Bundestagsrede von 29.03.2012

Sicherheit auf Kreuzfahrtschiffen

Dr. Valerie Wilms (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Am 13. Januar dieses Jahres kollidierte das italienische Kreuzfahrtschiff Costa Concordia mit einem Felsen vor der Insel Giglio in Italien. Die Folgen waren schwerwiegend, da das Schiff binnen kurzer Zeit auf Grund lief. Eine Umweltkatastrophe konnte im letzten Moment noch verhindert werden. Über die Gründe des Unfalls kann nur spekuliert werden, solange die Seeunfalluntersuchung noch nicht abgeschlossen ist. Den Passagieren, die zu diesem Zeitpunkt an Bord waren, möchte ich an dieser Stelle meine Anteilnahme ausdrücken. Bei dem Unglück verloren wohl 32 Menschen ihr Leben. Alle anderen Reisenden mussten ihre Urlaubsreise abbrechen und fuhren mit den schrecklichen Erlebnissen wieder nach Hause. Nicht nur die Reederei des Unglücksschiffes, sondern die gesamte Kreuzfahrtbranche hat seitdem mit starken Imageverlusten zu kämpfen.

In den vergangenen Jahren hat sich die Kreuzfahrtschifffahrt zu einem großen Markt entwickelt. Kaum ein anderer Tourismussektor legte ein solch rasches Wachstum hin. Allein in Europa gab es zwischen den Jahren 2005 und 2010 eine Steigerung der Passagierzahlen um fast 100 Prozent, damit sogar eine deutlich stärkere Entwicklung als weltweit. Durch den rasanten Anstieg an Passagieren verstärkt sich auch die Konkurrenz zwischen den einzelnen Unternehmen: Der Kostendruck wird größer, die Vorteile der Economies of Scale wirken sich entsprechend aus. Das heißt, je größer die Schiffe sind, desto niedriger sind die Kosten des Reiseveranstalters pro Fahrgast. Die Schiffsgrößenentwicklung ging daher unbegrenzt weiter. Die Entwicklung der Schiffsgröße legt den Verdacht nahe, dass Sicherheitsbestimmungen nicht ausreichend angepasst wurden in der Kürze der Zeit. So gibt es für die Evakuierung von Fährschiffen aktuellere Simulationsmodelle als für die in den letzten Jahren ständig größer werdenden Kreuzfahrtschiffe. Dies passt so nicht zusammen, und die Vorschriften für die Kreuzfahrtschifffahrt müssen dringend angepasst werden.

Reiseveranstalter und Werften überboten sich beim Bau neuer Kreuzfahrtriesen. Schiffe mit 8 000 Menschen an Bord sind inzwischen auf den Weltmeeren unterwegs. Dies erfordert sehr gute Managementsysteme und bedeutet eine große Anforderung für die Besatzung an Bord.

Lösungsvorschläge für eine sichere Kreuzfahrtschifffahrt sind:

Vorziehen der Sicherheitsübungen an Bord bereits vor Ablegen des Schiffes; für den Ablauf der Evakuierungsmaßnahmen müssen die Simulationsprogramme entsprechend auch für Kreuzfahrtschiffe aktualisiert werden; Verschärfung der Sicherheitsvorschriften für Rettungsmaßnahmen und ausrüstung beim Neu- und Umbau zukünftiger Kreuzfahrtschiffe

.

Der vorliegende Antrag der SPD-Fraktion zieht keine vorzeitigen Schlüsse aus dem Unfall der Costa Concordia, sondern zählt die Schwachstellen der in den letzten Jahren anscheinend zu schnell gewachsenen Branche auf. Auf allen Ebenen, also von nationaler Gesetzgebung über die europäische Ebene bis zur Internationalen Seeschifffahrts-Organisation, IMO, muss nach Lösungen gesucht werden, um die Kreuzfahrtschifffahrt frühestmöglich sicherer zu gestalten.

Aus der Katastrophe von Giglio müssen nach Bekanntwerden der Seeunfalluntersuchung die richtigen Schlüsse gezogen werden. Aber schon jetzt ist klar, dass die Kreuzfahrtschifffahrt vor neuen Aufgaben steht und sich in puncto Sicherheit dringend neu aufstellen muss.

407211