Bundestagsrede von 28.06.2012

Historische Rolle der USA

Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Nun hatte die Koalition den Jahrestag der Reagan-Rede vor dem Brandenburger Tor schon in der letzten Sitzungswoche verpasst. Ihr Antrag datierte vom 12. Juni, just diesem Jahrestag. Die Debatte sollte zwei Tage später stattfinden und fiel dann aus.

Jetzt hinkt der Antrag Wochen hinterher und ist zur Gestaltung dieses Tages schlicht überholt. Mit den Forderungen werden im übrigen offene Türen eingerannt und die Begründung ist Geschichtsklitterung à la CDU: Große Männer machen Geschichte, allen voran Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir dieser Klippschule für Junge Unionisten zustimmen werden.

Eine zusätzliche Ehrung für den verstorbenen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan ist nicht notwendig. Es gab eine Ehrung zum Jahrestag am Pariser Platz, von ihm geschenkte Texas-Gäule stehen als Standbild in der Clayallee, neben dem Springer-Verlag wurde eine Gedenkplatte enthüllt, und last but not least ist er Ehrenbürger der Stadt Berlin. Dies ist die höchste -Ehrung überhaupt, die diese Stadt zu vergeben hat.

Die Berlinerinnen und Berliner wissen genau, wem sie die Freiheit des westlichen Teiles ihrer Stadt zu verdanken haben. An erster Stelle gilt ihre Dankbarkeit -daher John F. Kennedy und Lucius D. Clay, dem Vater der Luftbrücke. Es ist auch unvergessen, wie spät sich der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer nach dem Mauerbau in der Stadt sehen ließ. Konsequenterweise musste die Umbenennung des Kaiserdamms in Konrad-Adenauer-Damm aufgrund anhaltender Bürgerproteste rückgängig gemacht werden. Erst ein neu geschaffener Platz konnte nach ihm benannt werden.

Ebenso unvergessen ist der Goebbels-Gorbatschow-Vergleich von Helmut Kohl. Anders als dieser Altkanzler haben die Menschen in Ostberlin sehr wohl die Chance gesehen, die seine Politik der Perestroika bot. Seinen Namen haben sie bei Demonstrationen gerufen, nicht den von Ronald Reagan.

Eine Bedeutung von Reagans Rede für die friedliche Revolution in der DDR oder den Fall der Mauer lässt sich nicht nachweisen. Die Bürgerbewegung in der DDR war auch immer eine Friedensbewegung. Von daher verbot sich jede Bezugnahme auf den erklärten Sternenkrieger Ronald Reagan, der vom biblischen Armageddon, der Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse, -fabulierte und die sogenannten Contras in Lateinamerika ebenso bewaffnete wie die Islamisten in Afghanistan.

Von daher war es nicht verwunderlich, dass der -Reagan-Besuch vor allem wegen der Proteste gegen diese Politik der Konfrontation in Erinnerung geblieben ist – vom sogenannten Lappen-Krieg gegen Transparente an Hauswänden bis zur Totalabriegelung eines ganzen Bezirkes, Kreuzbergs, am helllichten Tage. Die Menschheit war letztlich froh, dass sie die Amtszeit dieses US-Präsidenten überlebte. Bei dieser Freude sollten wir es belassen.

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