Bundestagsrede von 24.03.2011

Open Access im Wissenschaftsbereich

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Entwicklung des Internets und der neuen IuK-Techniken haben auch die Arbeit im Wissenschaftsbereich revolu-tioniert.

Für viele Aspekte der wissenschaftlichen Praxis, von der wissenschaftlichen Recherche über die Kommentie-rung bis zum internationalen Diskurs, ergeben sich enorm erweiterte und beschleunigte Möglichkeiten. Der leichtere und schnellere Zugang zu den Ergebnissen wis-senschaftlicher Arbeit bringt positive Impulse für den Fortschritt in der Wissenschaft und den Erkenntnisge-winn.

Es ist nur konsequent, Zugangsbarrieren im Bereich der Wissenschaft nicht nur im Bereich der technischen Verfügbarkeit abzubauen, sondern auch Zugangsbarrie-ren im Bereich der Kosten zu hinterfragen. Gerade da, wo wissenschaftliches Arbeiten und Forschen öffentlich finanziert wird, ist es nicht einsehbar, dass die Allge-meinheit für den Zugang zu den Ergebnissen dieser Ar-beiten noch einmal bezahlen soll.

Viele Bibliotheken konnten sich schon in der Vergan-genheit viele internationale Journale mit hoher wissen-schaftlicher Reputation kaum noch leisten, und die Kos-ten für die öffentliche Hand im Zusammenhang mit der Anschaffung wissenschaftlicher Publikationen sind zu-nehmend explodiert.

Die schnelle und leichte elektronische Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Arbeiten tritt zunehmend in ei-nen Widerspruch zu einer vorhandenen Kostenbarriere für die Nutzerinnen und Nutzer dieser Ergebnisse. Kein Wunder also, dass die Forderung nach Open Access, nach kostenfreiem Zugang zu wissenschaftlichen Veröf-fentlichungen für die Nutzerseite, nicht nur international immer mehr um sich greift, sondern in unterschiedlicher Weise und auf unterschiedlichen Wegen bereits prakti-ziert wird. Dies reicht von anderen Bezahlmodellen, die nicht die Nutzerinnen und Nutzer belasten, über wissen-schaftsgeleitete Open-Access-Plattformen bis zur Ver-pflichtung der Open-Access-Veröffentlichung im Zu-sammenhang mit der öffentlichen Forschungsfinan-zierung. Nicht nur die Forderung nach, sondern auch die Umsetzung von Open Access im Wissenschaftsbereich hat in letzter Zeit unübersehbar an Dynamik gewonnen. Wir sind dafür, diesen Prozess auch politisch zu unter-stützen.

Bei dieser Entwicklung spielt sicher auch eine Rolle, dass nicht nur die Nutzerinnen und Nutzer ein Interesse an einem möglichst barrierefreien Zugang haben, son-dern auch die Verfasserinnen und Verfasser wissen-schaftlicher Beiträge diese möglichst breit mit der wis-senschaftlichen Community teilen möchten. Viele Wis-senschaftlerinnen und Wissenschaftler fühlen sich von den wissenschaftlichen Verlagen zunehmend ausge-beutet, weil ein Großteil der Arbeit für die elektronische Publikationsfähigkeit von den Autorinnen und Autoren selbst erbracht werden muss. Auch die notwendigen Peer-Review-Verfahren werden in der Regel kostenlos von der Scientific Community selbst geleistet. Gleich-zeitig werden den Autorinnen und Autoren alle oder fast alle Rechte an ihren eigenen Beiträgen genommen. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen heute geltend, dass diese Quasi-Enteignung in keinem ange¬messenen Verhältnis zu den tatsächlich erbrachten Leis¬tungen der Verlage steht.

Gleichzeitig gibt es aber auch die Warnung vor einem möglichen Verlust von Publikationsmöglichkeiten, wenn die Arbeit von Verlagen nicht mehr angemessen hono-riert würde oder es in der Folge der Open-Access-Bewe-gung zu einem noch stärkeren Konzentrationsprozess kommen sollte. Gerade in den Fachrichtungen, in denen die Buchform immer noch eine gewisse Bedeutung hat, wird vor dem Verschwinden kleiner spezialisierter Ver-lage gewarnt.

