Bundestagsrede von Kai Gehring 09.02.2012

Stärkung des Bologna-Prozesses

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die öffentliche Diskussion um die Bologna-Reform scheint in eine neue Phase eingetreten zu sein. Statt Kampansagen wie „Humboldt ist tot!“ oder „Operation gelungen, Patient tot?“ ist die empirische Beobachtung in den Vordergrund getreten, wie das visionäre Ziel, einen europäischen Hochschulraum zu erreichen, umgesetzt wird.

Nicht zuletzt die Studierendenproteste haben vor Augen geführt, dass Bologna mehr ist, als auf alte Studiengänge das neue Etikett „Bachelor“ oder „Master“ zu kleben. Aus dem eindimensionalen deutschen Umsetzungsansatz, vorrangig eine Umwandlung der Studienstrukturen vorzunehmen, wollen wir heraus und Bologna zu einer echten Qualitäts- und Mobilitätsreform innerhalb des europäischen Hochschulraums weiterentwickeln. Wir wollen, dass alle Reformziele endlich angepackt und möglichst schnell erreicht werden – insbesondere tatsächlich mehr und vereinfachte Mobilität der Studierenden, eine bessere Anerkennung andernorts erbrachter Studienleistungen, eine intensivere Betreuung und Beratung der Studierenden sowie die soziale Öffnung der Hochschulen.

Zahlreiche Studien haben sich mit der deutschen Umsetzung und Erreichung der wesentlichen Reformziele beschäftigt. Die Bologna-Baustellen gehen daraus deutlich hervor:

Erstens. Die Studierbarkeit muss erhöht, die Arbeitsbelastung gesenkt werden: Bachelorstudierende berichten häufiger über ungünstige Studienbedingungen und hohe Leistungsanforderungen als Studierende in den alten Magister- und Diplomstudiengängen. Als Konsequenz ist es notwendig, dass die Hochschulen ihre Studienprogramme überarbeiten, den Workload herunterschrauben und die Prüfungsdichte reduzieren.

Zweitens. Die Auslandsmobilität im Bachelor ist keinesfalls zufriedenstellend und muss verbessert werden: Im Jahr 2009 absolvierten nur 26 Prozent der BA-Studierenden Auslandsaufenthalte, in den alten Studiengängen waren es dagegen 32 Prozent. Um den Stand der Auslandsmobilität deutscher Studierender zu halten, müssen die Bachelorstudierenden Auslandsaufenthalte auch realisieren können. Studienprogramme müssen darum flexibilisiert und Zeitfenster geschaffen werden.

Wichtig ist auch, dass sich die reale Anerkennungspraxis von im Ausland erworbenen Studienleistungen weiter verbessert. Der im Jahr 2007 bestehende Wert von nur 41 Prozent war skandalös.

Es ist gut, dass sich der Anteil der im Ausland erworbenen und hierzulande vollständig anerkannten Studienleistungen deutlich verbessert hat. Hier ist aber weiterhin Potenzial nach oben! Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit dürfen nicht verwechselt werden. Studierende brauchen eine Anerkennungsgarantie.

Besonders große Baustellen und Defizite bestehen weiterhin bei der sozialen Dimension, die ausdrücklicher Bestandteil der Bologna-Reform-Kommuniqués ist. Von 100 Akademikerkindern studieren 71, von 100 Kindern aus Nichtakademikerfamilien studieren nur 24. Dieser Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen ist in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Wir wollen mehr potenzielle Bildungsaufsteiger für ein Studium erreichen. Mehr Studierende aus Nichtakademiker-, Arbeiter- und Migrantenhaushalten wollen wir genauso gewinnen wie Studierende aus einkommensärmeren Elternhäusern. Alle Herkunftsgruppen, denen die Finanzierbarkeit ihres Studiums Schwierigkeiten bereitet, brauchen eine bessere Förderung und Studienfinanzierung.

Bundesbildungsministerin Schavan muss daher – als Konsequenz aus dem neusten BAföG-Bericht der Bundesregierung – mit konkreten BAföG-Reformvorschlägen auf die Länder zugehen, anstatt taktische Spielchen anzuzetteln. Klugen Konzepten für eine bildungsgerechtere Studienfinanzierung werden sich die rot-grün und grün-rot regierten Bundesländer nicht verschließen. Wer die soziale Schieflage beim Hochschulzugang verringern will, braucht mittelfristig eine ambitionierte Studienfinanzierungsreform mit dem Zwei-Säulen-Modell.

Zusammen mit den Ländern müssen darüber hinaus gezielte Investitionen in die soziale Infrastruktur an den Hochschulen vereinbart werden. Dazu gehört der weitere Ausbau von Studienberatung, Wohnheimplätzen sowie Kinderbetreuung und Betreuungsinfrastruktur. Der Bedarf daran wächst mit der Zunahme der Zahl der Studienberechtigten und Studienanfänger. Da es Anzeichen für höhere Prognosezahlen gibt, werden wir an anderer Stelle über eine Aufstockung des Hochschulpaktes zu reden haben, um dem Studierendenboom gerecht zu werden.

Unsere oberste Leitlinie bei der Umsetzung der sozialen Dimension ist, gemeinsam mit den Ländern eine umfassende Öffnung der Hochschulen für bisher unterrepräsentierte Gruppen voranzutreiben und damit für mehr gesellschaftliche Vielfalt und Diversity auf dem Campus zu sorgen.

Die Bundesregierung sollte sich diesen Herausforderungen ebenfalls stellen und mit eigenen Initiativen vorangehen. Dann könnte sie auf unsere Unterstützung bauen.

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