Bundestagsrede von 24.03.2011

Qualitätssicherung bei Promotionen

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Zur heu-tigen Debatte hat die grüne Bundestagsfraktion einen Antrag zur wissenschaftlichen Redlichkeit und zur Qua-litätssicherung bei Promotionen vorgelegt. Wir alle ken-nen den Anlass, der die Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt hat, das gemeinhin nicht im Zentrum des politi-schen Geschehens steht.

Wer sich mit wissenschaftlichem Fehlverhalten be-schäftigt, weiß, dass die weitaus meisten Promotionen in Deutschland ehrlich und redlich erarbeitet werden. Wir Wissenschaftspolitikerinnen und Wissenschaftspolitiker wissen aber auch, dass es Betrug, Diebstahl von Ideen, Ghostwriting, Manipulation von Daten und andere For-men des wissenschaftlichen Fehlverhaltens gerade bei Promotionen gibt. Denken Sie nur an die Praktiken der sogenannten Promotionsberater im Jahr 2009. Damals wurde gegen über 100 Professoren wegen Bestechlich-keit ermittelt.

Wissenschaft als rationale Suche nach Erkenntnis und Wahrheit braucht Wahrhaftigkeit und Vertrauen. Deshalb greifen Betrug, Manipulation und Diebstahl geistigen Eigentums die Wissenschaft in ihrer Kernsubstanz an. Um die Wissenschaft zu schützen, bedarf es vorbeugen¬der Maßnahmen ebenso wie effektiver Kontrollen und Sanktionen. Das hat nichts mit einem Generalverdacht gegen die Wissenschaft zu tun, sondern im Gegenteil: Eine effektive Qualitätssicherung trägt dazu bei, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und unzähliger redli¬cher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu schüt¬zen.

Umso ärgerlicher waren die Versuche selbst höchster Repräsentanten der Regierung, wissenschaftliches Fehl-verhalten zu verharmlosen. Wissenschaftlicher Betrug und Diebstahl geistigen Eigentums sind keine Kavaliers-delikte. Dieser Grundsatz muss auch und gerade dann gelten, wenn das Bewusstsein für die Bedeutung wissen-schaftlicher Redlichkeit und den Schutz geistigen Eigen-tums in einem Teil der Öffentlichkeit unterentwickelt ist.

Glücklicherweise sind diese Bagatellisierungsversu¬che durch einen regelrechten Aufstand der Wissenschaft gescheitert. Zigtausende Promovierende, Nachwuchswis-senschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Professo-rinnen und Professoren haben sich in Unterschriften-listen und offenen Briefen empört. Das war das ent-scheidende Signal gegenüber der Bundesregierung, aber auch gegen¬über denjenigen Medien, die den groben Täuschungsver¬such von Herrn zu Guttenberg als Peti-tesse verkaufen wollten.

Die Plagiatsaffäre hat aber auch Lücken in der Quali-tätssicherung bei Promotionen offenbart. Es waren näm¬lich erst der vierte Guttenberg-Rezensent sowie das Gut¬tenPlag Wiki, die den Diebstahl geistigen Eigentums aufdeckten. Zuvor konnte die Dissertation die Gutachter und den Prüfungsausschuss der Universität Bayreuth ohne jede Beanstandung und sogar mit dem Prädikat „summa cum laude“ durchlaufen.

Die Politik muss jetzt gemeinsam mit der Hochschul-rektorenkonferenz, dem Wissenschaftsrat, der Deut-schen Forschungsgemeinschaft und den Universitäten die Qua¬litätssicherung bei Promotionen überprüfen, wei-terent¬wickeln und stärker vereinheitlichen. Wir fordern die Bundesregierung auf, ihrer Gesamtverantwortung für das Wissenschaftssystem gerecht zu werden, rasch die Zusammenarbeit mit den Ländern zu suchen und diesen Prozess aktiv zu unterstützen.

