Bundestagsrede von 23.03.2012

Agrarpolitischer Bericht 2011

Vizepräsidentin Petra Pau:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat die Kollegin Cornelia Behm das Wort.

Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das Thema Klimaschutz in der Landwirtschaft kommt im Agrarbericht so gut wie gar nicht vor. Dort stehen ein paar Zeilen mit Allgemeinplätzen, aber Handlungsvorschläge für die Land- und Forstwirtschaft sucht man darin vergebens. Dabei kommen wir überhaupt nicht umhin, Klimaschutz und Landwirtschaft zusammenzudenken.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Inwieweit die Landwirtschaft aber Betroffene des Klimawandels ist oder ob sie ihn bremst oder anheizt, hängt in starkem Maße von der Bewirtschaftungsform ab.

In der ersten Lesung zu unserem Klimaschutzantrag hat der Kollege Röring den Vorwurf erhoben, wir würden die Augen vor der Realität verschließen und in ideologische Wunschvorstellungen flüchten, anstatt effektive Lösungswege zu erschließen.

(Johannes Röring [CDU/CSU]: Genau so ist es! Das werde ich gleich wiederholen!)

Herr Röring, diesen Vorwurf müssten Sie ebenso an den Weltagrarrat, an den Sachverständigenrat für Umweltfragen und darüber hinaus an breite Teile der Gesellschaft richten; denn sie erheben die gleichen Forderungen wie die, die in unserem Antrag formuliert sind. Es sind eher die Kollegen aus dem schwarz-gelben Lager, die die Augen vor der Realität verschließen.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Johannes Röring [CDU/CSU]: Das sind Fachleute!)

Es ist eine Binsenweisheit, dass energieintensive Bewirtschaftungsformen die Landwirtschaft zum Verursacher von Treibhausgasemissionen machen. Deshalb ist es angesichts der mehrfachen Herausforderungen, vor denen die Landwirtschaft steht – Welternährung, Erhalt der Biodiversität und Klimawandel –, besonders wichtig, die Klimabilanz durch Maßnahmen der Energieeinsparung und -effizienz zu verbessern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Willi Brase [SPD])

Die stereotype Antwort von Union und FDP auf diese Herausforderungen ist aber, dass die Landwirtschaft effizient und intensiv betrieben werden muss.

In den Augen der Regierungskoalition heißt effizient: industrialisierte Landwirtschaft mit viel und teurer Technik,

(Friedrich Ostendorff [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, so ist es!)

Abbau von Arbeitsplätzen, Massenproduktion und Segregation der Landnutzung zulasten der Biodiversität.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Für die Agrarpolitiker auf der rechten Seite des Hauses bedeutet intensiv, einige wenige Hochleistungssorten weltweit anzubauen, gentechnisch veränderte Pflanzen zur Absatzförderung für Herbizide,

(Dr. Christel Happach-Kasan [FDP]: Das ist doch Unsinn!)

chemischsynthetische Pflanzenschutzmittel und Stickstoffdünger satt.

(Friedrich Ostendorff [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es!)

Darin steckt viel Energie. Das hat mit Klimaschutz nichts zu tun.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Aus grüner Sicht bekommen diese beiden Begriffe, angewandt auf die Landwirtschaft, eine völlig andere Bedeutung. Uns Grünen geht es um ökologische Intensivierung, das heißt die Ressourcen vor Ort effizient nutzen, Innovationen, gut ausgebildete Arbeitskräfte, in regionalen Kreisläufen wirtschaften, Bewahrung der Agrobiodiversität und vielgliedrige Fruchtfolgen mit Stickstoffzehrern, aber auch mit Stickstoffmehrern. Nur so kann man die Landwirtschaft klimatauglich machen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Der dauerhafte Erhalt von Grünland und Mooren ist im Hinblick auf die Klimawirkung der Landwirtschaft effizient. Denn hier wird CO2 lang anhaltend gebunden. Die ackerbauliche Nutzung dieser Standorte macht die Landwirtschaft hingegen zum Klimakiller. Übrigens hat die EU gerade erst in der vergangenen Woche Klimabilanzen von Land- und Forstwirtschaften gefordert. Jetzt können Sie sich nicht mehr wegducken.

In unserem Antrag haben wir Vorschläge für einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft gemacht. Sie soll intensiv und effizient für das Klima, für die Welternährung und für die biologische Vielfalt sein – nicht aber für Agrarkonzerne und die Chemieindustrie.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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