Bundestagsrede von Markus Tressel 09.06.2011

Barrierefreier Tourismus

Markus Tressel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Der wesentlichste Aspekt des Reisens ist die Mobilität. Für viele von uns ist das eine Selbstverständ-lichkeit. Die An- und Abreise mit der Bahn, die Fahrt mit dem Auto oder der Flug gehören zu fast jedem Urlaub dazu. Eine Reise ohne einen Orts-wechsel ist schlicht und ergreifend nicht möglich. Für circa 20 Millionen Menschen mit eingeschränk-ter Mobilität in Deutschland ist genau dies aber nach wie vor mit enormen Hindernissen verbunden. Ich spreche hier nicht nur über die körperliche Bewegungseinschränkung; auch Einschränkungen beim Hören und Sehen, Allergien und viele weitere Beeinträchtigungen können die Mobilität erschwe-ren. Dabei spielen nicht nur die eigenen körperli-chen Voraussetzungen eine Rolle, sondern auch die Frage, wie viel Mobilität uns unsere Umwelt überhaupt ermöglicht.

Die Antwort fällt ernüchternd aus: Der touristi-sche Alltag in Deutschland zeigt, dass fast 50 Pro-zent aller Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Wahl ihres Reiseziels nicht nur von eigenen Wünschen und Vorstellungen abhängig machen können, sondern die Wahl aufgrund unzureichender Angebote eingeschränkt wird. Damit wird all diesen Menschen die freie Entscheidung, wohin die Reise denn gehen soll, deutlich erschwert. Dieser Zustand ist nicht in unserem Sinne. Hier gilt es, schnell zu handeln und Rahmenbedingungen zu schaffen, die allen Menschen eine Reiseentschei-dung unabhängig von Einschränkungen in ihrer Mobilität ermöglicht. Deshalb stellen wir uns hinter den Antrag der SPD-Fraktion.

Der Antrag ist äußerst umfassend. Er greift viele Punkte auf und zeigt damit, wie umfassend das Thema behandelt werden muss. Genau hier hat der Antrag aber auch einige kleine Schwächen. Ein Zuschussprogramm der KfW ist nie sektorspezifisch, sprich: es kann sich nicht explizit und exklusiv an touristische Betriebe wenden. Bei jeder finanziellen Forderung sollte man auch sagen, wie sie sich gegenfinanzieren lässt oder wo dafür gespart werden sollte. Gerade wenn es sich an die Länder richtet, also keine Bundeskompetenzen betrifft, stoßen wir da auf Probleme.

Es gibt noch einen ganz anderen Aspekt, der neben der sozialen Gerechtigkeit für den Abbau von Barrieren im Tourismus spricht. Auch aus wirt-schaftlicher Sicht ist ein Ausbau des barrierefreien Tourismus unumgänglich. Der Tourismus steht in den nächsten Jahrzehnten vor großen Herausfor-derungen; so viel ist sicher. Neben Klimaänderun-gen wird dem demografischen Wandel der bedeu-tendste Einfluss auf den Tourismus von morgen at-testiert. Der Durchschnitt der Touristen wird immer älter, dabei sinkt gleichzeitig die Mobilität. Im Jahr 2020 wird die Zahl der Urlaubsreisenden in Deutschland zwischen 65 und 75 auf über 40 Pro-zent steigen. Es wird deutlich, dass in Zukunft viele Reisende besondere Bedingungen im Hinblick auf Barrierefreiheit an die Destination ihrer Wahl stellen werden. Die Weichenstellung, wie das Reiseland Deutschland mit diesen Veränderungen auf der Nachfrageseite umgeht, muss jedoch schon heute erfolgen.

Wie kann sich unsere Tourismuswirtschaft auf diesen Anstieg der Zahl älterer Reisender mit ganz anderen Bedürfnissen als heute vorbereiten? Ne-ben einer zielgruppengerechten Ansprache und auf Senioren abgestimmten Angeboten wird auch hier die Barrierefreiheit eine bedeutende Rolle spielen, um den Senioren von morgen Deutschland als at-traktives Reiseziel zu präsentieren. Diese Senioren werden reiseerfahren und deshalb anspruchsvoll bei der Ausstattung ihrer Wunschdestination sein. Der uneingeschränkte Zugang zu touristischer Inf-rastruktur darf deshalb in Zukunft nicht die Aus-nahme sein, sondern muss zur Selbstverständlich-keit werden.

Fernreisen und Anfahrten mit dem eigenen Pkw werden mit zunehmendem Alter immer beschwerli-cher, weshalb die Erreichbarkeit von Destinationen mit dem öffentlichen Nahverkehr sichergestellt werden muss. Im barrierefreien Tourismus geht es aber nicht nur um die Mobilität. Das komplette tou-ristische Produkt muss nachhaltig und barrierefrei gestaltet werden. Dies schließt alle Teilbereiche der Reisevorbereitung und Reisedurchführung mit ein. Dazu gehören unter anderem lesbare Reisein-formationen, Möglichkeiten des Gepäcktransports, eine adäquate Gesundheitsversorgung vor Ort und vieles mehr. Wenn hier vorausschauend gehandelt wird, kann ein großer Wachstumsmarkt erschlos-sen werden, der im Moment noch zu einem erheb-lichen Teil brachliegt. Schätzungen gehen von ei-nem Potenzial, von einer touristischen Wertschöp-fung in Höhe von 5 Milliarden Euro und rund 90 000 Stellen aus, die geschaffen werden können.

Auch im internationalen Vergleich ist es für Deutschland wichtig, sich als barrierefreie Touris-musdestination zu positionieren. Der demografi-sche Wandel findet nicht nur in Deutschland statt. Mit einem Ausbau des barrierefreien Tourismus können wir für Deutschland im europäischen Ver-gleich ein bedeutendes Alleinstellungsmerkmal schaffen und damit auch internationale, mobilitäts-eingeschränkte Gäste ansprechen. Gleichzeitig kann ein barrierefreier Deutschlandtourismus als Indikator für Innovationsbereitschaft und soziale Nachhaltigkeit stehen und ebenso als Vorbild für den Tourismus des 21. Jahrhunderts dienen.

Ich fasse zusammen: Der Ausbau eines nach-haltigen, barrierefreien Tourismus ist heute schon das Recht jedes Betroffenen sowie gleichzeitig ei-ne Notwendigkeit und enorme ökonomische Chan-ce für die Tourismusindustrie in Deutschland. Die Erleichterungen kommen dabei im Endeffekt allen zugute. Die Nationale Koordinationsstelle Touris-mus für Alle, NatKo, bringt den gesellschaftlichen Gewinn mit dem Satz „Für 10 Prozent zwingend er-forderlich, für über 30 Prozent hilfreich, für 100 Prozent komfortabel“ auf den Punkt. Hierbei han-delt es sich nur um die aktuellen Zahlen; die Ten-denz ist sogar, wie gezeigt, steigend. Unsere Auf-gabe ist es jetzt, die Rahmenbedingungen zu schaffen, um der Tourismusindustrie diesen not-wendigen Umbau möglichst schnell zu ermögli-chen.

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