Bundestagsrede von 30.06.2011

Stärkung des Frauen- und Mädchenfußballs

Viola von Cramon-Taubadel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Begeisterung für Fußball ist an sich nicht Neues – aber Begeisterung für Frauenfußball ist nach wie vor noch nicht überall verbreitet.

Derzeit kann man die Spuren dieser Begeisterung an vielen Plätzen in Deutschland erleben. Dafür, wie sich diese Begeisterung auch nachhaltig auf den Sport und die Gesellschaft übertragen lässt, machen wir mit die-sem Antrag für den Frauenfußball Vorschläge.

Der von unserer Fraktion vorgelegte Antrag zeigt we¬sentliche Chancen für eine bessere Politik auf, die durch den Sport generiert werden: für eine Integrati-onspolitik ohne erhobenen Zeigefinger, für eine Stär-kung der Frauen im Sport, für den Mut zu einer Einfüh-rung ver¬bindlicher ökologischer Standards in der Durchführung von Sportgroßveranstaltungen.

Die gesellschafts- und integrationspolitische Bedeu-tung des Sports wird vor allem dort deutlich, wo es jun¬gen Migrantinnen ermöglicht wird, in der Freizeit oder im Verein Sport zu treiben. Dafür sind die Kapazitäten, die momentan von der Bundesregierung zur Verfügung gestellt werden, schlicht nicht ausreichend. Das betrifft nicht nur die Sportstätten, bei denen der Innenminister jährlich drei Millionen Euro einsparen möchte. Das be¬trifft vor allem die Unterstützung durch die Politik, wenn es um die personelle Infrastruktur des Sports geht.

Zwar ist durch das bereits seit 1989 laufende Pro-gramm „Integration durch Sport“ ein Pool geschaffen worden, in dem der Förderung von Migrantinnen im Sport eine wichtige Rolle zukommt. Aber es bedarf bei solch einer Vielzahl von einzelnen Initiativen einer stän¬digen programmbegleitenden Evaluierung. Um Men¬schen mit Migrationshintergrund an den Sport heranzu¬führen, ist es daher nötig, die Entwicklungen auch auf Verbandsebene in Deutschland aktiv zu be-gleiten.

Doch was heißt eigentlich Integration im Sport? Die Bundesregierung hat bisher jedenfalls noch keine aus-reichende Antwort gegeben – die Vorstellung des In-nen¬ministers im Sportausschuss ließ an dieser Stelle doch Einiges vermissen. Unser Antrag macht deswegen deut¬lich, wo integrative Maßnahmen im Sport zu ver-stärken sind. Gerade durch das bürgerschaftliche En-gagement, bei dem überhaupt erst gewährleistet wird, dass organi¬sierter Sport stattfinden kann, ist ein unge-heures gesell¬schaftspolitisches Potenzial vorhanden. Doch es fehlt den Vereinen an interkulturell sensibili-sierten Übungs¬leiterinnen und Übungsleitern, an qualifiziertem Perso¬nal auch auf der Ebene der Entscheidungsträger, die viel zu selten weiblich sind. Migrantinnen sind dort so gut wie gar nicht vertreten.

Zudem muss es mehr Multiplikatorinnen geben, die eine Brücke zwischen verschiedenen Bevölkerungs-grup¬pen herstellen und die Idee des Sports zu den Menschen bringen.

Denn wir Grüne begreifen Integration nicht als Ein-bahnstraße. Die Teilhabe von Migrantinnen und Mig-ranten an gesellschaftlichen Prozessen kann nur dann gewährleistet werden, wenn die strukturellen Rah-menbedingungen dafür gegeben sind. Die demografi-sche Entwicklung in Deutschland läuft neben der Erhö¬hung des Durchschnittsalters auch auf eine zunehmende kulturelle Vielfalt hinaus: schon jetzt findet etwa die Hälfte der Menschen, die nach Deutschland kommt, langfristig ihr Zuhause in Deutschland. Der Sport bietet ein hervorragendes Feld dafür, um auch frühzeitig Men¬schen mit Migrationshintergrund einzubeziehen. Die stärkere Vernetzung von Sportinitiativen und Schulen ist daher eine der zentralen Forderungen unseres Antrags. Der Sport ist gesellschaftspolitisch nicht nur Sinnbild für Interaktion, sondern eine gesellschaftliche Stütze, die aufrechterhalten werden muss.

Bei aller Euphorie im Rahmen der diesjährigen Fu߬ball-WM dürfen wir die noch immer vorhandenen Pro¬bleme des professionellen Frauenfußballs nicht verges¬sen: Frauenfußball findet im Ligaalltag fast nicht statt. Die Übertragung aller WM-Spiele im öffentlich-rechtli¬chen Fernsehen ist eine absolute Ausnahme, wenn es um die Sportberichterstattung beim Frauenfußball geht. In kaum einer Sportsendung taucht bisher ein Bundesliga¬spiel der Frauen auf, höchstens die entscheidenden Finale finden die Beachtung der Medien. So bleibt der Frauenfußball medial in den Kinderschuhen. Zu einer Etablierung und einer weiteren Verbesserung dieses Sports – der im Übrigen derselbe ist wie der Fußball der Männer, meine Herren – ist die Präsenz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk unerlässlich.

Ein Wort auch zu den jüngsten Entwicklungen bei der FIFA: Wir dürfen nicht zulassen, dass die skanda-lösen Ereignisse der letzten Zeit und die peinliche Au-ßendar¬stellung des Weltverbandes in eine Sackgasse führen. Die FIFA muss sich – zugunsten der beliebtes-ten Sport¬art weltweit – ab sofort von Grund auf erneu-ern. Finan¬zielle Transparenz und demokratische Legi-timität müs¬sen dort endlich Einzug halten. Die Chan-cen, welche durch den Fußball noch immer eröffnet werden, dürfen aber nicht von Meldungen über korrupte Verbände über¬schattet werden. Der Fußball schafft die ersten Kontakte auch zu Ländern, mit denen die diplomatischen Bezie¬hungen sich als schwierig erweisen.

Die Fußball-WM der Frauen ist ein klimaneutrales Sportgroßereignis. Das insgesamt zum dritten Mal nach 2006 und 2010 implementierte Nachhaltigkeitskonzept „Green Goal“ darf aber keine Ausnahme bleiben. Nach¬haltigkeitskriterien, wie sie auch für diese WM wieder nur freiwillig zustande gekommen sind, müssen für alle Großereignisse in Deutschland verbindlich gemacht werden. Es ist darüber hinaus zu überlegen, ob ähnliche Konzepte nicht auch dauerhaft im Ligabetrieb etabliert werden sollen.

Vielleicht verändert die Regierung ja auch hier ihre Einschätzungen und steht endlich für eine kohärente Kli¬mapolitik ein. Lassen Sie uns diese Chance nutzen, mit dem Sport etwas zu bewegen.

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