Bundestagsrede von 10.05.2012

Taxonomie in der Biologie

Undine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Es heißt immer wieder, dass Wissen Macht sei; auf jeden Fall sollte man Entscheidungen nicht ohne das nötige Wissen fällen. Im Bereich des Biodiversitätsschutzes sind wir – das müssen wir uns leider eingestehen – ziemlich ahnungslos und damit auch machtlos. Weil es das zu ändern gilt, begrüßen und unterstützen wir den Antrag zum Schutz der biologischen Vielfalt (Drucksache 17/3484) ausdrücklich.

Leider müssen wir aber auch feststellen, dass die Debatten um den Antrag zum Teil ziemlich am Thema vorbeigegangen sind. Der Antrag stellt richtigerweise fest, dass wir ein enormes Problem im Forschungsbereich der Taxonomie haben.

Da ist es für mich aber schon verwunderlich, dass die Biodiversitätsforschung und speziell die Taxonomie in einem Atemzug mit der Nationalen Forschungsstrategie zur BioÖkonomie behandelt wurde. Denn in dieser Forschungsstrategie ist die Taxonomie mit keiner Silbe erwähnt, und inhaltlich zielt die Nationale Forschungsstrategie zur BioÖkonomie auch in eine andere Richtung.

Die Forschungsstrategie formuliert die „verantwortungsvolle Gentechnik“ als eines ihrer Ziele und widerspricht somit dem eigentlichen Ziel des Antrags unserer Kolleginnen und Kollegen der SPD-Fraktion. Ziel des Antrags ist es, die biologische Vielfalt zu schützen, dazu diese Vielfalt kennenzulernen, ihre Funktionen zu begreifen und besser bestimmen zu können. Dazu muss die Taxonomie gestärkt werden, denn ohne Wissen das Wissen über die Arten kommen wir beim Schutz der Artenvielfalt nicht weiter.

Es gibt heute leider zu wenig Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die in diesem Gebiet ausgebildet werden. Somit fehlen uns zunehmend jene Expertinnen und Experten, die über die biologische Vielfalt konkret Auskunft geben können, sie erfassen und dokumentieren könnten.

Die Biodiversitätsforschung hat in den letzten 20 Jahren trotz stagnierender finanzieller Unterstützung Fortschritte bei Erkenntnisgewinn und interdisziplinärer Vernetzung gemacht, weist aber immer noch eklatante Defizite auf. Millionen von Arten sind noch immer unentdeckt. Viele von ihnen rottet der Mensch aus, bevor er sie überhaupt kennengelernt hat. Große Ökosysteme wie die Tiefsee, der Boden oder das Grundwasser sind noch weitgehend unerforscht. Das Verständnis der funktionalen Zusammenhänge innerhalb von Ökosystemen und die Wirkung menschlicher Aktivitäten darauf ist für viele Systeme noch lückenhaft.

Die Taxonomie schafft eine der Grundlagen für Maßnahmen, die auf biologische und ökologische Systeme und ihren Schutz abzielen. Eines scheint klar: Um arbeiten und forschen zu können, benötigen die Wissenschaft und die Forschung im Bereich der Biodiversität mehr gesellschaftliche Unterstützung und Anerkennung. Leider gehört aber gerade die Taxonomie zu den vernachlässigten Wissensgebieten, die als vermeintlich nachrangig angesehen werden, zumindest in den Augen der CDU/CSU und der FDP.

Nationale wie internationale Anforderungen im Bereich der Biodiversitätspolitik haben die Biodiversitätsforschung wieder etwas gestärkt. So begrüßen wir es, dass das UN-Sekretariat des internationalen Wissenschaftlergremiums für Biodiversität, IPBES, in Bonn angesiedelt werden soll. Damit erwarten wir aber auch von der Bundesregierung, dass die Biodiversitätsforschung und insbesondere die Taxonomie in Deutschland ihre gebührende Wertschätzung in Wissenschaft und Forschung erhält und dies auch durch eine bessere Förderung zum Ausdruck gebracht wird.

