Bundestagsrede von 30.06.2011

Stärkung der Polarforschung

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Wir begrüßen die Initiative der SPD-Kolleginnen und -Kollegen, die Polarforschung auf die Tagesord-nung des Bundestages zu setzen. Arktis und Antarktis sind für die Forschung faszinierend und von großer Bedeutung; gleichzeitig sind diese Regionen hochsensibel und ge¬fährdet. Angesichts der globalen Ressourcenverknap¬pung wächst das wirtschaftliche Interesse an den Polar¬regionen, insbesondere an der Arktis. Mit steigenden Rohstoffpreisen und durch das dramatische Abschmel¬zen der Eisdecke erscheint die Exploration schwer zu¬gänglicher Reserven an Öl, Gas, Gold, Zink oder selte¬nen Erden zunehmend rentabel. Der Wettlauf der Anrainerstaaten, ihre Ansprüche geltend zu machen, hat längst begonnen. Für diese sensible Region müssen Schutzmechanismen gegen eine zerstörerische Ressour¬cenausbeutung etabliert werden, am besten durch einen Arktis-Vertrag in Anlehnung an den Antarktis-Vertrag aus dem Jahre 1959. Meine Fraktion, Bündnis 90/Die Grünen, wird in Kürze dazu einen entsprechenden An¬trag einbringen.

Die Möglichkeiten, Grundlagenforschung in der Ark¬tis zu betreiben, müssen uneingeschränkt erhalten blei¬ben; denn den Polarregionen kommt für die Klima- und Erdsystemforschung eine Schlüsselrolle zu. Von allen Regionen der Erde reagieren die Polargebiete am schnellsten auf die globalen Veränderungen. Arktis und Antarktis sind die empfindlichsten Seismografen des Klimawandels, und nach Ansicht der Wissenschaft wer¬den die Entwicklungen der kommenden fünf bis zehn Jahre besonders relevant werden. Die interdisziplinäre Erforschung der Polargebiete, der Polarmeere, der Landmassen und der Atmosphäre, ihr heutiger Zustand und ihre Geschichte liefern entscheidende Daten und In¬formationen, um zuverlässige Klimamodelle zu erarbei¬ten und in der Biodiversitätsforschung voranzukommen.

Deutschland ist mit dem Engagement des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven, des IfM-GEOMAR in Kiel und etlichen weiteren außeruniversitären und uni¬versitären Forschungsinstituten in der Polarfor-schung bislang hervorragend positioniert und hat da-durch ein beachtliches internationales Renommee. Aufgrund der Globalität der Herausforderung Klimawandel, der ge¬meinsamen Verantwortung für die Polarregionen, aber auch wegen der hohen Kosten ist die internationale Ko¬operation in der Polarforschung besonders wichtig und richtig. Auch hier kann konstatiert werden, dass die deutsche Polarforschung gut in internationale Koopera¬tionen eingebunden ist. Neben den internationalen For¬schungsteams auf der „Polarstern“ möchte ich hier bei¬spielsweise die Koldewey-Station in Ny-Ålesund auf Spitzbergen erwähnen, die Bestandteil der deutsch-fran¬zösischen Forschungsbasis ist, oder die deutsch-russi¬sche Zusammenarbeit in der Laptewsee, aus dem das deutsch-russische Otto-Schmidt-Labor für Polar- und Meeresforschung und ein gemeinsamer deutsch-russi-scher Masterstudiengang „Angewandte Polar- und Meereswissenschaften“ entstanden ist. Diese in-ternatio¬nalen Kooperationen sollten gestärkt und systematisch weiterentwickelt werden.

Wer will, dass Deutschland bei der Erforschung des Klimawandels eine Vorreiterrolle übernimmt, muss da-für heute die richtigen forschungspolitischen Weichen stellen. Das betrifft in erster Linie die Forschungsinfra¬struktur. Denn um Polarforschung auf hohem Niveau zu betreiben, ist eine leistungsstarke Infrastruktur unab¬dingbar. Dazu gehören Forschungsstationen, Beobach¬tungssysteme, vor allem aber eisgängige Forschungs¬schiffe, ohne die weder die Forschungsstationen versorgt noch die automatischen Beobachtungssysteme eingerichtet und gewartet werden können. Aufgrund der kritischen Masse an Infrastrukturen, die für hervorra¬gende Forschung notwendig sind, sollten wo immer möglich internationale Kooperationen angestrebt wer¬den.

Mit dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ verfügt die deutsche Polarforschung über eines der leistungsfä¬higsten Polarforschungsschiffe der Welt. Die „Polar¬stern“ wird für die gesamte Bandbreite der Meeresfor¬schung in der Arktis und Antarktis eingesetzt und dient für die vor zwei Jahren eingeweihte Antarktisstation Neumayer III und die Koldewey-Station auf Spitzbergen als Versorgungsschiff. Die „Polarstern“ ist bereits seit 1982 in Betrieb und nähert sich allmählich der Grenze für ihre schiffbaulich und wirtschaftlich sinnvolle Nut¬zung. Obwohl die „Polarstern“ nach der Generalüber¬holung 1998 bis 2002 gut in Schuss ist, steigen die Repa-raturanfälligkeit und die Betriebskosten mit jedem Betriebsjahr.

Es ist dringend notwendig, den Neubau einer zeitge-mäßen Variante der „Polarstern“ auf den Weg zu brin-gen. Forschungsschiffe kann man nicht aus dem Hut zaubern; das hat lange Vorlaufzeiten. Auch die Finan-zierung ist langfristig sicherzustellen. Damit gilt es auch sich von der Illusion zu verabschieden, die „Aurora Bo¬realis“ könne die „Polarstern“ ersetzen. Die „Aurora Borealis“ als gemeinsames europäisches Großprojekt wird kurz- und mittelfristig nicht zu ver-wirklichen sein. Ihre Realisierung steht mehr denn je in den Sternen, nachdem die Kostenschätzungen explo-diert sind und entscheidende mögliche Partner wie zum Beispiel Nor¬wegen sich nicht beteiligen wollen.

Wenn bis 2016 das Nachfolgeschiff für die „Polar-stern“ fertiggestellt wäre und die Betriebszeit der „Po-larstern“ für drei bis fünf Jahre verlängert würde, könn¬ten für eine begrenzte Zeit zwei eisbrechende For-schungsschiffe parallel zur Verfügung stehen und zeit-raubende und kostenintensive Transferfahrten ver-mieden werden. So könnte an beiden Polen gleichzeitig geforscht werden. Die Möglichkeit ganzjähriger For¬schung stellt eine einmalige Chance für die Polarfor¬schung dar, gerade in den Jahren, die in den Polarre¬gionen für die Erforschung des Klimawandels von entscheidender Bedeutung sind. Diese Chance sollten wir im Interesse der Polarforschung und aus Verantwor¬tung für die globale Herausforderung Klimawandel er¬greifen.

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