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Bundestagsrede von Kai Gehring 14.06.2012

Lehrerausbildung

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Das Image der Lehrer in Deutschland hat sich verbessert. In der Studie „Lehre(r) in Zeiten der Bildungspanik“ des Allensbach-Instituts, die im April 2012 veröffentlicht wurde, landeten die Lehrer im Bezug auf Ansehen auf dem vierten Platz hinter Ärzten, Krankenschwestern und Polizisten. In derselben Studie beklagte sich die Hälfte der befragten Lehrkräfte, dass sie sich durch ihre Ausbildung nur unzureichend auf ihre Arbeit vorbereitet fühlten. Unter den jungen Lehrern, die bis zu fünf Jahre im Beruf sind, waren es sogar 62 Prozent. Das zeigt überdeutlich: Eine bessere Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften ist eine beständige Herausforderung für alle Länder und Hochschulen. Ein Förderprogramm von Bund und Ländern zur Verbesserung der Lehrerbildung kann ein sinnvoller Ansatz sein, gute Beispiele zu unterstützen, die dann idealerweise Impulse für die Verbesserung der Lehrerbildung an anderen Hochschulen auslösen.

Gute Schulen brauchen gute Lehrerinnen und Lehrer. Die konkreten beruflichen Anforderungen an sie wachsen und müssen bei einer Erneuerung der Lehrerausbildung maßgeblich sein. Im Schulalltag sind hohe fachliche Qualifikationen genauso gefordert wie zunehmend anspruchsvolle didaktische Qualitäten oder diagnostische und evaluative Kompetenzen. Neben erzieherischen und betreuenden Kompetenzen benötigen Lehrkräfte die Fähigkeiten zur Qualitätsentwicklung und klugen Selbstverwaltung. Studium und Referendariat müssen darauf dringend besser vorbereiten und können so die Basis schaffen für pädagogische Eigenverantwortung, hohe Unterrichtsqualität und ein demokratisches Schulklima mit sozialem Zusammenhalt.

Wer höchste Lernleistungen und Chancengleichheit will, muss alle Schülerinnen und Schüler nach ihren individuellen Potenzialen fördern und darf kein Talent vergeuden. Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen deshalb im professionellen Umgang mit Heterogenität ausgebildet sein, um produktiv mit der gewachsenen Vielfalt ihrer Schülerschaft umgehen zu können.

Unterschiedliche soziale Lebenslagen in unserer Einwanderungsgesellschaft erfordern eine schulische Lehr- und Lernkultur, die Integration und Inklusion in den Mittelpunkt guter pädagogischer Praxis rückt. Eine reformierte Lehrerausbildung ist daher ein Schlüssel für beste Bildung vor Ort. Sie muss Teamfähigkeit stärken, da selbstständige Ganztagsschulen mit Personalmix diese brauchen, und sie sollte Lehrkräfte stärker zur Interdisziplinarität befähigen: Es braucht nicht nur die Fähigkeit zur Verständigung zwischen Schulfächern, sondern unter anderem auch mit Sozialarbeit, Gesundheitsprävention und kommunaler Quartiersentwicklung. Denn Schulen werden heute vielerorts zum zentralen Baustein lokaler Bildungslandschaften.

Diesen modernen Ansprüchen genügt der Antrag der Regierungsfraktionen nicht. Es ist zweifelhaft, dass die von Union und FDP skizzierte „Initiative zur Stärkung der Exzellenz in der Lehrerausbildung“ zu einer flächendeckenden Verbesserung der Lehrerbildung in Deutschland führen wird.

Erstens scheint das Prinzip der individuellen Förderung in den Köpfen und Herzen von CDU/CSU und FDP immer noch nicht angekommen zu sein.

Zweitens beschränken sich die Regierungsfraktionen fast völlig auf die Ausbildung von Lehrkräften, ihre Fort- und Weiterbildung wird nur alibimäßig erwähnt. Dabei zeigen die Zahlen über Alterskohorten, dass hier ein riesiger Bedarf liegt. Niemand kann und darf warten, bis es zu einem kompletten Austausch der Lehrkräfte gekommen ist. Fort- und Weiterbildung müssen gleichrangig zur Ausbildung von Lehrkräften gesehen werden.

Drittens ist es erstaunlich, dass Schwarz-Gelb das Kooperationsverbot in der Bildung nicht anrührt, dann aber in ihrem Parlamentsantrag formuliert, die Bundesregierung solle mit dem Qualitätswettbewerb darauf hinwirken, „dass auch die länderübergreifende Anerkennung von Ausbildung und Abschlüssen in der Lehrerausbildung und damit eine verbesserte Mobilität von Studierenden und Lehrkräften als Ziele des Wettbewerbs verankert werden“. Damit erkennen auch die Fraktionen von Union und FDP die dringende Notwendigkeit an, dass Bund und Länder in einem zentralen Bereich der Bildungspolitik kooperieren. Es geht ihnen also nicht nur um abstrakte Exzellenz der Hochschulbildung für eine Fächergruppe, sondern es geht auch ihnen um die praktische Verbesserung der Schulen. Darum, liebe Kolleginnen und Kollegen von Union und FDP: Seien Sie ehrlich, öffnen Sie die Verfassung auch im Bildungsbereich, und ermöglichen Sie dort endlich Kooperation!

Bundesbildungsministerin Schavan muss endlich aus ihren Fehlern lernen und mehr Steuerungs- und Verhandlungsgeschick beweisen, damit mehr Bund-Länder-Kooperation möglich wird und eine echte Offensive für die Lehrerbildung herauskommt. Sonst wird Schavan einmal mehr als Ankündigungsministerin dastehen, wie bei den mickrigen Deutschlandstipendien, dem ad acta gelegten Zukunftskonto für jedes Kind, den zusammengeschrumpften lokalen Bildungsbündnissen oder dem gescheiterten Plan einer „Akademie für die Lehre“.