Bundestagsrede von Markus Tressel 22.03.2012

Kinder- und Jugendtourismus

Markus Tressel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Die Tourismuspolitik im Bundestag zeigt immer wieder, dass wir uns über Parteigrenzen hinweg einigen können. So war das in der Vergangenheit auch beim Kinder- und Jugendtourismus, wo stets das Interesse an interfraktionellen Verhandlungen bestand. Vonseiten der grünen Bundestagsfraktion besteht dieses Interesse auch weiterhin, nicht zuletzt, weil wir mit dem Aktionsplan eine erfolgreiche Basis im Jahr 2002 gelegt haben. Die erhobenen Zahlen und Erkenntnisse, mit denen wir heute argumentieren, sind maßgeblich darauf zurückzuführen. Ich hoffe, dass die Initiative der SPD dazu führt, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und ein politisches Signal aus der Mitte des Deutschen Bundestages zu senden.

Der Antrag der Koalition hat eine schöne Prosa, aber einen – um es ganz freundlich zu formulieren – ausbaufähigen Forderungsteil. Aber das soll nicht heute im Fokus stehen. Denn der heutige Antrag der SPD geht in seinen Forderungen schon weiter. Das zeigt: Die Zuwendung aus der Opposition kann nur guttun. Wir sehen jedoch weitere Punkte, die wir gerne gemeinsam mit Ihnen diskutieren würden. Denn es fehlen weiterhin einige wichtige Zielstellungen. Der vorliegende Antrag der SPD weist zumindest in der Begründung darauf hin, dass wir eine soziale Dimension zu beachten haben. Einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit zufolge besteht für circa 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland die Gefahr, nicht am Kinder- und Jugendtourismus teilnehmen zu können. Betroffen von Armut sind oft junge Menschen, die in Familien leben, in denen die Eltern arbeitslos sind oder sehr wenig verdienen, welche einen Migrationshintergrund haben, welche kinderreich sind oder die aus Alleinerziehenden bestehen. Die Teilhabe am Reisen unterstützt jedoch eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Über die positiven Effekte von Kinder- und Jugendreisen besteht aber ohnehin Konsens. Deshalb lassen sie uns dieses Ziel gemeinsam erreichen. Wenn wir es denn wirklich ernst meinen, müssen wir gemeinsame Antworten finden, anstatt uns im politischen Klein-Klein zu streiten. Ich muss auch darauf aufmerksam machen, dass unsere Kolleginnen und Kollegen in den Ländern hier entscheidende Rollen einnehmen. Es wäre also dringend geboten, im Rahmen einer Bund-Länder-Koordinierung für gemeinsame Ziele zu werben. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass es wichtig wäre, wenn alle Fraktionen des Deutschen Bundestages eine solche Initiative unterstützen würden. Sie kennen die Mehrheitsverhältnisse in den Ländern. Es wäre also nicht allein des politischen Prozesses wegen äußerst hilfreich, hier interfraktionell zu agieren.

Ich habe es vor wenigen Wochen gelassen, und ich unterlasse es auch heute, genauer auf den Antrag einzugehen. Dazu bleibt in den Ausschüssen genug Zeit. Stattdessen möchte ich neben der Bedeutung eines interfraktionellen Antrags auch die Ziele grüner Politik darlegen.

Wir wollen, dass auch Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien am Tourismus teilnehmen können. Das betrifft mehr als 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Sie nehmen schon heute deutlich weniger an Reisen teil. Auch öffentlich geförderte Kinder- und Jugendreisen sind dabei sowohl im Kontext von Kinder- und Jugenderholung als auch bezogen auf die internationale Jugendarbeit seit den 1990er-Jahren rückläufig. Es wundert daher nicht, dass die Urlaubsintensität der Deutschen bis zu 13 Jahre ein Rekordtief seit seiner Erfassung erreicht hat. Um dem wirkungsvoll zu begegnen, helfen keine Prüfaufträge. Da hilft nur gemeinsames Agieren!

