Bundestagsrede von Nicole Maisch 07.07.2011

Einführung der Nährwert-Ampel

Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Übergewicht entwickelt sich mehr und mehr zur Epidemie. Seit 1985 gibt es einen dramatischen Anstieg von Menschen mit Übergewicht und Adipositas. In Deutschland sind knapp 40 Millionen Menschen zu dick und damit schwerwiegenden gesundheitlichen Risiken oder Beeinträchtigungen ausgesetzt. Die im Januar 2008 veröffentlichten Ergebnisse der Nationalen Verzehrsstudie II bestätigen, dass 58 Prozent der Männer und immerhin 41 Prozent der Frauen übergewichtig sind. 12 bis 15 Prozent davon gelten sogar als adipös. Die Kindergesundheitsstudie KIGGS geht von 1,9 Millionen übergewichtigen und 800 000 (6,3 Prozent) adipösen Kindern und Jugendlichen aus. Über 20 Prozent unserer Kinder sind also zu dick.

In einer aktuellen Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse, DAK, erklären 95 Prozent der befragten Kinderärzte, dass Übergewicht bei Kindern in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat. Ungesunde Ernährung ist entgegen allen Behauptungen interessierter Kreise die Hauptursache für Übergewicht. Verbraucher haben bisher keine praktikable Möglichkeit, sich zuverlässig und verständlich über den Nährwertgehalt von Lebensmitteln zu informieren. In vielen Fällen täuschen die Hersteller durch die Aufmachung und Etikettierung ihrer Produkte über deren tatsächlichen Inhalt hinweg.

Die Einführung der Nährwertampel würde es allen Verbraucherinnen und Verbrauchern erleichtern, schnell und unkompliziert zu erfassen, welche Lebensmittel zucker- und fettreiche Dickmacher sind oder zu viel Salz enthalten. Das ist der entscheidende Vorteil gegenüber dem Modell der Lebensmittelindustrie, dem GDA-Modell. Die Fachhochschule Münster hatte im direkten Vergleich zwischen Nährwertampel und der GDA-Kennzeichnung der Industrie herausgefunden, dass mit der Ampelkennzeichnung 95 Prozent der Befragten erkennen konnten, welches von zwei vergleichbaren Lebensmitteln weniger Zucker enthält. Mit der Industriekennzeichnung schätzten weniger als die Hälfte der Testpersonen den Zuckergehalt richtig ein. Diese Desinformation ist von den Herstellern durchaus gewollt, verstellt sie doch die kritische Sicht auf viele Nahrungsmittel, die als gesunde Mahlzeiten beworben werden, in Wahrheit jedoch voller Zucker und Fett stecken.

Während die meisten Verbraucher wissen, dass man Schokolade oder Sahnetorte nur dosiert genießen sollte, erkennt kaum jemand auf den ersten Blick, dass handelsübliche Saftschorlen zu viel Zucker enthalten, um als alleiniger Durstlöscher zu dienen, oder dass ein Riegel mit einer Füllung aus „Magermilchjogurt und Erdbeeren“ eine fettige Süßigkeit ist und mitnichten schlanker als gewöhnliche Schokolade. Wer würde seinen Kindern wohl noch Frühstücksflocken auf den Tisch stellen, die in ihrer Nährwertstruktur am ehesten Keksen vergleichbar sind? Welcher Hersteller möchte schon, dass die vollmundigen Werbebotschaften für „reichhaltige“ Zutaten und „leichte Zwischenmahlzeiten“ durch rote Punkte bei Fett- und Zuckergehalt entlarvt sehen? Die Nährwertampel erlaubt einen kritischen Blick auf die Rezepturen von Lebensmitteln; deshalb wurde sie von der Industrie bekämpft. In Großbritannien hat die Einführung der Ampel zu Veränderungen bei den Rezepturen geführt, weil die Verbraucherinnen und Verbraucher gesündere Optionen nachfragen, wenn sie sie auf den ersten Blick erkennen können.

Die fehlende Umsetzung der Nährwertampel bestärkt die Verbraucherdesinformation; damit werden die nationalen Programme zur Bekämpfung von Übergewicht und Fehlernährung ad absurdum geführt – mit fatalen Folgen auch für die Gesundheitssysteme, die heute schon etwa ein Drittel ihrer Gesamtausgaben für die Bekämpfung ernährungsbedingter Folgeerkrankungen aufwenden. Es ist unverantwortlich, dass die Europäische Kommission und die schwarzgelbe Bundesregierung hier dem Lobbydruck gefolgt sind, statt auf den Rat von Ernährungsexperten, Krankenkassen, Verbraucherverbänden und Kinderärzten zu hören.

Die meisten Menschen wollen sich und ihre Kinder gesund ernähren, aber kaum jemand hat Zeit und Lust, beim Einkauf komplizierte Rechenleistungen zu vollbringen. Deshalb brauchen wir ein einfaches, transparentes Instrument. Wir fordern die Bundesregierung auf, endlich eine Ernährungs- und Verbraucherpolitik zu machen, die ihren Namen verdient. Entwickeln Sie eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe, setzen Sie sich für Werbebeschränkungen von Süßigkeiten im Umfeld von Kindersendungen ein. Wälzen Sie den flächendeckenden Ausbau der Kindergarten- und Schulernährung nicht allein auf die Länder ab, sondern gehen Sie über ein Bund-Länder-Aktionsprogramm mit in die Verantwortung und Finanzierung.

Daher gilt: Wir brauchen dringend eine transparente und leicht verständliche Information über den Nährwertgehalt von Lebensmitteln. Unausgewogene Ernährung führt erwiesenermaßen zu großen gesundheitlichen Problemen und hohen gesellschaftlichen Kosten.

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