Der Verlust von Arten, Lebensräumen und genetischer Vielfalt bedeutet ein kaum kalkulierbares Risiko für die Integrität unserer Umwelt, unserer Landnutzungssysteme, der natürlichen Rohstoffquellen, der Wasserversorgung großer Regionen etc., erst recht, wenn wir zugeben müssen, dass wir von den Zusammenhängen und den Akteuren in diesen Ökosystemen nur ein extrem lückenhaftes Wissen haben.

In den Hochschulen muss die wissenschaftliche Ausbildung von Biologen, Taxonomen, Biogeografen und Umweltbildungsfachleuten wieder einen größeren Stellenwert erhalten. Gesamtstaatliche Förderinstrumente können Anreize schaffen, mit denen eine gewisse überregionale Steuerung möglich ist. Eine nationale Schwerpunktbildung der vorhandenen Fachkompetenzen und Sammlungsressourcen muss begonnen werden. Damit muss ermöglicht werden, auf aktuelle Entwicklungen forschungspolitisch schnell zu reagieren. Ebenso müssen entsprechende Forschungsprojekte besser europäisch vernetzt und international angebunden werden.

Ein weiteres spezielles Problem im Bereich der Biodiversitätsforschung stellen die Sammlungen dar, und zu Recht verlangt der Antrag nach einem besseren Konzept für die Erhaltung dieser Sammlungen. Der Verlust von Sammlungen ist gleichzusetzen mit dem Verlust von Wissen, da jeweils große Teile der Sammlungen unwiederbringlich sind. Es kommt darauf an, das vorhandene Wissen zu bewahren und zu erweitern.

Deutschland hat sich international zur Erhaltung seiner naturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Sammlungen verpflichtet. Doch diesen Verpflichtungen wird die Politik von Schwarz-Gelb nicht gerecht. Sammlungen sind unverzichtbare Institutionen im Gefüge der globalen Forschungsinfrastruktur; sie tragen darüber hinaus zur Ausbildung von Spezialisten bei und vermitteln naturwissenschaftliches Wissen an die Öffentlichkeit, Interessenverbände, Schülerinnen, Schüler und Studierende und sind somit wichtige Partner für den Naturschutz, die Raum- und Landschaftsplanung sowie für staatliche Behörden. Doch die personelle Besetzung der Forschungsmuseen gestaltet sich zunehmend dramatisch; für viele Arbeitsgebiete und Organismengruppen gibt es bereits keine Spezialisten mehr. Daher bedarf es der Auflage eines Förderprogramms und eines umfassenden Konzepts für wissenschaftliche Sammlungen analog zur Förderung von Sammlungen im Bereich der Kultur, zum Beispiel für die Rettung und dauerhafte Erhaltung akut -bedrohter Sammlungen oder zur Modernisierung der Sammlungsinfrastruktur einschließlich der Digitalisierung und Stärkung der arbeitsteiligen Zusammenarbeit zwischen den Sammlungen. Hier muss die Bundesregierung deutlich aktiver werden und endlich die Zeichen der Zeit erkennen und ihre Verpflichtungen wahrnehmen. Indem sie eine zusätzliche Förderung der Taxonomie als „nicht zielführend“ ablehnt, ignoriert sie die Bedeutung der Taxonomie und der taxonomischen Sammlungen für den Naturschutz, aber auch für die Wohlstandsentwicklung unserer Gesellschaft. Sie handelt damit grob fahrlässig!

Mit jeder aussterbenden Tier- und Pflanzenart gehen raffinierte technische Lösungen und andere Werte für den Menschen für immer verloren. Es war Konrad Adenauer, der sagte: „Es gibt auf Dauer keinen wirtschaftlichen Fortschritt, ohne dass die Wissenschaft auch gepflegt wird.“ Das ist richtig, aber man muss dazu auch noch Frederic Vester zitieren, der davon sprach, dass es „Sinn mache, von der Natur zu lernen, einer Firma, die in 4 Milliarden Jahren nicht Pleite gemacht hat“. In diesem Sinne müssen wir die wachsende Bedeutung der Biodiversitätsforschung nicht nur für den Erhalt der Artenvielfalt, sondern auch für Ernährung, Land- und Forstwirtschaft, Klimaschutz, Medizin, Pharmazie, Bionik bis hin zur Vorbereitung internationaler Schutzabkommen stärker anerkennen und besser fördern. Daher unterstützen meine Fraktion und ich diesen Antrag und stimmen ihm zu.

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