Bundestagsrede von 20.10.2011

Reformationsjubiläum 2017

Vizepräsidentin Petra Pau:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat nun die Kollegin Agnes Krumwiede das Wort.

Agnes Krumwiede (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, 5 Millionen Euro Bundesmittel pro Jahr bis 2017 für die Lutherdekade erfordern eine transparente Kommunikation darüber, wofür diese Mittel verwendet werden sollen. Jedes Jahr haben die Veranstaltungen andere thematische Schwerpunkte; wir haben schon gehört, dass das so ist. Das nächste Jahr zum Beispiel steht unter dem Motto „Reformation und Musik“.

Ein Teil der Bundesfinanzierung wird in die Restaurierung und Vorbereitung der Wirkungsstätten Martin Luthers fließen. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass im vorliegenden Antrag auf eine nachhaltige Ausrichtung des Reformationsjubiläums Wert gelegt wird.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Bei Veranstaltungen und bei der Herstellung von Infomaterialien sollen Kriterien der Klimaneutralität berücksichtigt werden.

Neben der investiven Vorbereitung auf das Großereignis im Jahr 2017 sind für uns die kulturelle und gesellschaftliche Dimension entscheidend. Zahlreiche Veranstaltungen sollen den Dialog zwischen Gesellschaft und Kirche programmatisch stärken. Wir begrüßen, dass dabei kulturelle, künstlerische und wissenschaftliche Auseinandersetzungen im Zentrum stehen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Diese Chancen der kulturellen Begegnung innerhalb der Lutherdekade wollen wir gern in den nächsten Jahren politisch begleiten.

Eine Fokussierung auf rein touristische Aspekte lehnen wir ab.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Nicht ein möglichst repräsentatives Bild Lutherdeutschlands im Ausland steht für uns im Vordergrund, sondern die inhaltliche und interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Luther, seiner Zeit und den Auswirkungen seiner Schriften.

Um die Trennung zwischen Staat und Kirche in der Organisationsstruktur zu bewahren, gibt es zwei Geschäftsstellen: eine von staatlicher und eine von kirchlicher Seite. Bestrebungen – auch seitens des BKM –, diese beiden Stellen zusammenzulegen, lehnen wir ab. Kirchliche und staatliche Zuständigkeiten müssen klar voneinander getrennt bleiben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Ein Jubiläum mit dem Anspruch auf ein kirchliches und kulturgeschichtliches Ereignis von Weltrang muss bei Projekten und Veranstaltungen alle Menschen ansprechen und einbeziehen, nicht nur Protestanten. Außerdem darf sich die Ausgestaltung der Jubiläumsfeierlichkeiten nicht auf einige wenige Prestigeevents beschränken. Dafür ist eine bundesweit flächendeckende, vielfältige und abwechslungsreiche Veranstaltungsstruktur in den Städten ebenso wie im ländlichen Raum notwendig. Auch die Förderung des Dialogs mit anderen Religionen, mit Nichtgläubigen und Atheisten sollte im Rahmen der Lutherdekade gestärkt werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Es darf nicht um eine Verherrlichung Martin Luthers gehen.

(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Eine Würdigung darf es schon sein!)

Auch kritische Fragen müssen aufgeworfen werden. Nur durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Institution Kirche, der Person Martin Luther und den umfassenden Konsequenzen seiner Schriften für die Geschichte wird die Lutherdekade ihren Aufgaben gerecht.

 (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Martin Luthers Wirken hatte viele Facetten mit prägender historischer Ausstrahlung. Auf der einen Seite gilt er als Reformator, als Modernisierer der Kirche. Unbestritten ist sein Beitrag zur Demokratisierung, zur Entwicklung der deutschen Sprache und zum Zeitalter der Aufklärung durch die Stärkung der individuellen Eigenverantwortung und der Gewissensentscheidung.

(Beifall des Abg. Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP])

Auf der anderen Seite, der unbequemen Schattenseite, gilt Martin Luther als populärer Vertreter des Antijudaismus. Einige Auszüge aus seinen Briefen und Predigten sind gerade durch die Brille der jüngeren deutschen Vergangenheit schwer verdaulich. Diese Aspekte dürfen im Glanz der Lutherdekade nicht untergehen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Im Gegenteil: Die Lutherdekade kann ein Forum der kritischen Reflexion bieten, um über den Einfluss Luthers auf Vergangenheit und Gegenwart aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren. In diesem Kontext sollten auch Moses Mendelssohn – der jüdische Luther, wie Daniel Barenboim ihn einmal bezeichnet hat – und Mendelssohns wenig beachteten Bibelübersetzungen eine Rolle spielen.

Im vorliegenden Antrag sind die Rahmenbedingungen für das Jubiläum festgelegt. Als nächster Schritt muss die inhaltliche Ausrichtung, die Identifikation mit der Lutherdekade in der Bevölkerung gestärkt werden. Jetzt müssen die inhaltlichen Weichen für eine bunte Lutherdekade gestellt werden, mit Events, Diskussionsrunden und Foren, die alle gesellschaftlichen und kulturellen Gruppen zum Mitreden, Mitdenken und Mitgestalten einladen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN sowie des Abg. Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU])

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