Bundestagsrede von 09.06.2011

Förderung der Alphabetisierung

Priska Hinz (Herborn) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN):

Mit der aktuellen leo-Level-One-Studie liegen nun endlich zum ersten Mal nationale, belastbare und diffe-renzierte Daten zur Literalität im Level-One-Bereich vor, dem untersten Kompetenzniveau im Lesen und Schrei¬ben. Die Ergebnisse der Studie, die uns seit An-fang März vorliegen sind erschreckend: Die Zahl der funktionalen Analphabeten in Deutschland ist doppelt so hoch wie bisher angenommen. Bislang waren Exper-ten von insge¬samt vier Millionen funktionalen Analphabeten ausge¬gangen, in der Realität sind es jedoch 7,5 Millionen! 7,5 Millionen Menschen, deren schriftsprachliche Kom¬petenzen nicht ausreichen, um beispielsweise einfache Texte zu verstehen oder zu verschriftlichen. 7,5 Millio¬nen Menschen, deren Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen Leben und an der Arbeitswelt massiv einge¬schränkt ist, deren Lebensqualität tagtäglich darunter leidet. Zwar sind 57 Prozent der Betroffen erwerbstätig, doch häufig in sehr schlecht bezahlten Jobs. Ihr Arbeits¬leben ist geprägt von inneren Ängsten sowie vom Zwang zu vertuschen und vorzutäuschen.

Das Problem des Analphabetismus ist in Deutsch-land lange Zeit nicht ausreichend im öffentlichen Be-wusst¬sein gewesen. Ich begrüße es deshalb außeror-dentlich, dass dieses Thema nun im Bundestag zur Dis-kussion steht und die SPD mit ihrem Antrag viele wich-tige Punkte zur Verbesserung der Situation aufzeigt.

Die aktuelle Erkenntnisse belegen das Ausmaß des Analphabetismus, die Dringlichkeit einer besseren Al-phabetisierung und damit auch der Grundbildung in Deutschland. Dies betrifft zum einen den primären An-alphabetismus, bei dem Menschen aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, sich Schriftsprache an-zueignen, zum anderen die bereits erwähnte, weitaus größere Gruppe, der funktionalen Analphabeten.

Wenn man sich die Zahlen nach Altersgruppen diffe-renziert ansieht, besteht ebenfalls kein Grund zur Ent-warnung. Zwar ist die Zahl der funktionalen Analphabe¬ten bei der Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen am höchsten, doch finden sich auch bei den 18- bis 29-Jäh¬rigen fast 20 Prozent wieder. Auffällig ist weiterhin, dass über 60 Prozent der funktionalen Analphabeten männ¬lich sind.

Angesichts der immer höheren Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt werden die beruflichen Möglichkeiten dieser Menschen immer geringer und ihre Perspektivlo¬sigkeit wächst. Hier haben die Erwachsenenbildung und die Volkshochschulen auch in Zukunft eine wichtige Funktion. Notwendig ist es, die bereits 2003 von der vom Bundesbildungsministerium geförderten Tagung ge-meinsam mit den wichtigsten Akteuren der Alphabeti-sie¬rungsarbeit formulierten „Bernburger Thesen“ mit vol¬ler Kraft umzusetzen und die bisher eingeleiteten Maßnahmen zu evaluieren.

Ein besonderer Handlungsauftrag für die Politik liegt in der erschreckenden Tatsache, dass die meisten dieser funktionalen Analphabeten in Deutschland eine Schule besucht haben und dort offenbar Lesen und Schreiben nur unzureichend gelernt oder später wieder verlernt haben. Wissenschaftler bestätigen den Ver-dacht, dass viele der späteren Analphabeten in der Schulzeit nur schlecht, aber zumindest hinreichend, le-sen und schrei¬ben können, dass diese Fähigkeit nach dem Verlassen der Schule jedoch verkümmert, wenn sie nicht gepflegt wird.

Um dem Entgegenzusteuern ist eine Bewusstseinsbil-dung in allen Bereichen des menschlichen Lebens von-nöten, um betroffene Personen zu ermutigen, sich dem Problem zu stellen. Insbesondere den Kolleginnen und Kollegen und Vorgesetzten im Betrieb fällt dabei eine wichtige Aufgabe zu. Aber auch in anderen Bereichen gilt es aufmerksam zu sein: So steigt beispielsweise die Anzahl derjenigen, die sich die Fragen zur Fahrprüfung lieber vorlesen lassen, als sie eigenständig zu bearbei¬ten.

