Bundestagsrede von Monika Lazar 24.05.2012

Homosexualität im Sport

Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Wir stimmen dem Antrag der SPD zu – auch, weil die Grünen bereits in der letzten Wahlperiode einen Antrag mit ähnliche Forderungen eingebracht haben.

Dazu zählt zum Beispiel die Einrichtung eines Nationalen Aktionsplans gegen Homophobie. Die Schaffung dezentraler Anlaufstellen und eine Anhebung des Budgets für die Antidiskriminierungsstelle auf 5,6 Millionen Euro sind auch aus unserer Sicht gute und richtige Schritte, um das Outing junger Sportlerinnen und Sportler zu erleichtern und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Dazu zählt auch, dass Übungsleiterinnen und Übungsleiter für das Thema Homosexualität sensibilisiert werden. Denn häufig scheitert es an der Kommunikation innerhalb des Vereins. Junge Menschen brauchen hier kompetente und vor allem niedrigschwellige Unterstützung.

Vor einem Jahr haben wir gemeinsam in der Anhörung im Sportausschuss zum Thema „Homosexualität im Sport“ diskutiert. Im Juni letzten Jahres wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie zum Thema „Homophobie, Rassismus und Sexismus im Fußball“ veröffentlicht. Aber immer noch ist der Umgang mit Homosexualität im Sport besonders im Fußball stark verbesserungswürdig. Das fängt bei den Vorbildern im Spitzensport an: Die Beispiele von sich outenden aktiven Sportlerinnen und Sportlern kann man an einer Hand abzählen. Zur Fußball-WM der Frauen im letzten Jahr wurde eine repräsentative Umfrage veröffentlicht mit dem Ergebnis: 86 Prozent wäre es egal, wenn sie erführen, dass eine Spielerin der deutschen Nationalmannschaft lesbisch sei. 10 Prozent fänden das sogar gut. Als die Torhüterin des deutschen Nationalteams sich 2011 zu ihrer Bisexualität bekannt hat, hofften alle auf einen entspannteren Umgang mit dem Thema.

Das Gegenteil ist passiert: Philipp Lahm, den wir bald wieder bejubeln werden in Polen und der Ukraine, hat seinen schwulen Kollegen öffentlich von einem -Outing abgeraten. Zitat: „Es ist schade, aber Schwulsein ist im Fußball – anders als in Politik und Show-geschäft – immer noch ein Tabuthema.“

Apropos Polen und die Ukraine: Mein Kollege Volker Beck ist vor einigen Tagen zur Kiew-Pride gereist. Auf dem Fest sollte für einen offenen und toleranten Umgang mit Homosexualität in der Gesellschaft geworben werden. Am vergangenen Sonntag ist es kurzfristig abgesagt worden. Grund sind Angriffe von neonazistischen Kosaken und christlich-fundamentalistischen Gegendemonstranten auf die 700 friedlichen Lesben, Schwulen und Transgender in Kiew.

Und jetzt fahren „unsere Jungs“ bald in die Ukraine und können sich wahrscheinlich nicht durchringen, mehr als ein paar Phrasen für Toleranz aufzusagen und wieder abzureisen – wenn sie das Thema überhaupt erwähnen werden und sich nicht doch besser zurückhalten vor dem Hintergrund der vieldiskutierten politischen Situation im Land.

Das ist traurig und wirft kein gutes Licht auf den deutschen Sport und damit auch auf die Gesellschaft. Wir brauchen ein stärkeres Bewusstsein für die verschiedenen Formen von Diskriminierung, Rassismus und Homophobie. Denn wie kann die DFB-Elf offen für einen positiven Umgang mit Homosexualität in der Ukraine einstehen, wenn dies sogar im eigenen Land schwerfällt? Daher finde ich die Unterstützung der Fanprojekte, die sich für offenen und diskriminierungsfreien Sport einsetzen, eine der zentralen Aufgaben der Politik in diesem Bereich. Nur so kann der Kampf gegen Homophobie in Sport von der wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz gegenüber Lesben und Schwulen begleitet werden und es homosexuellen Sportlerinnen und Sportlern ermöglichen, offen mit ihrer Sexualität umzugehen.

Aus meiner Sicht kann daher ein Antrag für einen Bewusstseinswandel im Sport nicht oft genug eingebracht werden. Gut, wenn sich die SPD auch von unserem Antrag zur Diskriminierung im Fußball Anregungen geholt hat. Wenn jetzt noch die Koalition lernfähig bei dem Thema ist, wäre es noch besser. Aber: Wir bleiben dran!

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