Bundestagsrede von Claudia Roth 19.01.2012

Digitalisierung des Filmerbes

Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Vor kurzem war Hans W. Geissendörfer, der als Regisseur, Autor und Produzent ja deutsche Film- und Fernsehgeschichte geschrieben hat, bei uns im Kultur- und Medienausschuss. In einem Expertengespräch sprach er mit dem Herzblut des Filmenthusiasten über unser Filmerbe, in das die Kreativität unzähliger Menschen geflossen ist – über Tausende von Filmen, die heute nur noch schwer oder gar nicht mehr zugänglich sind. Was für ein Schatz schlummert da? Welcher kulturelle Reichtum wartet auf seine Entdeckung – oder Wiederentdeckung?!

Wir wissen, dass Archive und Verleiher auf dem Gebiet des Filmerbes eine gute Arbeit leisten – oft mit geringen Mitteln und ökonomischen Problemen. Auch Filmfestivals engagieren sich. Wir erinnern uns an „Metropolis“ auf der Berlinale vor zwei Jahren. In wenigen Wochen wird die diesjährige Berlinale zusammen mit der Deutschen Kinemathek eine Retrospektive mit Filmen des deutschrussischen Studios „Meschrabpom“ zeigen. Das Studio bestand in den 20er- und 30er-Jahren und produzierte eine, wie ich höre, sehr gute Unterhaltungskunst. Ich bin sehr gespannt auf die Entdeckungen bei dieser Retrospektive, die dann im Anschluss auch im New Yorker MoMA zu sehen sein wird.

Was können wir tun, um den Reichtum des Filmerbes besser zu erschließen? Wie können wir die Arbeit, die schon geleistet wird, besser unterstützen?

Unseres Erachtens ist es an der Zeit, hier die Möglichkeiten der Digitalisierung viel breiter zu nutzen. In einem anderen Bereich, dem der Kinodigitalisierung, geschieht ja schon sehr viel. Die Kulturpolitik im Bundestag hat hier ja sehr einmütig gehandelt, um unsere Kinos bei diesem technischen Übergang zu unterstützen.

Was die Digitalisierung des Filmerbes angeht, sind andere europäische Länder uns inzwischen ein gutes Stück voraus, zum Beispiel die Niederlande, die 2007 ein ehrgeiziges Programm zur weitgehenden Digitalisierung des nationalen Filmerbes aufgelegt haben, bei dem es auch um die Onlinezugänglichkeit geht. Das britische Filminstitut ist ebenfalls sehr aktiv und stellt viele bereits digitalisierte Filme an verschiedenen Orten des Landes zur Ansicht bereit. Hunderte von digitalisierten Filmen werden auf einem eigenen Youtube-Kanal vorgestellt.

Ich weiß, dass auf dem Weg zu einer Digitalisierung des Filmerbes viele Fragen zu klären sind, technische Fragen, Fragen der Priorisierung und natürlich auch urheberrechtliche Fragen, zum Beispiel beim Problem der verwaisten Werke. In unserem Antrag haben wir darauf hingewiesen. Aber diese Probleme sollten uns nicht den Mut nehmen. Andere Länder sind vorangegangen und haben gezeigt, was unter zum Teil ganz ähnlichen Bedingungen möglich ist.

Lassen Sie uns also an einem Strang ziehen und eine umfassende Initiative zur Digitalisierung des Filmerbes starten. Lassen Sie uns – die Fraktionen des Bundestages und der Kulturstaatsminister – gemeinsam einen Runden Tisch einberufen, bei dem wir den Dialog suchen mit den hier relevanten Vertretern aus Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft, aus Verbänden und Archiven. Das war, wie ich höre, in den Niederlanden ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg, und das wäre auch hier bei uns ein erster wichtiger Schritt.

Wenn wir uns gemeinsam bewusst machen, was für ein kultureller Reichtum beim Filmerbe tatsächlich schlummert – ein Reichtum, der für Millionen von Bürgerinnen und Bürgern erschlossen werden kann –, sollte es nicht schwerfallen, einen solchen Schritt zu tun und dann auch weiterzugehen. Ich bin mir sicher: Die Digitalisierung unseres Filmerbes wird eines der großen kulturpolitischen Themen der nächsten Jahre. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir als Bundestag uns mit diesem ersten Aufschlag hier und heute auf den Weg machen und die Dinge mit gestalten!

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