In der Schule hat sich in letzten Jahren in Bezug auf individuelle Förderung Vieles verbessert – die schwa-chen Schüler werden besser unterstützt, die Klassen sind kleiner. Dennoch schafft es unser Bildungssystem offen¬bar immer noch nicht, allen Kindern und Jugendlichen ein Mindestmaß an Bildung zu vermitteln. Professor Grotlüschen, die die leo-Level-One-Studie durchgeführt hat, bemängelt, dass es allein den Grundschulen über¬lassen wird, sich um die Basis des Lesens und Schrei¬bens zu kümmern. Das sei ein falscher Ansatz, da einige Kinder langsamer lernen und auch in der weiterführen¬den Schule Unterstützung benötigen.

Wir Grüne fordern seit Langem, die Lehreraus- und -fortbildung so zu reformieren, dass die zukünftigen Leh¬rerinnen und Lehrer Bildungsbenachteiligung besser er¬kennen und abbauen können. Der nationale Bildungsbe¬richt hat den Abbau von Chancenungleichheit als eine Kernaufgabe für unser Bildungssystem eindrücklich be¬stätigt. Eine individuelle Bildungsplanung für jedes Kind ist notwendig, um Defizite in der Lese- und Recht-schreibung frühzeitig zu erkennen. Hier ist zum einen eine stärkere Vernetzung der Sonderpädagogik mit der allgemeinen Pädagogik und eine größere Vernetzung vor Ort zwischen den Einrichtungen, die Grundbil-dungskurse anbieten, und den allgemeinen und berufli-chen Schulen vonnöten. Die Sprachförderung, nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund, muss über die ge¬samte Bildungsbiografie systematisch fortgesetzt wer¬den. Aber nicht nur die Schule muss den Förderbedarf erkennen, auch das familiäre Umfeld kann etwas tun. Durch regelmäßiges Vorlesen und das Beschäftigen mit Büchern können Eltern schon im Kleinkindalter wich¬tige Grundlagen legen.

Wir brauchen eine politische und gesellschaftliche Kraftanstrengung um die Zahl der funktionalen An-alphabeten zu senken. Die Länder sollten sicherstellen, dass in allen Regionen ausreichend Plätze für Alphabe¬tisierungskurse zu Verfügung stehen, die Bundesregie¬rung fordern wir auf, ihre Alphabetisierungsprogramme zu intensivieren, Lehrer- und Lehrerinnen, Betriebe und Ehrenamtliche in Vereinen müssen auf das Problem hin¬gewiesen werden und ermutigt werden, einzugreifen. Deutschland hat auch im Rahmen der Weltalphabetisie¬rungsdekade der Vereinten Nationen einen wichtigen Beitrag zu leisten. Ziel der Dekade (2003 bis 2012) ist es, die Anzahl der Menschen, die nicht ausreichend le¬sen und schreiben können, weltweit zu halbieren.

Der von der Bundesregierung angekündigte Grund-bildungspakt kommt reichlich spät und ist in seiner Aus¬gestaltung ähnlich unkonkret und unverbindlich, wie der Ausbildungspakt. Die Zahlen über die Risikogruppe von Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlässt, sind seit vielen Jahren bekannt und liegt mit 7,5 Prozent auf einem nicht zu akzeptierenden Level. Auch bei der Lesekompetenzvermittlung in der weiterführenden Schule gibt es nach wie vor großen Handlungsbedarf, das haben die PISA-Ergebnisse der letzten Jahre ein¬drücklich bewiesen. Die Schülerinnen und Schüler in den weiterführenden Schulen werden häufig bei einer Leseschwäche nicht ausreichend gefördert und drohen im weiteren Bildungsverlauf abgehängt zu werden. Es fehlt vielerorts an dem Bewusstsein, dass nicht alle Kin¬der diese Kompetenzen bereits in der Grundschule er¬worben haben. Doch die Nationale Qualifizierungsiniti¬ative hat bisher leider zu keinen Verbesserungen geführt und ist auch in anderen Bereichen eine Enttäuschung: Wie der Umsetzungsbericht „Aufstieg durch Bildung“ zeigt, ist nach zwei Jahren erschreckend wenig passiert. Es werden Bestandsaufnahmen gemacht, Listen ausge¬füllt, aber mehr passiert nicht.

Wir fordern, dass Bund und Länder endlich initiativ werden um gemeinsam Programme zur Bekämpfung des Analphabetismus zu erarbeiten und umzusetzen. Für ein westliches Industrieland wie Deutschland sollte der Ab¬bau von Bildungsbenachteiligung und die Bekämpfung und Prävention von Analphabetismus ein Kernanliegen sein.

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