Bundestagsrede von Dr. Thomas Gambke 12.12.2012

Beschneidung - Persönliche Erklärung

Dr. Thomas Gambke (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Eltern haben gerade in den ersten Lebensjahren eine große Verantwortung für das Wohl ihrer Kinder. Sie müssen nicht nur täglich dafür sorgen, dass ihre Kinder mit allem Notwendigen versorgt werden und mit liebevoller Zuwendung aufwachsen, sondern sie müssen weitere Entscheidungen für die Entwicklung des Kindes treffen. Dazu gehören auch Entscheidungen, ob und in welchem Maß ein Kind nach religiösen Werten erzogen wird. Die religiös begründete Entscheidung von Eltern zur Beschneidung von Jungen ist getragen vom Wunsch der Eltern, eine möglichst gute Entwicklung des Kindes nach den Werten der eigenen Religion zu ermöglichen. Sie wollen das Beste für ihr Kind und folgen damit den Vorgaben ihrer Religion, die ihnen in ihrem Leben Halt und Orientierung gibt.

Als Vater habe ich persönlich Entscheidungen zum Wohl meiner Kinder getroffen. Dabei wäre eine Entscheidung zu einer Beschneidung undenkbar gewesen. Diesen irreversiblen Eingriff bewerte ich als einen erheblichen Eingriff in das spätere Selbstbestimmungsrecht des Kindes. Ungeachtet dessen respektiere ich die Religiosität anderer Menschen. Und ich nehme wahr, dass andere Menschen aus ihrem Glauben heraus zu anderen Entscheidungen kommen, auch und gerade wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht. Bei meiner Entscheidungsfindung zum Gesetzentwurf zur Beschneidung habe ich abgewogen, welche Auswirkungen eine Beschneidung auf die Entwicklung von Jungen hat. Und ich habe meine Entscheidung in Kenntnis der Tatsache getroffen, dass in keinem Land dieser Welt eine Beschneidung von Jungen unter Strafe gestellt ist. Deshalb habe ich mich entschieden, dem Antrag der Bundesregierung zuzustimmen, der im Kern die strafrechtliche Freiheit der Beschneidung zusichert, sofern sie fachgerecht durchgeführt wird.

Mit dieser Entscheidung ist keinesfalls eine Zustimmung zur Beschneidung verbunden. Es ist nur die Frage, wie ich und unsere Gesellschaft eine jahrhundertealte Tradition der Beschneidung brechen kann. Und da ist mir im Zuge der Debatte klar geworden, dass das Mittel des Strafrechtes der falsche Weg ist. Die Debatte um die Beschneidung hat mir zusätzlich Motivation und Antrieb gegeben, die repressionsfreie Erziehung und Anleitung von Kindern zu verantwortungsvollen, selbstbestimmten Menschen als zentrales Ziel zu beachten und mich im Gespräch und der Auseinandersetzung insbesondere auch mit Religionsgemeinschaften dafür einzusetzen.

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