Bundestagsrede von 26.04.2012

Fehlverhalten in der Wissenschaft

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ich finde es erfreulich, wie resistent und renitent der Wissenschaftsbereich sich gezeigt hat gegenüber Versuchen, wissenschaftliches Fehlverhalten und Plagiate zu bagatellisieren.

Bei der Koalition herrschte lange der Eindruck vor, dass wir sie nur mit politisch prominenten Plagiatsfällen ärgern wollten. Aber es hat sich ja gezeigt, dass auch der Wissenschaftsbereich selbst sich mit der Frage, wie die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten und gute wissenschaftliche Praxis in Zukunft besser gesichert werden können, kritisch auseinandergesetzt hat. Auch die Wissenschaftsorganisationen wie die DFG, die MPG und jüngst die HRK mit ihren Empfehlungen zur „Qualitätssicherung in Promotionsverfahren“ haben dieses Thema aktiv aufgenommen. Der Wissenschaftsrat hat in seinem Positionspapier zur „Qualitätssicherung der Promotion“ im letzten Herbst eine Reihe von Empfehlungen abgegeben; beide Papiere untermauern viele der Forderungen aus unserem Antrag.

Wir halten strukturelle Veränderungen für notwendig und wollen, dass die Universitäten mehr institutionelle Verantwortung im Promotionsverfahren übernehmen. Dazu zählt, dass Betreuungsvereinbarungen das Verhältnis zwischen Promovierenden und Betreuerinnen und Betreuern klar und transparent regeln und dass verstärkt externe Gutachter zur Bewertung einer Promotion hinzugezogen werden. Dazu gehört auch, dass ein einheitlicher Doktorandenstatus an den Universitäten eingeführt wird. Diese Forderungen haben die Koalitionsfraktionen ja nun auch in ihrem aktuellen Antrag zum wissenschaftlichen Nachwuchs übernommen.

Es setzt falsche Anreize, wenn die Leistung der Professorinnen und Professoren rein quantitativ nach der Anzahl der Promotionen gemessen wird. Darüber waren sich auch alle Sachverständigen im Fachgespräch im Bildungs- und Forschungsausschuss einig. Deshalb wollen wir, dass in die leistungsbezogene Mittelvergabe auch qualitative Gesichtspunkte bei der Betreuung, aber auch Zweitgutachtertätigkeiten und die Mitwirkung an Prüfungen berücksichtigt werden. Der Wissenschaftsrat hat seinerseits vorgeschlagen, eine binäre Notenskala einzuführen und nur noch die Noten „Bestanden“ oder „Mit besonderem Lob“ zu vergeben. Diese Idee kann helfen, die örtlich sehr unterschiedlichen Praktiken bei der Notenvergabe zu vereinheitlichen. Das Fachgespräch hat auch gezeigt, dass die Unis ihre Kompetenzen zur Erkennung von Plagiaten erweitern müssen. Anti-Plagiatssoftware ist dabei kein Allheilmittel, sondern kann stets nur ein ergänzendes Hilfsmittel sein. Wir halten es auch für sinnvoll, dass alle Doktoranden, wie es bereits in Berlin und München praktiziert wird, eine eidesstattliche Erklärung unterzeichnen, um sich darin zu verpflichten, die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis einzuhalten und es hier nicht unterschiedliche Standards von Uni zu Uni gibt. Strukturierte Promotionsverfahren in Graduiertenschulen und Graduiertenkollegs sollten ausgebaut und gestärkt werden. Wir wollen aber auch die Vielfalt der Wege zur Promotion weiter offenhalten, also auch externe Promotionen weiter ermöglichen.

Die Bedeutung von wissenschaftlicher Redlichkeit und guter wissenschaftlicher Praxis sollte schon zu einem frühen Zeitpunkt im Studium vermittelt werden. Die Zugänge und die Zulassung zur Promotion sollten fair und transparent geregelt werden und nicht allein der subjektiven Intimität eines „Meister-Schüler-Verhältnisses“ überlassen bleiben. Promovierenden, die auf sogenannten Qualifizierungsstellen Aufgaben an der Universität in Forschung, Lehre und Management übernehmen, muss hinreichend Raum für ihre eigene Qualifizierung gegeben werden.

In sehr vielen unserer Vorschläge und Forderungen sehen wir uns von den deutschen Wissenschaftsorganisationen unterstützt. Dass sich am Ende auch der Ausschuss gemeinsam und ernsthaft mit dem Thema befasst hat, ist erfreulich; denn deutsche Promovierte genießen auch international ein hohes Ansehen, das es gegen „schwarze Schafe“ zu verteidigen gilt. In diesem Zusammenhang kam aus der Wissenschaft auch der Hinweis, dass der Doktorgrad von gesellschaftlichen Überhöhungen befreit und nicht länger wie eine Art „bürgerlicher Adelstitel“ behandelt werden sollte. Der Doktor sollte vielmehr auf seine eigentliche Bedeutung – als Nachweis der besonderen wissenschaftlichen Qualifikation – zurückgeführt werden. Als Schritt dazu haben wir in einem gesonderten Gesetzentwurf beantragt, den Doktorgrad künftig nicht mehr in Pass und Personalausweis einzutragen. Diese Forderung wird inzwischen auch durch eine Bürgerpetition unterstützt, die demnächst im Petitionsausschuss beraten wird. Damit unterstützen wir auch eine alte Forderung des Bundesinnenministeriums, auf die Sie weniger reflexhaft reagieren sollten, als dies bisher der Fall war.

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