Bundestagsrede von 22.11.2012

Einzelplan Bildung und Forschung

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Das Wort hat nun Arfst Wagner für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Arfst Wagner (Schleswig) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich kann mein Manuskript in die Tonne treten, weil Sie mich in der Diskussion so angeregt haben, dass ich darauf gar nicht zurückgreifen möchte. Ich komme von der Nordseeküste; da geht es meistens stürmisch zu. Ich wünsche mir aber in der Bildungsdebatte ein wenig von der Sensibilität, die wir in der vorangegangenen Debatte über die Beschneidung erlebt haben.

Wir müssen uns immer bewusst machen, wer eigentlich unsere Auftraggeber und Auftraggeberinnen in der Bildung sind. Wenn ich Schülerinnen und Schülern diese Frage stelle, dann antworten sie unsicher: Das Kultusministerium? Darauf frage ich: Habt ihr noch eine andere Antwort? Dann kommt vielleicht von einem bescheidenen Mädchen aus der letzten Reihe die Antwort: Meine Mutter? Dann sage ich: Geht es nicht ein bisschen genauer? Aber sie kommen in der Regel nicht auf die richtige Antwort, sodass ich als Lehrer meistens sagen muss: Jetzt bin ich enttäuscht von euch. Das seid doch ihr.

Bei der Gewichtung der bisherigen Debatte habe ich als Pädagoge – ich war bis vor einem halben Jahr Lehrer – bemerkt, dass viele Kolleginnen und Kollegen den Schwerpunkt des Bildungsbegriffes am Ende des Bildungsprozesses sehen. Er liegt eher bei der Forschung oder bei dem Thema, mit dem ich jetzt im Ausschuss besonders befasst bin, nämlich bei der Qualifikation und insbesondere bei der Berufsqualifikation. Wir müssen uns aber klarmachen, dass der Bildungsbegriff viel weiter gefasst ist und dass dabei nicht nur eine Rolle spielt, wie wir junge Menschen auf den Beruf vorbereiten – das ist sicherlich wichtig, und auch ich werde das wichtig nehmen, weil es meine Aufgabe ist –, sondern dass Bildung ein umfassendes Menschenbild erfordert.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen sowie die Frage, ob wir den Menschen von seiner Qualifikation her so vorbereiten, dass er in seinem Beruf funktionieren kann, sind wichtig. Nicht die Ausrichtung auf den Arbeitsmarkt, sondern die Bildung zum ganzen Menschen ist zuallererst wichtig.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Das erfordert natürlich eine Umstrukturierung der Bildung. Darüber sollten wir alle in den nächsten Jahren sehr viel nachdenken. Wir sollten vielleicht parteiübergreifend einen Bildungsprozess anstoßen, der die Bildungsrepublik Deutschland wahr werden lässt. Auch in der Debatte über Europa müssen wir die kulturelle Bildung der Kinder und Jugendlichen sowie der Erwachsenen noch viel stärker ins Auge fassen. Europa ist bisher in den bundesdeutschen Schulen so gut wie gar nicht angekommen. Das muss geändert werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der LINKEN und der FDP)

Es geht nicht nur um berufliche Qualifikation, sondern auch darum, dass junge Menschen in die Lage versetzt werden, ihre Emotionen auszudrücken und eine Sprache für die Dinge zu finden, die sie bewegen, ob sie gut träumen oder eine gute Verdauung haben, ob sie vielleicht von Wut erfüllt sind und von unterdrückten Begierden bestimmt werden. Das sind Themen, die in der Bildung eine genauso wichtige Rolle spielen. Wie wir alle wissen, ist die heutige Welt komplex. Wenn ich so etwas sage, spreche ich nicht gegen eine vernünftige Vorbereitung auf einen Beruf.

Wir müssen auch in der Migration Wege finden, offensichtliche Ungereimtheiten in der internationalen Verknüpfung der Qualifikationen zu begradigen. Wenn zum Beispiel die Qualifikation eines russischen Krankenpflegers in Deutschland nur deshalb nicht anerkannt wird, weil er zwei Jahre zu lange studiert hat, ist das völlig absurd. Er hat fünf Jahre gelernt – hier sind nur drei Jahre erforderlich –, und dann wird das nicht anerkannt.

Eine Vergleichbarkeit funktioniert leider nicht einmal in unserem Bachelor‑/Master-System länderübergreifend. Auch da müssen wir schauen, dass das System evaluiert wird und dass wir erst einmal innerhalb Deutschlands die Begradigung der Ausbildung innerhalb der Bachelor‑/Master-Studiengänge hinbekommen. Das müssen wir unbedingt vorantreiben; denn wenn wir es nicht schaffen, die Menschen von der inneren Mobilität her auf die äußere geforderte Mobilität vorzubereiten, verlieren wir erst einmal menschliches Kreativpotenzial. Wir verlieren aber auch für die Volkswirtschaft Fähigkeiten; denn jeder Mensch, bei dem es nicht gelingt, dessen Kreativpotenzial entsprechend zu fördern, belastet letztlich sogar die Volkswirtschaft. Es ist einfach zu teuer, nicht entsprechend in die Bildung zu investieren, um diese Dinge auch im Hinblick auf den erweiterten Bildungsbegriff in Angriff zu nehmen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Herr Kollege, Sie müssen zum Ende kommen.

Arfst Wagner (Schleswig) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich komme zum Ende. Vielleicht habe ich aber einen kleinen Sonderbonus von zehn Sekunden. – Das als Schluss: Ich habe gestern eine Mail von einem Studenten bekommen, der sein Studium selber finanziert. Er wird jetzt 30. Die Krankenversicherung fällt weg, und das BAföG fällt weg, weil er innerhalb des Bachelor-/Master-Systems studiert. Er fragt mich: Soll ich lieber arbeitslos werden? Das ist für den Staat viel teurer, als wenn er mir ein anständiges BAföG bezahlt, ich in einem Jahr 50 000 Euro verdiene und dann anständig Steuern zahlen kann. Insofern: Bitte, BAföG-Erhöhung sofort! – Das möchte ich zum Schluss sagen. Das nächste Mal mehr.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Lieber Kollege Wagner, Sie haben einen Bonus von 100 Sekunden bekommen, weil das heute Ihre erste Rede war. Gratulation und alles Gute für die weitere Arbeit!

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