Bundestagsrede von 29.03.2012

Rahmenprogramm Gesundheitsforschung

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Im Rahmenprogramm Gesundheitsforschung der Bundesregierung sehen wir Grüne positive, aber auch eine Reihe kritischer Aspekte. Positiv hervorzuheben ist, dass die Bereiche Prävention, Versorgung sowie globale Herausforderungen – und hierunter auch das Thema vernachlässigte Krankheiten – aufgerufen und als wichtige Aktionsfelder der Gesundheitsforschung identifiziert werden. Angesichts ihrer finanziellen Ausstattung muss man andererseits allerdings auch feststellen: Um eine angemessene und echte Fokussierung auf diese Felder handelt es sich dabei noch nicht. Das ist ausbaufähig und sollte weiter vorangebracht werden.

Noch unterbelichtet sind im Rahmenprogramm bislang Forschungsperspektiven, die sozial-medizinische Dimensionen von Krankheit und Gesundheit in den Blick nehmen. Ich denke da an Beiträge, die die Forschung dazu leisten kann, um bei Prävention und Versorgung mehr Zugangs- und Teilhabegerechtigkeit zu gewährleisten. Wie können Prävention, rehabilitative Ansätze und Versorgungsansätze beispielsweise so verbessert werden, dass davon nicht allein Menschen aus der Mittelschicht profitieren, dass sie auch Bedürfnisse und Lebenslagen von Menschen berücksichtigen, für die gesunde Lebensweise oder die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten weniger selbstverständlich sind? Das sind wichtige Forschungsfragen.

Wie wären aber auch partizipative Gestaltungsprozesse, also Verfahren, bei denen Nutzerinnen und Nutzer bzw. Patientinnen und Patienten in der Entwicklung von medizinischen Produkten und Dienstleistungen einbezogen werden, im Bereich der Gesundheitsforschung besser zu integrieren? Oder: Wie kann altersspezifische Aufklärung gelingen? Wie können Erkenntnispotenziale der Genderforschung im Gesundheitsbereich besser genutzt werden?

Ein differenziert ausgearbeiteter inklusiver und partizipativer Anspruch mit Ideen für ambitionierte Konzepte fehlt dem Rahmenprogramm zur Gesundheitsforschung leider gänzlich.

Unterbelichtet sind im Rahmenprogramm nicht zuletzt Schmerz- und Pflegeforschung. Die älter werdende Gesellschaft, die Zunahme von chronisch Erkrankten, Pflegebedürftigkeit, Multimorbidität im Alter und Debatten um mehr Lebensqualität in all diesen Situationen erfordern, dass wir die Anstrengungen hier verstärken. Die Zahl pflegebedürftiger Menschen könnte sich bis zum Jahr 2050 mehr als verdoppeln. Das macht den Handlungsdruck, unter dem wir stehen, deutlich. Die meisten Menschen möchten auch im Pflegefall ein Höchstmaß an Selbstbestimmung und Selbstständigkeit. Ich finde, das ist nicht zu viel verlangt. Und dem sollte auch die strategische Ausrichtung des Rahmenprogramms zur Gesundheitsforschung Rechnung tragen. Dabei ist die Frage, wie der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisstand auch in die Qualifizierung und Weiterbildung des Fachkräftepotenzials integriert werden kann, von besonderer Bedeutung.

Der größte Anteil der finanziellen Mittel für das Gesundheitsforschungsrahmenprogramm fließt in die sogenannten Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, DZG. Ich wiederhole, was ich in den zurückliegenden Beratungen dazu betont habe: Die Schwerpunktsetzung auf die großen Volkskrankheiten und Bündelung von Kräften und Ressourcen, um die translationale Forschung zu verbessern, ist prinzipiell richtig. Die DZG werfen strukturell aber weiterhin Probleme, Fragen und Konflikte auf, die bis heute nicht gelöst werden konnten.

