Bundestagsrede von Markus Tressel 25.05.2012

Tourismus in ländlichen Räumen

Vizepräsidentin Petra Pau:

Das Wort hat der Kollege Markus Tressel für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Markus Tressel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Touristische Entwicklungen in ländlichen Regionen, das ist eine klassische Querschnittsaufgabe. Frau Kollegin Mortler, auch ich muss Ihnen widersprechen: Das Thema Barrierefreiheit wird in Ihrem Antrag nicht einmal gestreift. Das halte ich für absolut nicht sachgerecht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Was wir brauchen, sind übergreifende Konzepte für touristische Entwicklungen. Wir müssen über demografischen Wandel, über Verkehrspolitik, über Klimapolitik, über Energiepolitik und über viele weitere Bereiche reden.

(Alexander Süßmair [DIE LINKE]: Genau! – Patrick Döring [FDP]: Dann fangen Sie doch an, zu sagen, was die Grünen wollen!)

– Lassen Sie mich doch erst einmal weitermachen. Sie brauchen mich doch nicht schon nach 30 Sekunden zu unterbrechen.

(Patrick Döring [FDP]: Machen Sie mal!)

In den Anträgen ist immer wieder, was ich sehr befürworte, von Urlaub auf dem Bauernhof die Rede. Ich halte das für ein ganz wichtiges Segment. Da gibt es große Potenziale. Ich habe jedoch die große Besorgnis, dass wir dieses umfangreiche Thema auf Urlaub auf dem Bauernhof verengen.

(Heinz Paula [SPD]: Das ist genau das
Problem, ja!)

Wir haben in den ländlichen Räumen große Herausforderungen in unterschiedlichem Ausmaß zu bewältigen: Kaufkraftverlust, demografischer Wandel, Misere der kommunalen Haushalte und Klimaveränderung, die wir in den Mittel- und Hochgebirgen schon heute zu spüren bekommen. Angesichts dessen ist ein Weiter-so, wie es propagiert wird, nicht sinnvoll.

Wir müssen uns folgende Leitfrage stellen, wenn wir eine wirklich nachhaltige Entwicklung in den Destina-tionen wollen: Wie können wir über den Tourismus die regionalen Wirtschaftsstrukturen nachhaltig verbessern? Wir haben im Moment einen sehr geringen Nettodevisenzufluss: Von 100 umgesetzten Euro bleiben nur rund 36 Euro in der Region. Das ist viel zu wenig. Deswegen müssen wir an dieser Stelle deutlich nachlegen.

Wir müssen uns weiterhin fragen: Wie wird Mobilität nachhaltig? Die Kollegen haben es vorhin angesprochen: Die Gesellschaft wird immer älter. Wir haben auch andere Probleme, was die Mobilität anbelangt. Nur dort, wo Menschen auch unter den Bedingungen veränderten Mobilitätsverhaltens gut hinkommen und wo sie auch während des Urlaubs mobil sein können, kann Tourismus wachsen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Im Zusammenhang mit dem Thema Entwicklung des ländlichen Tourismus müssen wir auch über die Fragen sprechen: Wie stellen wir den Schienenfernverkehr in der Fläche sicher? Wie können vor Ort Elektromobilitätskonzepte entwickelt werden? Dafür gibt es gute Beispiele, Stichwort Best-Practice-Beispiele. Ich glaube, dass es nicht ausreicht, solche Beispiele zu sammeln. Wir müssen auch in diesem Bereich für Weiterentwicklungen sorgen.

Außerdem müssen wir über die Energiepolitik sprechen. Landauf, landab wird über die Energiewende diskutiert. Ich glaube, dass das Ganze auch für die Entwicklung des ländlichen Raumes von großer Bedeutung ist, vor allem für die – dabei habe ich jetzt nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Aspekte im Blick – Tourismusunternehmer vor Ort; für diese Unternehmer ist die Energiefrage eine besondere. Wir brauchen Konzepte, wie wir die Energieeffizienz voranbringen und wie wir dafür sorgen, dass ländliche Betriebe energieeffizient aufgestellt sind, um bei steigenden Preisen im Energiebereich wettbewerbsfähig zu bleiben.

