Bundestagsrede von 21.09.2011

Schutz der Arktis

Dr. Hermann Ott (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Die sommerliche Eisbedeckung der Arktisregion ist seit 1972 um 50 Prozent geschrumpft und hat im Jahr 2011 die geringste Ausdehnung erreicht, wie Forscher der Universität Bremen in diesen Tagen bekannt gegeben haben. Die Zugangsmöglichkeiten zu bisher unzugänglichen Regionen wecken Begehrlichkeiten, neue Schifffahrtsrouten werden möglich, neue Zugänge zum Festland werfen auch sicherheitspolitische Fragen auf.

Russlands Präsident Putin sagte Ende August anlässlich der Unterzeichnung eines milliardenschweren Abkommens zwischen russischen und amerikanischen Firmen zur Erschließung der Öl- und Erdgasvorkommen in der Arktis, es täten sich neue Horizonte auf. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der Notwendigkeit einer massiven Begrenzung der CO2-Emissionen darf man das getrost als Drohung verstehen, zumindest aus klimapolitischer Sicht. Denn der Verlust an Meereisfläche beschleunigt den Klimawandel gleich doppelt. Die kleiner werdende Eisfläche kann weniger Sonnenstrahlen in die Atmosphäre zurückreflektieren, die größer werdende Wasseroberfläche dagegen absorbiert die Sonnenstrahlen, wärmt sich dadurch auf und beschleunigt wiederum die Eisschmelze. Und nun ist zur befürchten, dass die verstärkte Ausbeute fossiler Ressourcen aus der Arktis ebenso den Klimawandel weiter verstärkt. Man muss sich das einmal vorstellen: Ressourcen die überhaupt erst durch den Klimawandel verfügbar werden, sollen ausgebeutet werden, was wiederum den Klimawandel verstärkt. Das ist absurd. Es ist, als führe man wissentlich auf einen Abgrund zu und drückte mehr und mehr aufs Gas, je schneller man wird.

Aber nicht nur aus klimapolitischer Sicht ist die Ausbeutung der Arktis eine Bedrohung. Die Arktis ist einer der sensibelsten Lebensräume der Erde, mit hervorragend an die Lebensbedingungen angepassten Bewohnern. Aber es ist auch gerade diese Anpassung, die die Bewohner dieses Ökosystems so anfällig für Störungen macht. Die Biodiversität der Polarregion ist bereits heute ernsthaft gefährdet.

Wir haben in Deutschland eine gute Tradition der Polarforschung und exzellente Wissenschaftler. Diese muss weiter gestärkt werden, und allein daraus ergibt sich auch schon die Verantwortung, eine Arktispolitik zu verfolgen, die sich nicht von Handels- und Ressourceninteressen leiten lässt, sondern den Umwelt- und Klimaschutz in den Mittelpunkt stellt. Die vorhandenen Vereinbarungen und Institutionen zum Schutz der Arktis reichen dafür nicht aus. Wir brauchen einen Arktisvertrag, der den Herausforderungen des fortschreitenden Klimawandels und des Schwundes der Biodiversität Rechnung trägt. Dabei kommt auch der indigenen Bevölkerung eine tragende Rolle zu, und die Wahrung ihrer Rechte muss ein zentraler Bestandteil der Arktispolitik sein.

Will man das 2-Grad-Ziel, also die Begrenzung des globalen Klimawandels auf maximal 2 Grad Celsius, erreichen – dazu hat sich die Weltgemeinschaft verpflichtet –, so kann dies sicherlich nicht dadurch geschehen, dass die gewaltigen fossilen Ressourcen, die in der Arktis vermutet werden, nun auch ausgebeutet werden. Ein Arktisvertrag, der diese wirtschaftliche Ausbeutung verhindert, ist für eine erfolgreiche Klimapolitik absolut notwendig und zum Schutz der arktischen Biodiversität unabdingbar. Eine Positionierung der Bundesregierung in diesem Sinne gehört nicht zuletzt auch zu einer glaubwürdigen internationalen Klimapolitik. Die Bundeskanzlerin hat sich vor einigen Jahren vor den Eisbergen Grönlands als „Klimakanzlerin“ fotografieren lassen. Es ist endlich an der Zeit, konkret etwas für die Polarregion zu tun.

 

391136