Bundestagsrede von 24.05.2012

Polarforschung

Dr. Hermann E. Ott (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Grönland wird wieder grün. Und ausnahmsweise ist dies kein Grund zur Freude. In der Arktis lässt sich das Fortschreiten des Klimawandels deutlicher als anderswo erkennen. Die Eisbedeckung der Arktis-Region ist seit Anfang der 1970er-Jahre um die Hälfte geschrumpft. Der Verlust des Eises verstärkt wiederum den Klimawandel; denn das Eis bestimmt den Grad der -Reflektion des Sonnenlichtes, regelt den Austausch von Wärme und Feuchtigkeit zwischen Meeresoberfläche und Atmosphäre und beeinflusst die Verdunstung. Auch weitere Effekte wirken sich auf den Klimawandel aus. So wird durch das Freilegen von Seen, Fjorden und Moränen Methan frei, das seit Jahrtausenden eingeschlossen war und jetzt seine klimaschädliche Wirkung entfalten kann. Das Abtauen des Eises führt nicht nur zu Besorgnis, sondern weckt auch Begehrlichkeiten. Neue Schifffahrtsrouten werden möglich, neue Zugänge zum Festland werfen auch sicherheitspolitische Fragen auf. Ressourcen, die überhaupt erst durch den Klimawandel verfügbar werden, sollen ausgebeutet werden, was wiederum den Klimawandel verstärkt. Das kann man getrost als Wahnsinn bezeichnen.

Will man die globale Erwärmung auf maximal 2 Grad Celsius begrenzen, so kann dies nur durch eine Abkehr der fossilen Wirtschaft geschehen und ganz sicherlich nicht dadurch, dass die gewaltigen fossilen Ressourcen, die in der Arktis vermutet werden, nun auch noch ausgebeutet werden. Ein Arktis-Vertrag, der diese wirtschaftliche Ausbeutung verhindert, ist für eine erfolgreiche Klimapolitik absolut notwendig und auch zum Schutz der arktischen Biodiversität unabdingbar. Die Bundesregierung muss sich hier klar positionieren. Das gehört auch zu einer glaubwürdigen internationalen Klimapolitik. Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal an die Bilder der Bundeskanzlerin erinnern, die sich mit roter Rettungsweste vor den Eisbergen Grönlands als „Klimakanzlerin“ fotografieren lassen hat. Von Rettung bisher keine Spur. Es ist endlich an der Zeit, konkret -etwas für die Polarregion zu tun. Wir brauchen eine -Arktis-Politik, die sich nicht von Handels- und Ressourceninteressen leiten lässt, sondern den Umwelt- und -Klimaschutz in den Mittelpunkt stellt. Wir brauchen einen Arktis-Vertrag, der den Herausforderungen des fortschreitenden Klimawandels und des Schwundes der -Biodiversität Rechnung trägt. Dabei kommt auch der -indigenen Bevölkerung eine tragende Rolle zu, und die Wahrung ihrer Rechte muss ein zentraler Bestandteil der Arktis-Politik sein.

Retten und schützen kann man nur, was man auch kennt. Unser Wissen über die Arktis verdanken wir der Polarforschung, die besonders in Deutschland einen -guten Ruf hat. Es gilt, diesen zu bewahren und die Forscherinnen und Forscher in ihren Bemühungen um ein besseres Verständnis dieses Lebensraumes und seiner Bedeutung bei den Abläufen des Klimawandels zu unterstützen. Insbesondere auch die internationale Vernetzung und Zusammenarbeit muss noch verstärkt werden.

Doch Forschung und Verständnis der Region und ihrer Prozesse alleine können die Arktis nicht retten. Die Politik muss die Forschungsergebnisse ernst nehmen und konkrete Maßnahmen treffen, damit der Club of Rome mit seiner wahrhaft düsteren Prognose für das Jahr 2052 nicht recht behält: eine eisfreie Arktis und ein zerstörtes Ökosystem mit schwerwiegenden Konsequenzen für den ganzen Planeten.

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