Wir brauchen zudem Maßnahmen im Bereich Ernährung, Verpflegung, Gesundheitsvorsorge, Prävention und nachhaltiger Bildung. Heutzutage gibt es doppelt so viele übergewichtige sowie adipöse Kinder und Jugendliche wie vor 20 Jahren. Wir müssen auch Antworten auf den „Sauftourismus“ finden. 35 Prozent der jungen Erwachsenen als auch 35 Prozent der Jugendlichen ohne Begleitung wählen Spaß-, Fun- und Partyurlaub.

Was wir brauchen, ist eine Sensibilisierung für bundesweite Qualitätsstandards. Höchstens 5 Prozent der Unterkünfte sind mit dem Qualitätssiegel Kinder- und Jugendreisen zertifiziert. Weitere Siegel sind „QMJ Sicher Gut!“, „Mit Sicherheit pädagogisch!“ und „GUT DRAUF“. Sie alle sind kaum bekannt.

Qualität und Nachhaltigkeit gehören zusammen. Doch knapp 50 Prozent der Schüler fällt nichts zum Thema Nachhaltigkeit ein, und nachhaltige Angebote im Kinder- und Jugendreisebereich liegen unter 10 Prozent.

Wenn wir den Kinder- und Jugendreisesektor stärken wollen, müssen wir seine zunehmende ökonomische Bedeutung in den Vordergrund stellen. Das kann allerdings zu einer wachsenden Kommerzialisierung des Sektors führen. Vor diesem Hintergrund ist es besonders problematisch, wenn gemeinnützige Träger unter einer dramatischen Senkung öffentlicher Förderung um 30 Prozent leiden.

Wir brauchen auch Kenntnisse über den Zustand der Einrichtungen im Kinder- und Jugendreisebereich. Es herrscht aber nicht nur Unwissenheit über den Zustand der Einrichtungen, es fehlen auch weiterhin geeignete Maßnahmen. Das Einzige, was wir quantifizieren können, ist die Zertifizierung der Häuser: Nur 300 von 6 000 bis 8 000 sind zertifiziert. Wir haben also einiges vor uns.

Die Qualifizierung der meist ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuer inklusive einer Bescheinigung ist ebenso vonnöten wie der bundesweite Erwerb der Jugendleitercard. Seit Juni 2009 gibt es bundeseinheitliche Qualitätsstandards der Jugendleitercard, und mittlerweile besitzen circa 300 000 Ehrenamtliche das Dokument. Das müssen wir weiter konstruktiv begleiten.

Über die internationale Dimension ist bislang wenig gesprochen worden. Ein Ausbau der Beziehungen zu den EU-Staaten und den Nachbarländern ist aber wichtig. Durch das EU-Aktionsprogramm „JUGEND“ wurden von 2006 bis 2010 13 Millionen Euro für Deutschland bereitgestellt. Es werden auch etwa 400 000 Jugendliche durch Förderprogramme des Familienministeriums erreicht. Dazu muss man in diesem Zusammenhang über Stiftungen, Erasmus, InWEnt gGmbH, DED, Auslands-BAföG, Freiwilligendienstprogramme und vieles mehr diskutieren.

Der Austausch von Kinder und Jugendlichen, insbesondere von Schulklassen muss gestärkt werden. Ein Wettbewerb, den man mit positiven Zielen wie Nachhaltigkeit, Qualität, Ernährung, Bewegung etc. verbinden sollte, würde auch die Kinder und Jugendlichen bei der Ausgestaltung einer solchen Reise unterstützen und sie spielerisch lehren, sich damit auseinanderzusetzen. Das betrifft im Übrigen etwa 2 Millionen Schülerinnen und Schüler, die im Rahmen einer Schulfahrt pro Jahr verreisen. Das bringt etwa einen Umsatz von 300 Millionen Euro. Doch laut Experten ist auch hier die Tendenz fallend.

Ich komme zum Schluss: Der Kinder- und Jugendtourismus steht erst am Anfang einer notwendigen (Weiter-) Entwicklung. Das Ziel, allen Kindern und Jugendlichen die Teilhabe am Reisen zu ermöglichen, ist noch lange nicht erreicht. Lassen Sie uns zusammenarbeiten sowie konstruktiv und erfolgversprechend auf dieses Ziel hinarbeiten.

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