Der Überlegung, dass die realen Verlagsleistungen vergütet werden sollten, trägt der sogenannte goldene Weg Rechnung. Dabei wird die Leistung des Verlages durch die Autorinnen und Autoren bzw. deren Institutio-nen finanziert und nicht durch die Nutzerinnen und Nut-zer. Große Wissenschaftsorganisationen wie die DFG stellen dafür Publikationszuschüsse zur Verfügung. Durch den goldenen Weg sind inzwischen große Open-Access-Plattformen bedeutender internationaler wissen-schaftlicher Verlage in verschiedenen Spezialrichtungen entstanden. Dieser Weg entlastet zwar die Nutzerinnen und Nutzer, beinhaltet aber nach wie vor die Gefahr der Überforderung der öffentlichen Hand, die für die Kosten der wissenschaftlichen Arbeit an Hochschulen und For-schungseinrichtungen ja im Regelfall schon aufkommt.

Eine andere Möglichkeit des Open Access ist der so-genannte grüne Weg, das heißt die kostenlose elektroni-sche Zweitveröffentlichung nach einer vereinbarten Embargofrist ergänzend zur Verlagsversion, zum Bei-spiel auf einem fachspezifischem Institutserver oder ei-nem interdisziplinären Repository.

Aus aktuellem Anlass möchte ich unterstreichen, dass Open Access, also der kostenfreie Zugang, die jeweilige wissenschaftliche Veröffentlichung nicht zum Allge-meingut macht, sondern diese weiterhin nach den Maß-gaben wissenschaftlicher Redlichkeit als die wissen-schaftliche Leistung ihrer Verfasserinnen und Verfasser zu behandeln ist.

Um Open Access zu garantieren, ohne die öffentliche Hand alleine mit den Verlagskosten zu belasten, wird in-ternational die Pflicht zur Open-Access-Veröffentli-chung haushalts- oder vertragsrechtlich zunehmend schon mit der Bewilligung von öffentlichen Forschungs-mitteln verbunden. In den USA wird eine entsprechende Gesetzesinitiative diskutiert. Die EU hat dieses Verfah-ren erprobt und will es zukünftig ausweiten und zum Re-gelfall machen.

Die Verankerung eines Zweitverwertungsrechts im § 38 a des Urheberrechtsgesetzes, wie die SPD es heute vorschlägt, würde zweifellos in der Open-Access-Szene und Teilen der Scientific Community als starkes Signal gewertet. Trotzdem sollten wir uns vor einer endgültigen Festlegung auf dieses Instrument im Ausschuss gründ-lich mit den Vor- und Nachteilen dieses Vorschlages und auch mit den anderen Wegen zum Open Access befas-sen. Denn es gibt da doch einige wichtige Fragen. Die vorgeschlagene Änderung stärkt zwar die Rechte der wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren, enthält aber nicht die Verpflichtung zur kostenlosen Veröffentli-chung, geht also weniger von den Interessen der Nutze-rinnen und Nutzer öffentlich oder überwiegend öffent-lich finanzierter Forschung aus.

Wie weit ist die Reichweite des deutschen Urheber-rechts in einem Bereich, wo das Publikationsgeschehen international ist, die größten Verlage sich im Ausland be-finden und wissenschaftliche Ergebnisse oft von Wissen-schaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedli-chen Staaten in Kooperation erbracht werden? Sind die vorgeschlagenen Embargofristen bei der Zweitveröffent-lichung für die unterschiedlichen Bedürfnisse im Wis-senschaftsbereich differenziert genug? Wie wären die Auswirkungen auf Publikationsmöglichkeiten im Be-reich der Geisteswissenschaften zum Beispiel bei kleine-ren spezialisierten Verlagen? Welche Auswirkungen könnte die Grenze der mindestens hälftigen öffentlichen Finanzierung für öffentlich-private Forschungskoopera-tionen haben? Ist der § 38 a des Urheberrechts geeignet für die Weiterentwicklung von Open Access in einem nach wie vor lernenden System, das noch sehr im Um-bruch ist? Diesen Fragen sollten wir im Ausschuss nach-gehen, gerne auch unter Hinzuziehung von Experten.

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