Bundestagsrede von Markus Tressel 09.02.2012

Kinder- und Jugendtourismus

Vizepräsident Eduard Oswald:

 Nächster Redner in unserer Debatte ist für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen unser Kollege Markus Tressel. Bitte schön, Kollege Markus Tressel.

Markus Tressel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch ich freue mich außerordentlich, dass wir heute die Debatte über den Kinder- und Jugendtourismus in diesem Hause führen. Es ist eine ausgesprochen wichtige Debatte; denn – die Kollegin Hiller-Ohm hat es gesagt – Reisen bildet und Reisen trägt zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung bei. Wir haben im Jahr 2002 mit dem Aktionsplan eine gute Grundlage gelegt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Debatte ist aber nicht nur wichtig, weil der Kinder- und Jugendtourismus ein bedeutender Faktor der deutschen Reisebranche ist, sondern vor allem auch, weil die Debatte unter sozialen Aspekten geboten ist. Meine Vorredner haben es bereits angesprochen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt uns ganz schnell, wo die Probleme immer noch liegen. Die Zahlen muss man sich an dieser Stelle noch einmal deutlich vor Augen führen: Etwa 2,2 Millionen Kinder in diesem Land können nicht am Kinder- und Jugendtourismus teilnehmen. Während die Urlaubsintensität der Deutschen ab 14 Jahren zunimmt, geht die Zahl der Urlaubsreisen mit Kindern bis zu 13 Jahren seit 1996 kontinuierlich zurück. Es können viel weniger Kinder aus einkommensschwachen Familien am Kinder- und Jugendtourismus teilnehmen. Das größte Problem in diesem Bereich ist, dass das öffentlich geförderte Kinder- und Jugendreisen, insbesondere im Kontext der Kinder- und Jugenderholung, seit den 90er-Jahren rückläufig ist. Staatliche Förderungen im Kinder- und Jugendreisebereich sind um bis zu 30 Prozent gesunken. Die Zahl der Kinder- und Jugenderholungen hat sich in den Jahren 2000 bis 2004 um 23 Prozent reduziert. Das sind eklatante Zahlen, die man in diesem Zusammenhang in der Debatte nennen muss.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Aufgrund dieser Kürzungen besteht nicht nur die Gefahr, dass Kinder- und Jugendreisen teurer werden. Es besteht auch die Gefahr, dass sich die soziale Schere weiter öffnet. Das hat gerade gestern die GfK-Studie zum Tourismus noch einmal deutlich gemacht. Die soziale Schere öffnet sich.

Wenn wir die Bedeutung – ich meine nicht nur die ökonomische – dieses Reisesegments wirklich ernst nehmen, dann muss sich die öffentliche Hand wieder stärker engagieren. Das fehlt in Ihrem Antrag komplett, liebe Kolleginnen und Kollegen. Darauf hat die Kollegin Hiller-Ohm hingewiesen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Wenn wir es schafften, die Zahl der Kinder- und Jugenderholungen zu erhöhen, dann hätte es den schönen Nebeneffekt, dass man auch die inner-deutsche Reiseaktivität von Jugendlichen steigern könnte. Es wäre also nicht nur aus sozialen Aspekten sinnvoll, die eigene Region oder das europäische Umfeld in den Blick zu nehmen, insbesondere bei Klassenfahrten. Wir wissen, hier sind die Länder gefordert. Der eine oder andere hat aber durchaus Einflussmöglichkeiten in den Ländern. Ich glaube, das müssen wir auf die Agenda setzen. Angebote, wie etwa die der National- und Naturparke, der Jugendherbergen, der Schullandheime, müssen besser vernetzt und vermarktet werden. Hier braucht es eine bessere Koordinierung der Länder und entsprechende Angebote. Wir alle wissen, Mecklenburg-Vorpommern geht mit einem sehr guten Beispiel voran.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Koalition – ich sage das jetzt freundlich, nachdem es in dieser Debatte so viele unfreundliche Worte gegeben hat –, Sie machen mit Ihrem Antrag einen Aufschlag. Der ist an vielen Stellen

(Ingbert Liebing [CDU/CSU]: Gut!)

sehr unkonkret und mit sehr vielen Prüfaufträgen versehen. Deswegen gibt es noch einiges zu tun.

Es gibt aber auch Punkte, wo wir nah beieinander sind, etwa das Thema Qualifizierung von Jugendreiseleitern oder die Thematisierung von sexueller Gewalt in der Ausbildung von Jugendreiseleitern. Das haben Sie, Herr Kollege Liebing, auch angesprochen. Ich glaube, hier gibt es auch die Möglichkeit, sich zu einigen.

Uns fehlen – das ist auch angesprochen worden – klare Anforderungen an die Bundesregierung. An vielen Stellen werden komplette Aspekte in Ihrem Antrag, wie etwa das Thema nachhaltige Mobilität oder Gesundheitsprävention, vollkommen ausgeblendet. Wir brauchen keine Prüfaufträge, sondern es muss gehandelt werden. Das ist die Devise.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich sage ganz deutlich – der Tourismusausschuss ist für seine konsensuale Arbeit bekannt –: Ihr Antrag braucht noch etwas Zuwendung und Konkretisierung seitens der Opposition. Wie wir das letztlich im Verfahren regeln, müssen wir sehen.

(Ingbert Liebing [CDU/CSU]: Machen Sie Vorschläge! Bisher liegen von Ihnen keine auf dem Tisch! Herzlich willkommen!)

– Lieber Herr Liebing, wir werden das diskutieren. Wir haben viele Vorschläge.

Im Interesse der Sache wäre es mir am liebsten, wenn wir zu einem fraktionsübergreifenden Antrag kämen. Oder wir bringen einen eigenen Antrag ein. Wir haben viele Vorschläge. Die werden wir dem Ausschuss unterbreiten, und dann können wir noch einmal diskutieren.

In diesem Sinne, vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Ingbert Liebing [CDU/ CSU]: Herzlich willkommen!)

Vizepräsident Eduard Oswald:

Vielen Dank, Kollege Markus Tressel.

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