Außerdem müssen wir etwas gegen den Investitionsstau in diesem Bereich tun. In fast 80 Prozent der Landkreise wurde ein Investitionsstau im Beherbergungsgewerbe und in mehr als 60 Prozent in der Gastronomie festgestellt. Das alles ist verbunden mit einer Eigenkapitalquote von 2,8 Prozent, während die Eigenkapitalquote im Dienstleistungssektor bei knapp 20 Prozent liegt. Da braucht es Lösungen, und dazu habe ich in den vorliegenden Anträgen wenig bis gar nichts Konkretes gelesen. Gute Worte und Prüfaufträge helfen da nicht weiter. Auch eine Sammlung von Best-Practice-Beispielen hilft da nicht weiter, Herr Burgbacher.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Wir stehen noch vor weiteren Herausforderungen; ich habe es vorhin angesprochen. Ich verweise auf die Misere in den kommunalen Haushalten, Stichwort Bettensteuer. Die Kommunen müssen sich natürlich refinanzieren, wenn sie vor Ort investieren wollen – und sie müssen vor Ort investieren.

Wenn wir über die Entwicklung der ländlichen Regionen sprechen, müssen wir uns auch mit der Frage befassen: Wie überwinden wir das Kirchturmdenken? Nicht jede Destination endet an den Grenzen des Landkreises. Daran müssen wir alle gemeinsam arbeiten.

Ein weiteres Problem – das hat der Kollege Süßmair schon angesprochen – ist das Personal. Ohne Fachpersonal wird es im ländlichen Raum keine Entwicklung geben. Deswegen muss man sich die Frage stellen: Wie sieht es denn mit den Arbeitsbedingungen aus, und wie können wir dem Fachkräftemangel in der Branche im ländlichen Raum wirksam begegnen? Ich glaube, dass wir dazu neue Lösungen im Rahmen eines Gesamtkonzepts entwickeln müssen.

Ein Punkt, der ganz wichtig ist, ist das Marketing. Dazu ist in allen Anträgen immer die DZT angesprochen. Ich glaube aber, dass es zu kurz gesprungen ist, stets die DZT aufzufordern, im Marketing neue Anstrengungen zu unternehmen. Wir müssen vielmehr darüber nachdenken, welche Institutionen bei der Vermarktung, etwa im Ausland, noch genutzt werden können. Da gibt es eine breite Palette. Ich glaube, es wäre auch der DZT gegenüber nur fair, nicht alles immer bei ihr abzuladen. Da sind kreative Lösungen gefragt.

Sie haben landsichten.de angesprochen. Ich bin froh, dass es das in Deutschland endlich gibt, und danke den Machern außerordentlich herzlich dafür. Aber im Gegensatz zu dem Pendant in Österreich war es für unsere deutschen Kollegen nicht möglich, EU-Fördermittel zu bekommen. Auch das ist ein Problem. Auch hier müssen wir etwas ändern.

Was wir zunächst brauchen, ist eine ehrliche Bestandsanalyse. Ich glaube, das ist die Grundlage für alles das, was wir in der Folge konzeptionell erarbeiten. Wir müssen Hemmnisse beseitigen und den Weg für Chancen freimachen, bevor wir die Chancen in einem Konzept skizzieren. Eine Bundesstudie zu den Tourismuspotenzialen im ländlichen Raum kann hier wesentliche Grundlagen legen. Deswegen befürworten wir das, was die SPD in ihrem Antrag gefordert hat.

(Heinz Paula [SPD]: Danke!)

Aber eines muss man an dieser Stelle auch sagen: Es ist nicht überall sinnvoll, in die Förderung von Tourismus zu investieren. Wir sprechen hier auch über Nachhaltigkeit. Da muss man sehr genau hinschauen: Wo ist das Investieren überhaupt sinnvoll? Dort, wo es sinnvoll ist, müssen wir vor allem über Ansätze zur Verbesserung von Wertschöpfungsketten sprechen; denn nur dann, wenn mehr Geld in der Region bleibt, ist die Entwicklung im ländlichen Raum nachhaltig.

Wir haben als Grüne im Januar einen Fraktionsbeschluss gefasst, in dem wir verschiedene Vorschläge machen. Ich würde gern daran mitarbeiten, dass wir entsprechend dem Vorschlag von Herrn Paula zu einem interfraktionellen Antrag kommen, wie es auch bei anderen Themen im Tourismusbereich schon gute Sitte war. Wir sollten gemeinsam versuchen, unsere Vorschläge zusammenzuführen und dann im Interesse der ländlichen Regionen in Deutschland eine gute Lösung zu finden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Unsere Prämisse: Es muss nachhaltig sein; es muss zukunftsgerichtet sein. Wenn das gegeben ist, dann sehen Sie uns an Ihrer Seite. Das ist im Moment noch nicht gegeben. Wenn wir einen gemeinsamen Antrag hinbekommen, ist das umso besser.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

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