Bundestagsrede von Dr. Tobias Lindner 28.03.2012

Aktuelle Stunde "Wettbewerbsnachteile wegen Nichterfüllung der Frauenquote"

Vizepräsidentin Petra Pau:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat nun der Kollege Dr. Tobias Lindner das Wort.

Dr. Tobias Lindner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich bin mit einer Frau verheiratet – –

(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

– Sie wird sich freuen, dass Sie klatschen. Das ist aber nicht das Argument. – Ich bin mit einer Frau verheiratet, die Karriere machen möchte.

(Beifall bei Abgeordneten der FDP – Rita Pawelski [CDU/CSU]: Sehr gut!)

Ich bin mit einer Frau verheiratet, die mich als Mitglied im Haushaltsausschuss nach der Bereinigungssitzung zu Hause mit einem Wischmopp begrüßt hat. Sie hat gesagt: Schatz, du hast eine sitzungsfreie Woche – Bereinigungssitzung in dieser Wohnung ist auch mal wieder notwendig.

(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der FDP)

Wenn Kollegen wie Herr von Polheim Begriffe wie „goldene Röcke“ verwenden, dann ist das eine bodenlose Unverschämtheit gegenüber Frauen wie meiner Gattin. Das wird nur noch dadurch getoppt, dass der Kollege, nachdem er eine solche Rede hier im Bundestag gehalten hat, aus dem Plenarsaal geflüchtet ist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN – Christian Lange [Backnang] [SPD]: Das sagt alles! – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mit wehenden goldenen Röcken aus dem Plenarsaal!)

Die Bundesfrauenministerin sagt, eine Selbstverpflichtung reiche aus. Frauen wollten kein Mitleid, sondern eine faire Chance. Das ist die Welt, die Kristina Schröder oder Herr von Polheim gerne hätten. Aber sind wir doch einmal ehrlich; schauen wir uns an, was in den letzten zehn Jahren beim Thema Frauen in Führungspositionen geschehen ist. Ihre Vorstellungen grenzen schon fast an Wunderheilung und Wunschdenken. Wenn man berücksichtigt, dass mehr Frauen als Männer an Universitäten erfolgreich ein Studium beenden und dabei meist schneller und erfolgreicher sind als Männer, muss man sich umschauen und fragen: Was ist mit einer Promotion? Was ist mit einer Habilitation? Was ist mit Frauen in Führungspositionen? Eigentlich gibt es nur zwei Thesen: Entweder werden Frauen nach dem Abschluss ihres Studiums dümmer und unfähiger, und es gibt irgendeinen Bruch, oder es gibt andere Gründe.

Die Welt, die Sie gerne hätten, ist die Welt der Selbstverpflichtung. Schauen wir uns das einmal an: In den letzten zehn Jahren ist die Frauenquote in DAX-Vorständen von 2,5 auf 3,7 Prozent gestiegen. Dies ist – ähnlich verhält es sich mit der FDP – statistisch kaum messbar.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Miriam Gruß [FDP]: Ha, ha! Selten so gelacht!)

Die Welt ist leider nicht so, wie Sie sie gerne hätten. Wenn Sie nichts tun, dann wird der Riss zwischen der Welt, die Sie gerne hätten, und der Realität nur noch größer. Das wird dann massive Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland und auf die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft haben.

Es gibt im Wesentlichen zwei Argumente, die man – unabhängig davon, ob man diesen Vermerk kennt oder nicht – sehr leicht nachvollziehen kann. Ich habe vor fünf Jahren mein Studium beendet. Wenn ich mit Kommilitoninnen von damals rede und sie frage, was sie jetzt beruflich machen, dann höre ich oft: Ich bin zu einem ausländischen Unternehmen gegangen. Wenn ich nach den Gründen dafür frage, bekomme ich unter anderem als Antwort: In deutschen Unternehmen ist es für mich als Frau schwer, in eine Führungsposition zu kommen. Ausländische Unternehmen sind hinsichtlich der Kinderbetreuung und verpflichtender Quoten weiter. Ich habe Angst, dass ich in Deutschland keine Karriere machen kann. – Das ist ein Teil der Realität.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Yvonne Ploetz [DIE LINKE])

Ein anderes Argument ist: Wenn wir uns in Europa umschauen, sehen wir, dass fünf Länder bereits eine Frauenquote eingeführt haben. In vielen Ländern ist die Diskussion viel weiter als in Deutschland, nicht nur in der Politik und der Rechtslage, sondern auch in der Gesellschaft. Wenn in solchen Ländern Aufträge vergeben werden, sei es durch die öffentliche Hand oder durch private Unternehmen, besteht die Gefahr, dass es für deutsche Unternehmen immer mehr zum Wettbewerbsnachteil wird, dass zu wenige Frauen in Führungspositionen sind. Beispielsweise hat die Deutsche Telekom ihren Frauenanteil im Vorstand erhöht; denn sie steht in Konkurrenz zur spanischen Telefónica, die in dieser Hinsicht schon viel weiter ist. Diesen Zustand müssen wir beenden, und zwar durch eine gesetzliche Frauenquote.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Europa ist viel weiter; das habe ich schon gesagt. Wir erleben in dieser Debatte Stereotypen, wie wir sie bei anderen Themen in der Europapolitik gewohnt sind. Zuerst dementiert die Bundesregierung, dass sie etwas will. Dann dementiert sie es entschieden und härter, und dann – schauen Sie sich nur die Euro-Debatte an – knickt die Bundesregierung ein. Meine Damen und Herren von der Koalition, für die Frauen und für die Unternehmen in Deutschland müssen Sie sich nicht einmal einen Ruck geben. Uns würde genügen, wenn Sie bei diesem Thema einknicken.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

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