Bundestagsrede von Markus Tressel 24.03.2011

Tourismus und Landschaftspflege

Markus Tressel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die ländlichen Räume waren lange in vielen wichtigen Fra-gen ausgeblendet. Fakt ist aber: Zwei Drittel der deut-schen Bevölkerung leben in ländlich geprägten Regio-nen. In diesen Regionen existieren mehr als 23 Millionen Arbeitsplätze, und hier werden 57 Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands erbracht. Das zeigt die enorme Bedeutung.

Sie sind aber nicht nur ein wichtiger Wirtschafts-standort, sondern Natur- und damit vor allem Rückzugs- und Erholungsraum für den Menschen.

Im ländlichen Raum liegen also zentrale ökologische, aber auch ökonomische Perspektiven für große Teile un-seres Landes.

Gleichwohl müssen wir auch Antworten auf soziale wie ökologische Herausforderungen wie den demografi-schen Wandel oder den Verlust von Arten finden.

Da spielt der Tourismus eine wichtige Rolle, weil ge-rade Inlandsreisen und hier vor allem der Kurzurlaub sich steigender Beliebtheit erfreuen. Das ist eine große Chance für unsere Regionen, sich als Reiseziele zu eta-blieren. Gleichzeitig – das ist an dieser Stelle wichtig – ermöglicht ein nachhaltiger Tourismus den Bestand un-serer Kulturlandschaften und damit auch Biodiversität.

Damit wir aber wirklich eine nachhaltige – also öko-logische, ökonomische und soziale – Wirkung für den ländlichen Raum entfalten können, ist eine Vielzahl von Faktoren zu beachten. Ausgerechnet diese bleiben in Ih-rem Antrag, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Koalition, aber leider unerwähnt. Das ist das Problem Ih-res Antrags: Die Forderungen passen nur teilweise zu ih-rer Analyse. Es fehlt an Verbindlichkeit und damit letzt-lich an Stimmigkeit.

Sie fordern die Bundesregierung auf, die Sicherung artenreicher und attraktiver Landschaften über ver-stärkte, freiwillige Kooperationen mit den Grundeigen-tümern und Bauern vor Ort stärker zu unterstützen. Das begrüße ich ausdrücklich. Wenn Sie das aber ernsthaft wollen, dann müssen Sie auch die finanziellen Grundvo-raussetzungen dafür schaffen. Stattdessen fordern Sie in Ihrem Antrag ein „Weiter so“ in der Agrarförderstruktur, eine „starke“ erste Säule und eine nur „finanziell gut ausgestattete“ zweite Säule in der gemeinsamen EU-Agrarpolitik. Wir wissen doch alle, das hilft in erster Li¬nie den industriellen Agrarbetrieben.

Ich sage Ihnen: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Statt weiterhin auf einen hohen Anteil an Direktzahlun-gen zu pochen, sollten Sie, wenn es Ihnen wirklich ernst mit der regionalen Wirtschaftsentwicklung und dem Na-tur¬schutz ist, die zweite Säule in den Mittelpunkt rücken. Sie muss in der Förderperiode 2013 finanziell deutlich ge¬stärkt und enger mit den anderen einschlägigen europäi¬schen Fördertöpfen abgestimmt und vernetzt werden, und das vor allem im Interesse vieler kleinerer und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe. Denn gerade sie sind im Hinblick auf den Tourismus von großer Be-deutung.

In Ihrem Antrag kann ich auch davon leider nichts er¬kennen.

Wenn man die ländlichen Räume nachhaltig weiter-entwickeln möchte, darf man sich in der Betrachtung aber nicht ausschließlich auf die Landwirtschaft fokus-sieren. Wichtige weitere Bereiche sind ganz klar die Ver-kehrspolitik, aber auch die Regionalförderung. Wird hier künftig eine ökologische und soziale Lenkungsfunktion in den Förderstrategien beachtet? Wo können wir konkret finanziell fördern, um die interkommunale Zusammenar¬beit auszubauen? Das ist doch gerade in der Angebots¬entwicklung und der Vermarktung eine ganz wichtige Frage.

Das BMELV hat festgehalten, dass nur ein Drittel derjenigen, die Urlaub auf dem Land machen wollen, es dann auch tatsächlich tun. Wie kann es also gelingen, dass die Zahl der Besucher auch tatsächlich steigt? Sie sehen: Fragen über Fragen, denen Sie sich in diesem An-trag nicht oder nur unzureichend gewidmet haben.

Mit diesem Antrag dokumentieren sie allenfalls guten Willen. Den möchte ich Ihnen nicht absprechen. Das Ziel werden wir damit leider nicht erreichen.

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