Bundestagsrede von 13.05.2011

Versorgung durch Hebammen

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Ich eröffne die Aussprache und gebe das Wort der Kollegin Birgitt Bender für das Bündnis 90/Die Grünen.

Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Tausende von Hebammen gingen dieses und letztes Jahr zum Internationalen Hebammentag auf die Straße. Aber die Hoffnung, dass diese Aktionen und das große mediale Echo darauf alsbald zu Reaktionen in der Politik führen wür-den, wurde herb enttäuscht.

Es herrscht massiver Zeitdruck. Etliche Heb-ammen geben die Geburtshilfe wegen geringer Einkommen und steigender Haftpflichtprämien auf. Die diesjährigen Aktionen waren sehr krea-tiv. Die Situation ist aber weiter ernst. Ich wage die Behauptung: Wären es Ärztedemos gewe-sen, dann hätte die Koalition schon längst rea-giert.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

In Schleswig-Holstein hat ein Viertel der frei-beruflichen Hebammen die Geburtshilfe einge-stellt. Es soll Leute geben, die bezweifeln, dass das dramatisch ist; es gebe ohnehin zu viele Hebammen. Das Fatale ist, dass wir nicht bele-gen können, dass auf diese Weise Lücken in der Versorgung entstehen, weil dazu keine Daten verfügbar sind. Wenn wir über den behaupteten Ärztemangel reden, dann können alle anhand der Zahlen sehen, wo welche Ärzte sitzen und wo es gegebenenfalls Lücken in der Versorgung gibt. Solche Daten haben wir für die Hebammen nicht. Die Bundesregierung weigert sich, eine Aufschlüsselung der Ausgaben der gesetzlichen Kassen für die Hebammenhilfe gesetzlich zu verankern.

Warum haben Sie Angst vor Transparenz, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Koaliti-on? Weil es Sie zum Handeln auffordern würde? Ist das der Grund?

Wir haben uns daran gewöhnt, dass in der Gesundheitspolitik einiges recht lange dauert. Mich hat es allerdings erstaunt, festzustellen, dass die letzte Bundestagsdebatte, in der aus-führlich über die Situation der Geburtshilfe ge-sprochen wurde, im Jahr 1984 stattfand. Meine Damen und Herren, wir können nicht wieder 27 Jahre warten, bis auf diesem Felde etwas passiert. Der Handlungsbedarf besteht heute.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Er besteht für diejenigen, die sich für schwange-re Frauen engagieren, nämlich die Hebammen, für die die Situation mit einem großen persönli-chen Leidensdruck verbunden ist, und selbst-verständlich für die betroffenen Frauen, die ge-gebenenfalls nicht mehr auf diese Hilfe zurück-greifen können.

Sie haben unseren Antrag abgelehnt, eine Studie zur Situation der Hebammen und zum Bedarf der Schwangeren zu erstellen. Dann hat der Exminister eine Ministudie versprochen. Dieses Gutachten ist bis heute nicht in Auftrag gegeben worden.

Nachdem der Gesundheitsminister mit einer der kürzeren Amtszeiten aller Gesundheitsminis-ter entschwunden ist, bleibt festzustellen: Es warten Hausaufgaben auf den neuen Minister. Dazu gehört auch, § 134 a SGB V zu ändern, weil darin die wirtschaftliche Situation der Heb-ammen als Grundlage für die Honorarbemes-sung nicht hinreichend berücksichtigt wird. Das BMG steckt offenbar im Zustand des Dauerprü-fens. Hoffentlich ändert sich das jetzt endlich.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Es gibt auch weitere Baustellen. Beispiels-weise ist eine zeitgemäße Ausgestaltung der Hebammenhilfe und die Verankerung im SGB V überfällig. Die Regierung hat inzwischen auf eine Kleine Anfrage von uns immerhin geantwortet, dass sie das auch aus rechtssystematischer Sicht für erwägenswert hält. Ich sage Ihnen: Kommen Sie mit dem Prüfen zum Ende und tun Sie etwas!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Diese Regierung redet auch gerne über Gesundheitsförderung und Prävention. Aber wenn es um die Förderung der Mutter-Kind-Bindung oder das Stillen geht, verweist sie auf die Länder. Was aber sagen die Länder, wenn man sie danach fragt? Sie verweisen auf die Fortbildungsangebote für Hebammen in diesem Bereich. Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz.

Nehmen Sie die Realität wahr, liebe Kollegin-nen und Kollegen aus der Koalition! Es handelt sich interessanterweise um einen Bereich, in dem sowohl die Leistungserbringerinnen, also die Hebammen, als auch die Kassen den Hand-lungsbedarf ansprechen und sehr ähnliche Vor-schläge machen, die sie im Versorgungsgesetz verankert haben wollen.

Es geht beim Versorgungsgesetz nicht nur um die Ärzteschaft. Sie müssen auch die ande-ren Gesundheitsberufe im Blick haben. Gerade bei der Geburtshilfe und der Hebammenhilfe ist es dringend.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

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