Bundestagsrede von 29.11.2012

Promovierende

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Deutschland hat eine außergewöhnlich hohe Promotionsquote. Dafür gibt es spezifische Gründe: In Deutschland ist die Promotionsphase nicht nur die erste Berufsstation in der Wissenschaftskarriere. Die Promotion in Deutschland ist auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt als Qualitätsauszeichnung anerkannt – und zwar nicht nur in den Sonderfällen Medizin und Chemie. Dieser Doppelcharakter lässt sich nicht ohne massive Verwerfungen auflösen, und wir Grünen wollen ihn im Unterschied zur Linkspartei auch gar nicht auflösen. Wir wollen vielmehr die Vielfalt der Wege zur Promotion erhalten.

Externe Promotionen neben dem Beruf oder Promotionen mit Stipendien haben genauso ihre Berechtigung wie Promotionen auf Qualifizierungsstellen. Strukturierte Angebote in Kollegs und Graduiertenschulen sind auszubauen, ohne die Möglichkeit zur klassischen Einzelpromotion einzuschränken. Entscheidend ist es, für jeden dieser Wege die Bedingungen zu verbessern. Das hilft den Promovierenden, das wird aber auch die Qualität der Promotionen weiter erhöhen.

Durch die Exzellenzinitiative und die Graduiertenschulen ist die Promotionspraxis in den letzten Jahren in Bewegung gekommen. Die Universitäten übernehmen immer mehr Verantwortung für die Promotion. Von dieser Verobjektivierung können und sollen alle Promotionsverhältnisse profitieren.

Das beginnt mit einem einheitlichen Gruppenstatus für Promovierende, damit endlich transparent wird, wie viele Menschen in Deutschland überhaupt promovieren und wer, wo und bei wem promoviert oder auch sein Promotionsvorhaben abbrechen muss. Ohne diesen Gruppenstatus ist auch eine effektive Interessenvertretung schlicht nicht möglich.

Verobjektivierte Verfahren braucht es auch beim Zugang zur Promotion, damit er fairer wird und die Qualität gesichert wird. Promotionsmöglichkeiten sollten grundsätzlich in einem offenen und transparenten Bewerbungsverfahren vergeben werden. Das gilt für Stellen wie für Stipendien oder die Betreuung Externer. Die Chancen zum Promovieren dürfen nicht nur diejenigen haben, die ihrem Doktorvater inhaltlich und habituell am ähnlichsten sind oder schon im Studium am Rockzipfel ihrer Doktormutter hingen. Hierzu gehört auch, dass sehr gute FH-Absolventinnen und ‑Absolventen eine faire Chance zu promovieren bekommen. Hier müssen sich die Universitäten für Kooperationen, zum Beispiel auch für kooperative Kollegs zwischen Fachhochschulen und Universitäten, öffnen.

Wir wollen auch, dass es für jedes Promotionsvorhaben eine individuell zugeschnittene – beide Seiten -bindende – Promotionsvereinbarung gibt. Promotionsvereinbarungen helfen, die Promotionsphase zu strukturieren, und vergegenwärtigen den betreuenden Professorinnen und Professoren, welche Verpflichtungen sie gegenüber den Promovierenden eingehen.

Promovierenden auf Qualifikationsstellen muss darüber hinaus ausreichend Zeit für die eigene Arbeit an der Promotion zur Verfügung stehen. Wir wollen, dass das im Arbeitsvertrag explizit festgehalten wird. Außerdem soll die Befristung in der Regel so terminiert werden, dass die Qualifizierungsarbeit in diesem Zeitraum auch abgeschlossen werden kann.

Promovierenden ohne Qualifikationsstelle fehlt dagegen häufig die Anbindung an die Universität und den Wissenschaftsbetrieb. Wir wollen, dass auch Promovierende mit Stipendium oder im Beruf regelmäßig an Forschungskolloquien teilnehmen können, dass ihnen Qualifizierungen angeboten werden und dass sie die Gelegenheit bekommen, Lehrerfahrung zu sammeln. Reguläre Arbeitsleistungen im Labor oder in der Lehre haben dagegen bei einer Stipendienfinanzierung nichts zu suchen. Stipendiatinnen und Stipendiaten sollten aber in jedem Fall wie Studierende in der gesetzlichen Krankenversicherung einen besonderen Tarif erhalten. Auch dafür ist ein einheitlicher Status an der Uni sinnvoll.

Bei allen berechtigten, sinnvollen und erforderlichen Maßnahmen zur Verbesserung der Promotionsbedingungen: Die größten Probleme für den wissenschaftlichen Nachwuchs bestehen heute aus meiner Sicht nicht bei den Promotionen, sondern im Postdoc-Bereich. Das kommt im vorliegenden Antrag der Linkspartei viel zu kurz.

Entscheidend ist es, den hochmotivierten und ausgezeichneten Postdocs verlässlichere, berechenbarere Anschlussperspektiven im Wissenschaftsbereich zu -geben, um tatsächlich die besten Köpfe in der Wis-senschaft zu halten. Dazu brauchen wir keine 200 000 Vollzeitpromotionsstellen, wie es die Linkspartei vorschlägt, sondern ausgewogenere Personalstrukturen – an den außeruniversitären Forschungseinrichtungen, vor allem aber an den Universitäten. Nötig sind genügend mehrjährige Postdoc-Stellen, Juniorprofessuren und Professuren. Nötig sind aber auch neue Personalkategorien für selbstständige Forschung und Lehre neben der Professur, damit nicht jede erfahrene Wissenschaftlerin und jeder erfahrene Wissenschaftler, die oder der den Sprung auf eine der wenigen Vollprofessuren nicht oder nicht gleich schafft, gar keine Perspektive an der Hochschule mehr hat. Denn nur mit abhängigen Forschungs- und Lehranfängerinnen und -anfängern – und genau das sind die Promivierenden – werden die gewachsenen Aufgaben der Universitäten in Forschung und Lehre, Wissens- und Technologietransfer, Weiterbildung oder Internationalisierung nicht zu bewältigen sein.

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