Bundestagsrede von 26.01.2012

Regionale Produktionsstrukuren

Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Landauf, landab wird beklagt, dass sich die ländlichen Räume entleeren. Mangels wirksamer Gegenstrategien werden Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Mobilitätsangebote an die abnehmende Bevölkerung angepasst und damit Arbeitsplätze und Lebensqualität weiter abgebaut und die Landflucht beschleunigt. Während Teile der Politik angesichts dessen in scheinbare Schockstarre verfallen sind, andere Analysen und Studien beauftragen und wieder andere Heimatpakete an die Wegzügler senden, haben sich einige Heimattreue längst auf den Weg gemacht. Sie haben überlegt, wie sie ihre Heimat besser in Wert setzen können, damit Arbeitsplätze erhalten oder geschaffen werden und die Menschen in der Region bleiben.

Zwar hat die Landwirtschaft in ihrer Bedeutung als Rückgrat ländlicher Räume abgenommen, doch kommt ihr nach wie vor eine große Verantwortung bei der Nutzung der Agrarflächen zu. Dieser Verantwortung haben sich Bauern in verschiedenen Regionen gestellt. Sie haben gemeinsam mit anderen Wirtschaftsbeteiligten wie Verarbeitern, Vermarktern, Touristikern, Gastronomie und Hotellerie und mit gesellschaftlichen Gruppen, zum Beispiel Naturschützern, in einer regionalen Initiative einen Kodex erstellt, nach dem sie produzieren und ihre Produkte an die Kundschaft bringen wollen. Ein Kernstück dieses Kodex ist, dass in der Region für die Region produziert wird, wobei als Absatzmarkt natürlich immer auch die nächstgelegene Metropole zu sehen ist. So sind dann die verschiedenen Regionalmarken entstanden wie EIFEL, SooNahe oder Rhön, um nur einige zu nennen.

Obst und Gemüse, Fleisch und Gewürze aus bäuerlichen Agrarbetrieben, als Frischware angeboten oder verarbeitet in handwerklichen Betrieben, sind begehrt beim Verbraucher und haben es dennoch schwer im Wettbewerb mit Produkten aus der industriellen Land-und Ernährungswirtschaft. Das liegt vor allem am Preis. Viele Städter sind aber sogar bereit, etwas mehr für ihre Ernährung zu zahlen, wenn sie wissen, woher die Erzeugnisse kommen, und wenn sie die Möglichkeit haben, dem Bauern, Bäcker oder Fleischer einmal über die Schulter zu gucken. Aber natürlich spielt auch das Regionaltypische eine Rolle: die altbekannten Obst- und Gemüsesorten und die traditionellen Rezepturen.

Aber im Supermarkt stehen Cornflakes neben Haferflocken, es stehen Essiggurken neben Senfgurken, und Schinken liegt neben Serrano. Das Angebot ist kaum zu überschauen, und so bedarf es einiger Entscheidungshilfen für Verbraucher.

Die Regionalmarken, erkennbar an ihrem regionalspezifischen Siegel, sind eine gute Hilfe. Dass sie Wirkung entfalten, haben große Erzeuger und Lebensmittelketten schnell erkannt. Inzwischen sind die Siegel wie Pilze aus dem Boden geschossen. Was einst als Orientierung der Verbraucher entstand und die Wertschöpfung in ländlichen Regionen verbessern sollte, trägt heute oftmals zur Verwirrung bei. Deshalb bedarf es bei diesen vielen Siegeln, die auf Lebensmittelverpackungen zu finden sind, einer Überprüfung, ob drin ist, was draußen versprochen wird.

Bei Bio ist das klar. Deshalb genießt Bio auch das Vertrauen der Verbraucher und hat jährliche Zuwachsraten im zweistelligen Bereich.

Bei den Regionalmarken hat sich jedoch Spreu unter den Weizen gemischt. Deshalb bedarf es eines bundesweit einheitlichen und überprüfbaren Kriterien- und Kontrollsystems zur Bewertung von Regionalsiegeln. Das von der Ministerin geplante Regionalfenster auf der Lebensmittelverpackung ist da keine Hilfe.

Nicht zum Selbstzweck hat die Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen eine Arbeitsgruppe Ländliche Entwicklung eingerichtet, zahlreiche Fachgespräche und Kongresse organisiert und Einzelgespräche vor Ort geführt. Ziel war und ist es, Perspektiven für ländliche Regionen auszuloten und die politischen Rahmenbedingungen für mehr Wertschöpfung auf dem Lande zu schaffen. In unserem Antrag machen wir einige grundsätzliche und auch ganz konkrete Vorschläge dazu.

Es bleibt abzuwarten, ob die Koalition bereit ist, durch diese Maßnahmen den bäuerlichen Betrieben und handwerklichen Verarbeitern in den Regionen bessere Bedingungen zu verschaffen. Wenn es ihr ernst ist mit der Entwicklung der ländlichen Regionen, dann sollte sie nicht länger zögern.

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