Bundestagsrede von Katja Dörner 09.06.2011

Misshandlungen in Erziehungsheimen

Vizepräsidentin Petra Pau:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat die Kol¬legin Dörner das Wort.

Katja Dörner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kollegin-nen! Liebe Kollegen! Liebe Kollegin Dittrich, ich finde es sehr traurig und auch sehr unangemessen, wie durch Ih¬ren Redebeitrag die sehr gute und immens wichtige Ar¬beit des Runden Tisches Heimkinder hier diffamiert wird.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

Das hätte bei solch einem interfraktionellen Antrag und einer so großen Einigkeit hier im Parlament wirklich nicht sein dürfen.

Ich möchte mit einigen Sätzen eines ehemaligen Heimkindes beginnen, die so in dem Materialband des Runden Tisches Heimkinder dokumentiert sind:

Wärme, Zuneigung und Geborgenheit gab es nicht. Dafür gab es aber Demütigungen, Schläge und Er¬niedrigungen im Überfluss. Als ich einmal nachts ins Bett nässte, musste ich am nächsten Morgen vor der versammelten Gruppe den gestreiften ‚Bettnäs¬ser-Schlafanzug‘ anziehen. … Alle Kinder sollten einen ihrer Schuhe/Hausschuhe ausziehen, mir da¬mit auf den Po schlagen und mich dabei laut als Bettnässer beschimpfen.

Diese Sätze sind nur ein ganz kleiner Ausschnitt des¬sen, was der Runde Tisch Heimkinder in den letzten Jah¬ren aufgearbeitet und dokumentiert hat. Aber ich denke, er gibt uns einen kleinen Einblick in die damalige Le¬bensrealität in vielen Heimen und lässt uns vielleicht auch die Gefühlswelt der Kinder und Jugendlichen, die dem ausgesetzt waren, ein bisschen verstehen.

Klar ist: Nichts, was der Deutsche Bundestag be¬schließt, kann dem Unrecht und dem Leid, das viele Kin¬der in Heimen erfahren haben, irgendwie gerecht wer¬den. Viele Leben wurden in ganz jungen Jahren auf sehr schwierige Gleise gesetzt, oft – wir wissen das aus den Gesprächen mit den Heimkindern – mit schwerwiegen¬den Folgen bis heute. Das kann nicht wiedergutgemacht werden.

Was aber geschehen kann, ist, die heutige Le-bens¬situation der ehemaligen Heimkinder zu ver-bessern. Das ist es, was wir tun wollen.

Hier kann die Arbeit des Runden Tisches Heim-kinder aus meiner Sicht gar nicht oft genug her-vorgehoben wer¬den, der hierzu sehr konkrete Empfehlungen unterbreitet hat. Ich möchte an die-ser Stelle der Vorsitzenden des Rundes Tisches, Frau Dr. Antje Vollmer, und gerade den involvier-ten Heimkindern im Namen aller Fraktionen, die den interfraktionellen Antrag eingebracht haben, ausdrücklich danken.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

Als Deutscher Bundestag wollen wir die Emp-fehlun¬gen des Runden Tisches Heimkinder sehr schnell umset¬zen. Schon zum kommenden Jahr soll ein Fonds bzw. eine Stiftung arbeitsfähig sein, die, konkret mit 120 Millionen Euro ausgestattet, Rentenansprüche aus¬gleicht und Entschädigungen an die ehemaligen west¬deutschen Heimkinder zahlt.

Es ist mir wichtig, an dieser Stelle noch einmal auf die Anlauf- und Beratungsstellen hinzuweisen, die nun von den Ländern eingerichtet werden; denn die mate¬rielle Frage ist ja immer nur eine Frage. Sie ist zwar eine sehr wichtige Frage; aber mit ihrer Lotsenfunktion neh¬men diese Anlaufstellen eine sehr wichtige Aufgabe wahr.

Mit der Würdigung der Leistungen des Runden Ti¬sches wird aber auch deutlich, wie viele Schick-sale tat¬sächlich noch aufzuarbeiten sind. Für die Aufarbeitung des Unrechts gegenüber den Heim-kindern in der DDR ist ein Anfang gemacht. Uns allen ist auch klar, dass es keine Opfer erster und zweiter Klasse geben darf.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

Nicht unterschieden werden darf zwischen Ost und West, aber auch nicht entlang der Frage, in welcher Ein¬richtung den Kindern und Jugendlichen Unrecht angetan wurde, ob in einem Säuglingsheim, ob im Fürsorgeheim oder in Einrichtungen der Kinderpsychiatrie oder der Behindertenhilfe. Ich bin sehr froh, dass wir in unserem Antrag auch einen Prüfauftrag verankern konnten.

Ich möchte abschließend einen kurzen Blick in die Zukunft werfen. Viel Unrecht war in den Heimen ja auch deshalb möglich, weil es Strukturen gab, die kein Kor¬rektiv hatten, und weil Kinder und Jugendliche selber nicht beteiligt waren und sich nicht selber einbringen konnten. Hier hat sich in den letzten Jahren zum Glück sehr viel getan. Aber ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam auch in die Zukunft blicken und schauen, wie man den Rechten von Kindern und Jugendlichen auch in der Kinder- und Jugendhilfe selbst stärkeres Ge¬wicht verleihen kann. Beispielsweise den Bereich der Ombudschaft, der auch in den Empfehlungen des Run¬den Tisches vorkommt, halte ich für sehr zukunftswei¬send.

(Marlene Rupprecht [Tuchenbach] [SPD]: Rechtshilfe!)

 In den Gesprächen mit den Heimkindern und auch im Bericht des Runden Tisches wird ja deut-lich, dass es den ehemaligen Heimkindern gerade auch darum geht, dass es den Kindern und Ju-gendlichen, die heute in den Ein¬richtungen der Kinder- und Jugendhilfe sind, gut geht. Das hat mich immer sehr berührt, wenn dieser Aspekt in den Gesprächen genannt wurde. Ich finde, dass wir uns bemühen sollten, dieses Signal aufzugrei-fen und dieses Ziel in unsere zukünftige Arbeit im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe mitaufzunehmen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP so¬wie bei Abgeordneten der LINKEN)

383303