Bundestagsrede von Kai Gehring 01.03.2012

Alphabetisierung und Grundbildung

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die „Level-One-Studie“ zum Analphabetismus in Deutschland hat einen der größten bildungspolitischen Skandale offengelegt: Analphabetismus ist im technologisch hoch entwickelten Land der Dichter und Denker kein Randphänomen weniger, sondern ein existenzielles Problem viel zu vieler. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns als Bundestag mit darum kümmern, das Problem zu lösen.

Das Ausmaß des Analphabetismus ist erschreckend: Rund 7,5 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter sind funktionale Analphabeten. Sie sind also nicht in der Lage, den Sinn eines einfachen Textes zu verstehen. Ihre sozialen, beruflichen, ökonomischen und kulturellen Teilhabechancen sind massiv eingeschränkt. Das alltägliche Leben der Betroffenen ist häufig geprägt von Scham, Vertuschung und Ignoranz der Gesellschaft.

Die FAZ hat den Umgang mit funktionalen Analphabeten zutreffend mit der Schlagzeile „durchgereicht und weggelogen“ beschrieben. Dringend notwendig ist daher eine Enttabuisierung des Themas. Besonders das Bildungswesen, Sozialpartner und die Medien sind zu einem verantwortungsvollen Umgang aufgefordert.

Angesichts immer höherer Anforderungen im Arbeitsleben werden die Chancen von Menschen mit mangelnder Grundbildung immer schlechter. Hier haben Erwachsenenbildung, Volkshochschulen und Bundesagentur für Arbeit eine wichtige Funktion. Die Arbeitgeber sind zudem aufgefordert, diese Menschen gezielt zu unterstützen und die Weiterbildung auszubauen. Die Bundesregierung hat es aber versäumt, die Förderung der Weiterbildung gerade für Menschen mit niedrigem Einkommen zu verbessern. Hier müssen Sie dringend liefern!

Wir benennen in unserem grünen Antrag wirkungsvolle Maßnahmen, die Staat und Zivilgesellschaft ergreifen müssen: Bei den Alphabetisierungskursen legen wir Wert auf einen deutlichen Ausbau, verbunden mit ÖA-Kampagnen, auf Qualitätssicherung und Zielgruppenorientierung. Wichtig ist uns, dass Alphabetisierungsangebote Genderaspekte stärker berücksichtigen. Dies betrifft den überdurchschnittlich hohen Anteil männlicher Analphabeten. Ebenso gilt es, etwa in den Integrationskursen, gerade Frauen mit Migrationshintergrund kultursensibel anzusprechen.

Mit Blick auf besonders benachteiligte Gruppen ist es absolut falsch, dass Programm „Soziale Stadt“ kaputtzusparen. Richtig wäre, in diesem Rahmen niedrigschwellige Angebote zur Alphabetisierung und Grundbildung stärker zu verankern. Dies haben die Sachverständigen bei der Anhörung des Bildungsausschusses bestätigt. Dort herrschte Unverständnis, warum der Pakt für Alphabetisierung so wenig vorankommt und öffentlich kaum wahrnehmbar ist. Das muss sich ändern!

Bestürzend ist, dass Analphabetismus viele junge Menschen betrifft, die gerade erst die Schule verlassen haben – der übergroße Teil mit Schulabschluss: So sind 20 Prozent der 18- bis 29-Jährigen funktionale Analphabeten oder sehr schwach in Rechtschreibung. Dies zeigt Versagen und Mängel unseres Bildungssystems. Das muss sich ändern!

Eine frühzeitige Sprachbildung, individuelle Förderung von Anfang an bis hin zur Jugend- und Schulsozialarbeit sind daher unverzichtbar. Bildungsarmut darf in Deutschland nicht weiterhin stärker als in anderen OECD-Ländern vererbt werden.

Das Ziel ist klar: Keine Schülerin und kein Schüler darf die Schule ohne ausreichende schriftsprachliche Kompetenzen und ohne solide Grundbildung verlassen. Dies ist nicht nur eine volkswirtschaftliche Konsequenz aus dem demografischen Wandel, sondern vor allem die Umsetzung fundamentaler Rechte auf Bildung und Teilhabe.

Der Nationale Pakt für Alphabetisierung und Grundbildung darf kein Placebo sein, sondern muss endlich klare, ambitionierte Zeit- und Zielpläne erhalten. Wir sollten uns – als Konsequenz aus der Anhörung – dabei an erfolgreichen nationalen Strategien wie der in Großbritannien orientieren. Im Vergleich dazu sind die Aktivitäten der Bundesregierung leider qualitativ und quantitativ ein Tropfen auf den heißen Stein. Öffentlichkeitswirksame Kampagnen wären ein Anfang und das Mindeste, sie ersetzen aber kein strategisches Gesamtkonzept.

Bis zur „Bildungsrepublik“ Deutschland ist auch an dieser Baustelle noch viel zu tun. Bessere Perspektiven der Betroffenen müssen uns allen ein Ansporn zu entschlossenem Handeln sein. Bund und Länder dürfen diesen Bildungsskandal nicht verwalten, sondern müssen Lösungen gestalten.

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