Bundestagsrede von 26.01.2012

Flüchtlinge aus Syrien

Vizepräsident Eduard Oswald:

 Nächster Redner in unserer Debatte ist für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen unser Kollege Josef Winkler. Bitte schön, Kollege Josef Winkler.

(Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN] begibt sich zum Platz des Abg. Serkan Tören [FDP])

– Tauschen Sie noch das Manuskript aus?

(Heiterkeit – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich habe etwas nicht verstanden und habe nachgefragt!)

Bitte schön, Kollege Josef Winkler.

(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Bezieh dich doch auf die Rede von Serkan! Dann ist alles in Ordnung!)

Josef Philip Winkler (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Ich hatte Herrn Tören nur etwas gefragt, weil ich etwas akustisch nicht verstanden hatte. Intellektuell war mir aber das Argument zugänglich.

Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich finde, es ist ein Trauerspiel, dass wir hier fast wöchentlich über die Situation in Syrien im Rahmen der Außenpolitik debattieren, sich aber innenpolitisch im Umgang mit den syrischen Flüchtlingen nur wenig verändert. Ich denke – das muss ich nach der Rede von Herrn Staatssekretär Dr. Bergner sagen –, es schlägt dem Fass den Boden aus,

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

dass Sie sich jetzt hinter der formalen Zuständigkeit der Bundesländer, der Kommunen und der Ausländerbehörden verstecken und sich auf reine Verwaltungsargumente zurückziehen.

(Michael Frieser [CDU/CSU]: Das Ziel ist doch erreicht!)

Sie haben eben hier gesagt, das Rücknahmeabkommen beschränke sich auf rein prozessuale Regelungen. Wenn es wirklich nur um Formalia geht, dann besteht erst recht kein Grund, an dem Abkommen, das man mit dem Assad-Regime geschlossen hat, festzuhalten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Michael Frieser [CDU/CSU]: Falsch! Verkehrt!)

Herr Tören, es ist wirklich kein Argument, zu sagen, wir seien zu doof, um zu verstehen, wofür Rücknahmeabkommen gedacht seien. Es gibt Regime in der Welt, mit denen man schlicht und ergreifend keine Verträge schließt, auch wenn man es darf und wenn man es kann.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Wir sagen: Die Bundesregierung hat es in der Hand. Sie können unverzüglich einen Abschiebestopp für syrische Flüchtlinge aus der Bundesrepublik Deutschland verhängen. Sie können auch endlich gegenüber den Bundesländern sicherstellen, dass kein Syrer mehr bei der syrischen Botschaft in Berlin vorgeführt wird. Eine Vorführung ist nicht nur für die syrischen Staatsangehörigen gefährlich, sondern auch für ihre Familienangehörigen, die noch in Syrien sind und dort mit Repressionen zu rechnen haben, wenn die Personalien festgestellt werden.

Das ist keine rein theoretische Debatte; denn die Ausländerbehörde in Magdeburg hat am 23. November 2011 mehrere syrische Staatsangehörige zur Vorsprache in der Botschaft in Berlin aufgefordert. Daraufhin ist der Klageweg beschritten worden, und das Verwaltungsgericht Magdeburg hat dann festgestellt, dass so etwas in diesen Zeiten rechtlich nicht zulässig ist. Ich darf hinzufügen: Diese Praxis ist auch unmenschlich und sollte nicht fortgesetzt werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Deswegen unterstreiche ich für meine Fraktion ausdrücklich die Worte, die Frau Jelpke hier gefunden hat. Die einzigen Maßnahmen, mit denen wir uns ehrlich gegen die syrische Regierung und an die Seite der syrischen Opposition stellen können, wären die Kündigung dieses Abkommens, der Erlass eines Abschiebestopps und die Beendigung der Botschaftsvorführungen.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Es geht auch nicht, die Flüchtlinge nach Ungarn abzuschieben. So blauäugig wie Herr Tören bin ich nicht. Nur weil die ungarische Regierung eine Rechtsauskunft erteilt, muss diese nicht unbedingt stimmen. Ich nehme es aber dem Herrn Staatssekretär ab, dass Ungarn neuerdings – das war für mich neu – nicht mehr als sicherer Drittstaat gilt. Bis vor kurzem wurden nach meiner Kenntnis Flüchtlinge, die aus Deutschland nach Ungarn im Dublin-II-Verfahren abgeschoben wurden, von Ungarn nach Damaskus weiter abgeschoben und waren dann perdu. Man weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. In einen Traumurlaub wird sie das Regime allerdings nicht geschickt haben.

Menschenrechtspolitik, die glaubwürdig ist, fängt im eigenen Land an. Sie kann nicht nur gegenüber diktatorischen Regimen im Ausland praktiziert werden.

Herzlichen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Vizepräsident Eduard Oswald:

Vielen Dank, Kollege Josef Winkler.

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