche Regelungen zu schaf-fen. Hier ist immer wieder davon die Rede, ein Präventionsgesetz werde als Wert an sich be-müht und nur zu mehr Bürokratie führen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir haben jetzt sehr viel Stückwerk, Leerlauf und Bürokratie für Kleinstprojekte. Das ist die Realität, und das müssen wir angehen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Sie könnten dabei auf alle Vorschläge zurück-greifen, die wir vorgelegt haben. Wir haben Vor-schläge dazu gemacht, wie man Bund, Länder und Kommunen an einen Tisch bringen kann. Der Wille dazu ist in den Ländern und Kommunen vorhanden. Das ist kein Problem. Ihnen brennen nämlich die Probleme auf den Nägeln; sie können sich ihnen nicht entziehen. An dieser Stelle sind wir gefragt, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit eine verbindliche Finanzie-rungsgrundlage, Aufgabenzuteilung und Aufga-benstellung zustande kommen. Das ist unsere Aufgabe in diesem Saal und nirgendwo anders.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abge-ordneten der LINKEN)

Das ist das eine. Das andere ist: Auch bei den verschiedenen Bemühungen der Krankenkassen müssen wir feststellen, dass die bruchstückhafte Finanzierung, die wir derzeit haben, sogar noch rückläufig ist. In der Zeit der Großen Koalition sind Sie nicht vorangekommen, obwohl Sie ver-sprochen hatten, endlich etwas zu tun. Wo aber sind wir gelandet? Im Stillstand.

Aber unter Schwarz-Gelb sind wir derzeit nicht einmal im Stillstand; wir machen sogar Rück-schritte.

(Dr. Erwin Lotter [FDP]: Na, na, na!)

Das ist die Realität, die Sie zur Kenntnis nehmen müssen. Die Ausgaben für Prävention sind der-zeit niedriger als noch im Vorjahr. Sie werden in Zeiten von Zusatzbeiträgen im nächsten Jahr weiter rückläufig sein. Das wissen wir schon heu-te. Das muss doch Grund sein, uns langsam da-rüber Gedanken zu machen, wo wir eigentlich hinwollen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Dieser Aufgabe müssen Sie alle sich stellen. Sie können nicht einfach unterstellen, dass wir ir-gendeine bürokratische Idee im Kopf haben. Da-rum geht es nicht. Es geht vielmehr darum, eine vernünftige Grundlage zu schaffen.

Wenn Sie einen besseren Vorschlag haben, können Sie ihn gerne vorlegen. Dazu werden wir, hoffe ich, in der nächsten Zeit Gelegenheit ha-ben.

So viel als Eingangsbemerkung. Gemessen daran, was wir beim Thema Kinderschutz erlebt haben, wären auch beim Thema Prävention kon-struktivere Schritte nötig.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abge-ordneten der LINKEN – Stefanie Vogel-sang [CDU/CSU]: Dann hätte Ihre Kol-legin aber anders einsteigen sollen!)

– Es geht nicht darum, wer wie anfängt. Jeder hat es in der Hand – Sie reden ja gerne von Ei-genverantwortung –, den Stil zu ändern.

Ich möchte aber auf den jetzigen Stand zu sprechen kommen. Derzeit haben wir ein Wirrwarr von Zuständigkeiten. An dieser Stelle können wir ansetzen. Dafür brauchen wir das Prä-ventionsgesetz. Wir haben keine stabile Finan-zierungsgrundlage. Auch dafür brauchen wir eine gesetzliche Regelung, wie auch immer Sie das dann nennen. Das können Sie ja anders machen.

Darüber hinaus brauchen wir aber auch ver-nünftige Strategien. Denn derzeit haben wir in der Tat verschiedene Strategien, vor allem Mar-ketingstrategien der Krankenkassen; sie werden aber nicht zusammen betrachtet. Das muss sich ändern. Wir müssen die Grundlagen dafür schaf-fen und bestehende Initiativen wie „In Form“ auf eine breite Plattform stellen. Wir brauchen eine Übereinkunft darüber, dass das unser gemein-sames Programm auf allen Ebenen ist.

(Beifall der Abg. Stefanie Vogelsang [CDU/ CSU])

Das müssen wir als nationale Strategie ergän-zend zu dem gestalten, wofür wir die gesetzlichen Grundlagen schaffen.

Diese Visionen brauchen wir. Diese Aufgaben müssen wir angehen. Das können wir nicht ein-fach aussitzen, indem nur ein bisschen analysiert wird, was derzeit vorhanden ist, und allenfalls der Beitragsanteil pro Versicherten weiter angehoben wird. Das kann nicht die Lösung sein. Wir brau-chen vielmehr eine Gesamtstrategie.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Wenn Sie, wie es vorhin der Fall war, versu-chen, sich mit dem Hinweis auf die persönliche Eigenverantwortung herauszureden, dann ist das keine geeignete Strategie. Sie alle wissen: Prä-vention und Gesundheitsförderung sind Instru-mente gegen die soziale Schieflage. Das ist auf allen Ebenen bekannt. Diesem Thema müssen wir uns stellen. Das können wir nicht, indem wir nur an die Eigenverantwortung appellieren. Das ist ein Rückschritt und führt in die Sackgasse. So werden wir nicht weiterkommen.

Befassen Sie sich mit unseren Vorschlägen, die wir vorgelegt haben, statt sich an einer aus meiner Sicht zentralistischen Stiftungslösung ab-zuarbeiten, und ziehen Sie auch die anderen An-sätze heran, die Ihnen aufgezeigt wurden.

(Dr. Erwin Lotter [FDP]: Da bleibt auch vieles im Vagen!)

Gehen Sie mit uns in die Debatte und schauen Sie, dass Sie noch in diesem Jahr etwas auf den Weg bringen.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

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