Um beim Thema Qualitätssicherung voranzukom-men, brauchen wir mehr Schutz vor Täuschung und dem Verfälschen von Daten sowie mehr Schutz des geistigen Eigentums. Hier ist die Bundesregierung gefordert, in Abstimmung mit den Ländern die Hochschulrektoren¬konferenz und den Wissenschaftsrat um Empfehlungen zu bitten. Die Empfehlungen sollten Maßnahmen zum Schutz vor Täuschung, zum Vorgehen in Betrugsfällen, mögliche Konsequenzen und Sanktionen sowie Parame¬ter zur Bewertung von Grenzfällen umfassen. Unerläss¬lich sind auch Vorschläge dazu, wie die Vermittlung der Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens besser in den Curricula der Studiengänge verankert und die Sensibili¬sierung für die Bedeutung wissenschaftlicher Redlich¬keit schon bei den Studierenden geschärft werden kön¬nen.

Den Empfehlungen müssen Vereinbarungen folgen, wie es zu einer möglichst schnellen, einheitlicheren und verbindlichen Umsetzung an den Hochschulen kommen kann.

Die Promotionsordnungen in Deutschland weisen je nach Fakultät und Fach eine extreme Spannbreite auf. Ob die Promovenden beispielsweise eine eidesstattliche Erklärung abgeben müssen, dass sie die Arbeit selbst-ständig und nur unter Nutzung der angegebenen Quellen und Hilfsmittel erstellt haben, bleibt bislang dem Gut-dünken der jeweiligen Fakultät überlassen. Schlicht vom Zufall hängt es ab, ob die Hochschule Antiplagiatssoft-ware zur Verfügung stellt und die Prüfenden sie auch be-dienen können. Mal stammen alle Gutachter aus der gleichen Fakultät, mal werden Gutachter anderer Uni-versitäten beteiligt.

Wir müssen Schluss machen mit dem „völlig un-durchsichtigen Handschlagmilieu“, in dem Doktoran¬den mit ihrem Professor ein Thema vereinbaren und dann im stillen Kämmerlein vor sich hin forschen, wie es Professor Hornbostel vom Institut für Forschungsinfor-mation und Qualitätssicherung der DFG ausdrückt. Die Mehrzahl der Promotionen in Deutschland wird noch immer in der subjektiven Informalität eines Meister-Schüler-Verhältnisses angefertigt. Bei der Vereinheitli-chung von Qualitätsstandards kommt es daher darauf an, das Verhältnis zwischen den Promovierenden und ihren Betreuerinnen und Betreuern zu verobjektivieren. Dazu sind Betreuungsvereinbarungen und transparente, faire Zugänge zur Promotion geeignet. Dabei muss auch die Universität mehr Verantwortung übernehmen.

Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz sollte in Kooperation mit dem Wissenschaftsrat und der Hoch-schulrektorenkonferenz prüfen, welche Regelungen sich in den Landeshochschulgesetzen und Promotionsord-nungen bewährt haben und als Best Practice empfohlen werden können.

Auch die schwierigen Rahmenbedingungen, unter de-nen manche Promovierenden ihre Dissertation verfas-sen, müssen in den Blick genommen werden. Die struk-turierte Promotion in Graduiertenschulen und Graduier-tenkollegs sollte weiter gestärkt werden, ohne dass dies mit einer Verschulung verbunden ist. Promovierende auf soge¬nannten Qualifizierungsstellen müssen neben ihren Auf¬gaben an der Hochschule genügend Zeit haben, ihre Dis¬sertation fertigzustellen. Auch die Arbeitsbedingun-gen und die Personalausstattung der Betreuer und Gut-achter spielt eine wichtige Rolle. In der leistungsabhän-gigen Besoldung der Professorinnen und Professoren und in den Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit den Univer¬sitäten dürfen nicht nur erfolgreich abgeschlosse-ne Pro¬motionen als Kriterium gelten. Auch die Betreu-ung von Doktorarbeiten, Zweitgutachtertätigkeiten und die Mit¬wirkung an Prüfungen müssen berücksichtigt werden.

Ich hoffe, wir werden unseren Antrag im Ausschuss ausführlich beraten. Es muss darum gehen, das hohe An¬sehen, das die Promotion an deutschen Universitäten weltweit genießt, zu verteidigen.

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