So stellt sich angesichts des starken Top-Down-Ansatzes, der bei den DZG verfolgt wurde, prinzipiell die Frage: Haben sich die Partner in den Netzwerken tatsächlich zusammengefunden mit dem Ziel, ihre Forschungskooperationen personell und inhaltlich auszubauen und durch den Austausch qualitativ bessere Bedingungen für die Translation zu schaffen? Oder führen sie im Wesentlichen genau das fort, was sie auch ohne das Netzwerk getan haben? Geht es den Beteiligten also primär um die pragmatische Erschließung zusätzlicher Forschungsgelder, zu denen die Partner einzeln keinen Zugang hätten, und weniger um echte Forschungskooperation? Die Antwort darauf ist entscheidend für die Frage, ob die geförderten Netzwerke tatsächlich zu einem forschungspolitischen Mehrwert führen.

Darüber hinaus sind Zweifel angebracht, ob der hehre Anspruch der Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ und zu „fairen“ Bedingungen tatsächlich in der Praxis umgesetzt und durchgehalten wird. Denn es besteht die Gefahr, dass die Helmholtz-Zentren angesichts ihrer Doppelrolle als potenzielle Geldgeber und Beteiligte die Zentrenpartner, insbesondere die universitären, dominieren. In jedem Fall birgt der Top-Down-Ansatz die Tendenz zu spannungsanfälligen Hierarchisierungen. Dies würde sich aber gerade im Feld Translation kontraproduktiv auswirken. Denn die translationale Forschung kann nur in enger und fairer Kooperation mit den Universitäten und der klinischen Praxis funktionieren. Insbesondere den Universitätskliniken kommt eine Schlüsselrolle zu: bei der schnelleren Überführung medizinischer Forschungsergebnisse in die klinische Praxis wie auch bei der Rückkopplung klinischer Fragestellungen in die Forschung.

Offen ist ferner die Frage, welche langfristigen Folgen es für die Exzellenzentwicklung im Forschungsfeld Translation hat, dass die Helmholtz-Zentren von vornherein als Partner der DZG gesetzt waren. Sie mussten sich nicht in gleicher Weise wie die anderen Partner einer Hinterfragung ihrer Exzellenz und einem wissenschaftsgeleiteten Wettbewerb um eine Beteiligung in den DZG stellen.

Außerdem bestehen Befürchtungen, es könnte zu einem Braindrain des besonders guten wissenschaftlichen Nachwuchses von den Universitäten und Universitätskliniken zu den Helmholtz-Zentren kommen. Dabei geht es aber auch um Detailfragen wie: Welchen Partnern werden die aus den DZG hervorgehenden gemeinsamen Forschungsleistungen am Ende überhaupt zugerechnet? Publikationen spielen für die wissenschaftliche Reputation von Personen und Einrichtungen nun mal eine zentrale Rolle. Wer erscheint aber in der Autorenliste künftig als Erster bei Veröffentlichungen in renommierten Zeitschriften mit hohem Impact-Faktor? Um abzusehen, ob ein produktives Verhältnis zwischen Helmholtz und ihren Partnern, insbesondere den universitären Partnern bzw. den Universitätskliniken, gelingt, brauchen wir eine frühzeitige unabhängige Evaluation sowohl der Leistungen als auch der Folgen und Risiken der neuen Strukturen.

Eine solche kritische Überprüfung ist vor allem unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten wichtig: Schließlich macht es keinen Sinn, so viel Geld in eine so umstrittene und wenig erprobte Struktur zu geben, wenn diese sich am Ende als ein problematischer Pfad herausstellen könnte, aber dann kaum noch korrigiert werden kann nach dem Motto: Wo schon so viel Geld in den Aufbau von neuen Forschungsstrukturen geflossen ist, kann die Förderung nicht mehr eingestellt werden.

Daher plädieren wir nachdrücklich dafür, die DZG-Strukturen beizeiten zu evaluieren.

 

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