Bundestagsrede von 22.03.2012

Organspenden/Transplantationsgesetz

Präsident Dr. Norbert Lammert:

Das Wort hat nun die Kollegin Birgitt Bender.

Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es ist gut und wichtig, dass wir mit einer breit getragenen Regelung dafür sorgen wollen, dass die Debatte um die Organspende an die Tische der Familien kommt. Hüten sollten wir uns aber vor Erfolgsmeldungen nach dem Motto: Jetzt wird alles besser. Ich glaube, wir brauchen eine offene und ehrliche Debatte, und zwar sowohl über die Bedeutung, die neue Regelungen für schwerkranke Menschen haben können, denen durch ein Spenderorgan Lebenszeit geschenkt werden kann, als auch über die Bedeutung der Regelungen für Menschen, die sich möglicherweise zum Spenden von Organen und Geweben entscheiden.

Es war schon die Rede von den 12 000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, und auch davon, dass jährlich 3 000 bis 5 000 Menschen über den Weg eines Hirntods sterben. Dass das nicht mehr sind, ist für sich genommen eine gute Nachricht, weil das bedeutet, dass bestimmte Maßnahmen wie zum Beispiel der Einbau von Airbags Menschen das Überleben ermöglichen.

Im Jahre 2010 waren es 600 dieser Hirntoten, die keinen Organspendeausweis hatten und bei denen sich auch die Angehörigen außerstande sahen, als Ausdruck des mutmaßlichen Willens der Betroffenen die Zustimmung zu erteilen. Auch wenn wir davon ausgehen, dass sich möglicherweise mehr Menschen für eine Organspende bereit erklären, und wir wissen, dass jeder Mensch bis zu sechs Menschen mit seinen Organen helfen kann, so wissen wir doch, dass die Zahl derer, deren Aussicht auf ein Spenderorgan steigt, im Verhältnis zu den 12 000 Menschen, die darauf warten, relativ gering ist. Das dürfen wir nicht verschweigen.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Volker Kauder [CDU/CSU])

Es wird auch weiterhin so sein, dass Menschen während der Wartezeit auf ein Spenderorgan versterben; denn ein lebendiges Organ ist eben kein Medizinprodukt, das beliebig reproduzierbar ist, weil es einfach hergestellt wird.

Meine Damen und Herren, ich finde, es ist auch wichtig, den Menschen zu erklären, was diese sogenannte postmortale Organspende bedeutet. Sie setzt den sogenannten Hirntod voraus. Das ist immer ein abschiedsloser Tod durch Unfall, durch Suizid oder beispielsweise durch einen besonders schweren Schlaganfall. Wer hirntot ist, ist nicht tot, sondern steht am Beginn eines Sterbeprozesses. Dieser Sterbeprozess sieht anders aus, je nachdem, ob jemand Organspender ist oder eben nicht. Man muss den Menschen sagen, dass es nicht mit einer Organspende vereinbar ist, wenn sie beispielsweise eine Patientenverfügung haben, die ausschließt, am Lebensende intensivmedizinisch behandelt zu werden; denn eine Organspende erfordert genau diese intensivmedizinische Behandlung. Es ist wichtig, dass die Menschen das wissen.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN)

Durch die Organspende verändert sich natürlich der Sterbeprozess. Dies ist ein Eingriff in den Sterbeprozess. Wir wissen nicht genau, ob dies für die Betroffenen noch eine Bedeutung hat. Weil wir das aber nicht so genau wissen, ist es besonders wichtig – ich sage das an die Adresse von Herrn Gysi –, dass nicht der Staat darüber entscheidet, ob jemand zum Organspender wird, sondern ausschließlich der Mensch selber oder notfalls die Angehörigen in Ermittlung seines Willens.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der CDU/CSU)

Auch dann, wenn ein Organspendeausweis vorliegt und die Angehörigen damit der Verantwortung enthoben sind, diese Entscheidung zu treffen, sind sie doch in einer sie schwer belastenden Situation, weil sie diesen abschiedslosen, plötzlichen Tod erleben und sich von einem Körper verabschieden sollen, der warm ist, durchblutet ist und vielleicht schwitzt. Das ist etwas anderes als der Abschied von einem erkaltenden Leichnam. Deswegen wird es auch bei Vorliegen eines Organspendeausweises immer Gespräche mit den Angehörigen geben müssen, die all das zu verkraften haben. Das sei an die Adresse derjenigen gerichtet, die glauben, man könne sich diese als belastend empfundene Kommunikation vom Halse schaffen. Das darf man nicht, meine Damen und Herren. Die Angehörigen haben auch Rechte.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP und der LINKEN)

Deswegen sage ich: Nur wenn wir diese angesprochenen Bereiche nicht tabuisieren, sondern offen und ehrlich darüber reden, wird es uns gelingen, diese Debatte tatsächlich an die Familientische zu tragen, und dann werden Menschen ihre Entscheidung treffen. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass die Organisation und die Abläufe in den Kliniken in Bezug auf eine Organspende mindestens genauso wichtig sind wie der Punkt, ob Menschen nach ihrer Bereitschaft, Organe zu spenden, gefragt werden. Insofern ist auch das ein wichtiger Aspekt, den wir hier beraten werden.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

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